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Bus oder Bahn?
Bus oder Bahn? Oft hat man in China beide Transportmittel zur Auswahl. Der Zug ist grundsätzlich gemütlicher zum Reisen, speziell in den Gegenden wo noch keine modernen Autobahnen existieren. Zudem kommt man auf längeren Nachtfahrten in einem Schlafabteil ausgeruhter ans Ziel, als in einem Bussessel. Der Nachteil sind die Fahrpläne. Oft fahren nur wenige Züge in die gewünschte Richtung und die heiss begehrten Tickets sind schon Tage im voraus ausverkauft. Am Bahnhof zumindest, Reiseagenturen können manchmal gegen einen Aufpreis noch kleine Wunder bewirken. Oder auch einem Taxifahrer habe ich schon ein Zugticket abgekauft.
Wie man in China Brücken überbrückt
In der einsamen Grenzregion der beiden Staaten Guangxi und Guizhou war der Bus die einzige Möglichkeit. In Guilin war alles noch sehr nobel, all 20 Minuten fahren die Busse gegen Nordwesten und es war kein Problem einen Platz zu erlangen. Doch die Fahrt sollte nicht lange dauern, eine Baustelle bei einer Brücke machte ein Weiterkommen unmöglich. Doch durch Zufall oder gut organisiert, stand auf der anderen Seite des Flusses ein anderer Bus bereit uns aufzunehmen. Also, schnell durch den Dreck stampfen und auf einem Beton Mäuerchen rüberbalanzieren und weiter ging die Reise.
Unterwegs mit dem Mitternachts-Express
Die Gegend hier ist bekannt wegen den auf steilen Berghängen angelegten Reis Terrassen. Deshalb hatte ich vor von Longsheng aus in ein Reisbauern Dorf zu gelangen, um mir das genauer anzusehen. Sobald also der Bus auf einem dreckigen Innenhof in Longsheng zu einem Halt kam, umringten mich schon einige wünderschön gekleidete junge Frauen und wollten mir ihre Unterkunft in ihren Dörfern schmackhaft machen. Wie so oft beschränkte sich die Konversation auf die paar Fotos die sie mir zeigten und auf die Zeichensprache. Somit wählte ich einfach mal die netteste der Damen aus und folgte ihr zu einem Minivan, der uns in ihr Dorf bringen sollte.
Reisebereit hockten wir nun zu zehnt mitsamt Gepäck in diesem 8-Plätzer, doch der Fahrer war noch mit jemandem in ein heftiges Gespräch verwickelt. Bald darauf mischten sich die anderen Fahrgäste auch einer um den anderen ein, jeder gab seinen Kommentar ab und die Stimmen wurden immer lauter. Ich schätzte mal, da wollte noch jemand unbedingt mitfahren und da es schon am Eindunkeln war, war das vielleicht die letzte Möglichkeit. Also opferte halt ein Fahrgast seine Beine als zusätzlichen Sitz. Nun rumpelten wir endlich los. Nach einer guten halben Stunde merkte der Fahrer aber, dass er zu wenig Benzin haben werde, um ans Ziel zu gelangen. Also diese halbe Stunde wieder zurückgefahren, um zu tanken.
Und nochmals ging es los. Meine Beine schmerzten mich jetzt schon wegen dem drückenden Rucksack auf den Knien und Null Beinfreiheit. Doch es sollte noch einiges schlimmer werden. Von wegen in der Nähe des Städtchens Longsheng, der VW Bus stieg sicher noch zwei Stunden bei stockdunkler Nacht den Berg hoch und bei dieser immer gleichen Sitzposition kam ich effektiv an die Schmerzgrenze. So viel zu Verständigungsproblemen mit verführerisch hübsch gekleideten Einheimischen.
Die Reis Terrassen bei Dazhai
Erst am nächsten Morgen, als ich verschlafen aus dem Fenster schaute, erkannte ich die herrliche Lage des Bauernhauses, welches mir gestern Abend Unterkunft gewährte. Auf allen Seiten glitzerte das Wasser der Reis Terrassen im ersten Morgenlicht. Nach einem etwas ungewohnten Frühstück, natürlich aus einer Schüssel Reis bestehend, machte ich mich auf eine Erkundungstour. Nun brachte ich auch in Erfahrung, dass ich mich in Dazhai befand, einem winzigen Dörfchen, weit abgelegen in einem Seitental. Wie aber kam ich von hier weiter?
Gegen Mittag wartete ich mit vielen Einheimischen bei einem Unterstand auf ein Transportmittel. Ich schien Glück zu haben, schon bald kurvte ein Minibus huppend um den letzten Felsbrocken. Andererseits hätten all die Leute sicher drei bis vier Busse füllen können, ob ich wohl einen Platz ergattern könnte? Lustigerweise stellte sich heraus, dass die paar Holzbänke der Haltestelle mehr als Treffpunkt zu einem gemütlichen Schwatz dienten und schlussendlich stiegen gerade mal fünf Personen in den Bus ein.
Die enge Schotterstrasse wand sich holprig zwischen den Bergflanken und einem stattlichen Bach durch. Eine Konzentrationsnachlässigkeit hätte fatale Folgen gehabt. Doch der geschickte Fahrer meisterte die Strecke zurück nach Longsheng problemlos.
Auf der Fahrbahn die keine war
Kaum ausgestiegen, wurden meine Ohren gleich von etlichen Bus Helfershelfern mit den Name von Ortschaften bombardiert. Als ich meinte einen Namen einer westich gelegenen Stadt zu hören, folgte ich derjenigen Person zu einem bereits fast davonrollenden Gefährt. Tatsächlich mussten die Fahrgäste auf der hintersten Sitzreihe unter Nasenrümpfen zusammenrutschen, damit ich Platz nehmen konnte. Die Strasse war in einem furchtbaren Zustand. Riesige Löcher liessen Zweifel aufkommen, ob es überhaupt eine Fahrbahn war. Nur schien das den sich hinter einer Mafiosi Sonnenbrille versteckende Fahrer wenig zu beeindrucken. Entweder riss er vor so einem Hinderniss einen Notstopp, so dass der hier schreibende Fahrgast von seinem ungeschützten Sitz in der Mitte fast durch den Gang geschleudert wurde, oder es ging Vollgas über die Aushöhlung und wir alle der hintersten Reihe hatten temporär den Hintern in der Luft.
Begegnung mit den Volksminderheiten von China
Die Route führte den ganzen Tag auf der rechten Uferseite einem Fluss entlang. Hie und da passierten wir Dörfer aus reinen Holzhäusern, wo Passagiere ein- und ausstiegen. Schmale Hängebrücken verbinden auch Siedlungen auf der anderen Seite des Flusses. Diese Gegend ist bekannt für seine Volksminderheiten. Die Leute kleiden sich sehr traditionell und oft dominiert eine bestimmte Farbe. Die Frauen haben bis knielange, schwarze Haare, welche sie aber mit Hilfe eines Kamms und einer Mütze über den Schultern tragen. Auch schwere Ohrringe, welche die Ohrläppchen runterziehen und grosse Löcher entstehen lassen, sind sehr beliebt. Auffällig ist, dass die Leute sehr gelassen wirken und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Da kann der Bus noch so nahe vorbeirasen, die Reifen nur Milimeter von den Zehenspitzen entfernt, doch sie bleiben lieber in der so typischen Kauerstellung, schauffeln mit den Essstäbchen Reis in den Mund, plaudern, spielen Karten oder bestenfalls schauen sie sich um, aber niemals würden sie weichen. Scheint ein sehr gefährlicher Ehrenkodex zu sein.
Nach fünf Stunden erreichte der Bus Sangjiang und so gut druchgeschüttelt hatte ich sicher mal genug für Heute.
Kommunikation per Pappkarton
Als ich am nächsten Tag reiseberiet in den Busbahnhof eintrat und den Reiseführer mit dem chinesischen Ortsnamen aufgeschlagen an die Glasscheibe drückte, ramschte die Angestellte in einer Schublade rum und drückte nun ihrerseits einen Pappkarton an die Scheibe: Go to the other terminal. Herrlich wie man so wortlos kommunizieren kann.
Der chinesische Karaoke Bus
Der Fingerspitze der Dame folgend, eine lange Brücke überquerend, gelangte ich zu dem anderen Busterminal. 10 Minuten später holperten wir im nächsten Minibus von dannen. Drei kleine Ventilatoren versuchten erfolglos die Schweiss Ströme zu lindern, aus dem Fernsehgerät dröhnten abwechselnd herzzerreissende Schnulzen im Karaoke Stil zum Mitsingen und billige Hong Kong Actionfilme, wo hunderte in den Maschinengewehr Salven zu sterben scheinen und er Held in der Luft schwebend etliche Feinde vernichtende Fusstritte verabreichen kann. Zudem klingelte all paar Minuten irgendwo ein Handy. Es ist wirklich unglaublich wie weit verbreitet das kleine Teil ist. Da kann jemand noch so ärmlich aussehen, mit selbstgeflochtenen Sandalen und löchrigen Kleidern, ein Telefon haben immer alle dabei. Ausserdem lieben es die Chinesen laut zu sprechen, als möchten sie, dass alle Mitreisenden ihre Gespräche auch mitverfolgen können.
Der Bagger ist nicht nur zum Baggern da
Plötzlich kam der Bus zu einem abrupten Stopp. Ein Lastwagen mit einem fehlenden Rad machte in einem Engpass die Weiterfahrt unmöglich. Ich wollte mich soeben mit einem Buch auf eine längere Reparatur Wartezeit einstellen, als ein mächtiger Bagger eine Geröllhalde meisternd die Kolonne umfuhr. Mit der reisigen Schaufel drückte er den Lastwagen an die Wand, damit die anderen Fahrzeuge passieren konnten. So einfach war das.
Der Fahrer schien richtig aufzublühen, da die Strasse wieder frei war. Von den drei Pedalen war nur noch das Gaspedal gut genug. Das Bremspedal wurde durch Hupen ersetzt. Die Gegenfahrbahn wurde zur privaten Überholspur, alle kleineren und schwächeren Verkehrsteilnehmer wurden an den Strassenrand verdrängt. Das einzig gute an diesen mörderischen Fahrstil war, dass wir bald schon in Congjiang ankamen.
Jiang irgendwas
Die gelangweilt Trauben kauende Angestellte hinter dem Schalterfenster im Busterminal von Congjiang, schüttelte nur den Kopf, als ich den Namen der Provinzhauptstadt Rongjiang aussprach. Auch auf das Nennen der nächst grösseren Stadt gab es wieder das gleiche Kopfschütteln, samt einer handvoll Trauben in den Mund. Genau hinter mir, entlang der ganzen Breite der Schalterhalle, hockten sicher gegen 30 junge Männer rum und beobachteten interessiert, was der Ausländer jetzt wohl machen würde. Dieser schritt mit seinem hinten und vorne geschulterten Rucksäcken vorbei, nahm die Treppe zu den Bussen runter und fragte nun jeden, der wie ein Busfahrer aussah, nach Rongjiang. Jedesmal sagte ich das Wort etwas anders, abwechselnd sagte ich Rongtschiang, Ronchiang, Roniang, mal mit Betonung auf der mittleren Silbe, mal auf der letzten.
Mein hingehaltener Papierfetzen mit den Namen in unserem Alphabet nützte erwartungsgemäss überhaupt nichts, die chinesische Schreibweise des Namens war mir unbekannt. Rontschan? Ronschan? Rongtschan? Die Leute schauten mich belustigt an, einige Zuschauer hatte ich schon im oberen Stock gesehen, die Show hatte sich von der Schlaterhalle auf die Abfahrts Plattform verschoben. Entschlossen setzte ich meine Strategie fort und versuchte den Ortsnamen richtig auszusprechen. Ein Missverständnis könnte gröbere Konsequenzen mit sich bringen. Die ganze Region war voller "jiangs" (Sangjiang, Congjiang, Rongjiang, Dongjiang, Fongjian, Gongjiang) und ein falscher Jiang-Bus würde mich wiederum einige Stunden tiefer ins Niemandsland bringen.
Endlich fand ich einen Minibusfahrer, der behauptete in die besagte Stadt zu fahren. Stolz zeigte er mir die zwei chinesischen Zeichen auf der Frontscheibe seines Buses, was seinen Andeutungen an eben Rongjiang sei. Das Zeichen für Jiang kannte ich in der Zwischenzeit, es stand auf sicher der Hälfte der Busse, aber wie zum Teufel schreibt man Rong? Alles tönte viel zu ähnlich. In einem regelrechten Wortgefecht rongjiangierten wir das Wort etliche mal hin und her bis wir es ähnlich aussprachen und ich schlussendlich einstieg. Aber sicher und erleichtert war ich erst, als ich 6 Stunden später im Städtchen ankam und eines der zwei Hotels Rongjiang hiess. Ich würde also von diesem elenden Namen noch in den Träumen begleitet!
Parallelen eines Flughafens und eines Busterminals
Auf einem Flughafen lächelt einem immer modern uniformiertes Personal an, welches nicht nur wegen einem geeigneten Lebenslauf, sondern sicher auch wegen einem attraktiven Äusseren den Job erhalten hat. Beim Busterminal von Rongjiang lächelte mir ein zwei Zähne missender Typ mit nachtem Oberkörper zu und fragte mich wahrscheinlich wohin ich wollte. Diesmal fand ich den Städtenamen zum Glück im Reiseführer und konnte ihm die zwei Zeichen zeigen. Darauf führte er mich zu einem der drei bereitstehenden Bussen und tatsächlich waren die Zeichen auf der Windschutzscheibe identisch. Wie fragt man nun: Um wieviel Uhr fährt der Bus ab? Ganz einfach, man schreibt die jetzige Uhrzeit auf, deutend auf den Bus und zuckt mit den Schultern. Darauf hin schrieb er 9:30 nebenan, also in 20 Minuten. Zu meinem Erstaunen setzte er sich dann pünktlich gleich selbst ans Steuer, ich hatte also vom Piloten höchstpersönlich Auskunft erhalten. Er setzte nach einigen Fehlversuchen das Gefährt in Bewegung, zwar immer noch mit zwei Zahnlücken, aber dafür mit einem über den Bauchnabel hochgekrempelten, weissen T-Shirt, der offiziellen Uniform der Busgesellschaft.
Multifunktionssäcke
Natürlich war auch er kein vernünftiger Fahrer, vielmehr Geschwindigkeits besessen und rücksichtlos. Die morgendliche Strecke war sehr gebirgig und somit sehr kurvenreich. Nicht umsonst hing all paar Sitzreihen ein Bund schwarzer Plastiksäcke zum Abreisen, für den Notfall, wenn der Magen nicht mehr so richtig mitmacht. Und die hatten reissenden Absatz oder eben Abriss. Leider wurden sie einige Male auch zu spät abgerissen und dementsprechend übel sah es schon bald aus und roch noch viel ekliger. Zudem spuckten die Chinesen noch fleissig rum, manche etwas zivilisierter eben in diese Multifunktionssäcke, andere zum Fenster raus, zwischen ihre Füsse oder am Schlimmsten auf dem Korridor!
Nie mehr bis zum nächsten Mal
Genau 10 Stunden brauchten wir um aus den Bergen in die Provinzhauptstadt Guyang zu gelangen. Nach drei Tagen mehr oder weniger auf Bussessel verdammt, hatte ich so richtig die Schnauze voll vom Busfahren und schwor mir keinen einzigen Bus mehr zu nehmen. Na ja, nie mehr bis zum nächsten Mal! |
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