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Korfu (Fähre von Igoumenitsa nach Korfu)
Lefkimmi - Agios Gordios
Hatte Nacht abwechslungsweise auf dem Sessel und auf dem Boden verbracht, fühlte mich aber trotzdem einigermassen ausgeruht. Linkerhand zogen die letzten Bergzüge Albaniens vorüber und kurze Zeit später legten wir im Hafen von Igoumenitsa an. Schaute mich vergeblich nach einem Zöllner um, der in meinem Pass rumblättern oder im Gepäck wühlen wollte. Doch keiner schien sich dafür zu interessieren. Also schlich ich zwischen zwei Lastwagen versteckt ins Land.
Jetzt hatte ich mir zwei Alternativen zurechtgedacht: entweder direkt die Berge im nördlichen Festland ansteuern oder eine weitere Fähre auf die Insel Korfu nehmen. Das Fahrplanlesen scheiterte an den zu geringen Alpha- und Beta-Kenntnissen, aber so ein Küstengardist beherrschte wenigstens die englische Uhrzeit einigermassen um mir weiterzuhelfen. So eine schwimmende Rostmühle (nichts im Vergleich zu der gestrigen Luxusfähre), tuckerte schlussendlich ganz in den Süden von Korfu runter, für ganze vier Passagiere, ein Lastwagen, ein Auto und ein Fahrrad.
Gemächlich startete ich die Inselrundfahrt und liess die Eindrücke des griechischen Alltags langsam einwirken. Sogar etwas Sonnenschein begleitete mich durch kleine Dörfer und Wälder; mal mit Meerblick, mal ohne; mal Hügel rauf, mal runter, aber immer sehr relaxed und easy, das pure Gegenteil vom italienischen Chaos der letzten paar Tage. Plötzlich tauchten die ersten felsigen Berge auf. Keine Frage, dass ich die Route sofort da hoch alterierte. Also, aus dem Sattel und die Haarnadelkurven hoch geschwankt. So hätte ich noch stundenlang weiterziehen können, wenn nicht diese kurzen Wintertage einem einen Strich durch die Rechnung machen würden und einem schon gegen 4 Uhr in Zugzwang von wegen Unterkunft suchen brächten.
Bei einer rasanten Abfahrt um einen Felsvorsprung, tauchte unten bei der Bucht plötzlich ein mächtiges, pinkes Ungestüm auf: The Pink Palace, bekanntes Backpacker's Heaven. War mir anfänglich nicht sicher ob ich hier bleiben sollte, aber ein super Zimmer mit Balkon und Meerblick, inklusive Morgen- und Nachtessen für 22 Euros erhält man auch nicht jeden Tag.
Agios Gordios
Die Entscheidung hier ein wenig zu bleiben und The Pink Palace als Basis für Tagesausflüge zu gebrauchen war schnell gefällt. Doch das Fahrrad sollte heute mal angekettet im Billard-Saal bleiben, hatte mir vorgenommen die umliegenden Berge zu Fuss zu erforschen. Wanderte und kletterte ganzen Tag in Olivenhainen und im Dickicht rum, belohnt durch wunderbare Aussichten auf die Küste und die Insel. Am Abend wurde zünftig nach Hellas Pils im Kühlschrank gegriffen, Reisegeschichtchen mit den anderen Reisenden ausgetauscht, Karten gespielt, einige Runden Billard und Tischfussball und der Stunden-Zeiger war plötzlich über der vier!
Agios Gordios
Nach einem langen, gemütlichen Frühstück im Kreise der inzwischen lieb gewonnen, pinken Familie, setzte ich heute ganz aufs Mountain Bike. War eine wahre Freude wie leicht es sich doch so ganz ohne Gepäck die Berge hoch schwingen lässt. Und immer wieder diese atemberaubenden Aussichten, da kann man gar nicht einfach durchrasen. Ich liess in den vielen Stopps die Umgebung genüsslich von den Augen verschlingen, einfach in die Weite des Horizonts starren, den Gedanken freien Lauf gewähren und die totale Ruhe, Einsamkeit und Freiheit tief einwirken lassen. Überquerte waldige Pass-Passagen, fuhr Hühner-Slalom in verschlafenen Bergweilern, schreckte Geissenherden auf, lieferte wahrscheinlich Gesprächsstoff für die gelangweilt in Kafenios rumhängenden älteren Herren, lieferte ein Velorennen mit einigen herausfordernden Kindern, produzierte literweise Olivenöl beim Zerquetschen der omnipresenten Früchte, kurvte hoch auf den Klippen oben der Küste entlang, verweilte an einsamsten Sandbuchten....
Agios Gordios - Kerkyra (Korfu Stadt); mit Fähre nach Igoumenitsa
Freute mich unheimlich auf die Fortsetzung der Tour, macht mich immer ganz nervös, wenn ich zu lange am gleichen Ort bleibe. So steil ich damals in die Bucht von Agios Gordios eingefahren war, so steil führte sie gegen Norden wieder heraus. Obwohl Korfu den Ruf der regenreichsten Region ganz Griechenlands besitzt, beglückte mich der Tag mit etlichem Sonnenschein. Da ich nicht vor hatte vor dem Abend die Fähre zurück aufs Festland zu nehmen, drehte ich noch eine grosse Ehrenrunde auf dem nördlichen Teil der Insel.
Passierte etliche im Sommer wahrscheinlich hoffnungslos überlaufene Badeorte, welche nun im tiefsten Winterschlaf weilten. Der Winter ist echt Kult, die schönsten Fleckchen präsentierten sich einsam und verlassen. Möchte das ganze nicht über die Ferienzeit erleben, wo einem zwischen den Liegestühlen wahrscheinlich gerade einmal einige Zentimeter gewährt werden. Nach einem (zu) kurzen Spaziergang durch die einen friedlichen Eindruck hinterlassende Insel Hauptstadt mit einer mächtigen Festungsanlage, setzte ich beim Eindunkeln mit der Fähre nach Igoumenitsa über.
Igoumenitsa - Polydoro
Als ich aufwachte, dachte ich meine Unterkunft liege direkt am Meer, so stark tobte das Plätschern des Regens. Ohne mich, zumindest vorerst - Alarm abstellen und nochmals eine Runde weiterschlafen. Gab der Wetterlage bis 10 Uhr eine Chance, doch diese bereitete keine frühzeitigen Weihnachtsgeschenke. Trotz allem zog es mich weiter, die Spannung endlich ins Landesinnere vorzudringen war stärker. Die Packtaschen wurden in das ungleiche Paar gelber respektive roter Regenhüllen gewickelt und auf ging's.
Schon nach dem ersten Hügelzug war ich völlig durchnässt, die Füsse planschten in den Schuhen, die Hose flatterte nicht mehr, sondern klebte an den Beinen und die hellblaue Jacke hatte sich dunkelblau voll gesogen. Somit konnte ich auch das mühsame Umfahren der unzähligen Pfützen sofort aufgeben, mitten durch, wie du mir - so ich dir, ohne Gnade spritzte ich rachesüchtig auf die vorbeipreschenden Autos zielend zurück. Da der motorisierte Verkehr auf dieser Hauptverbindungsstrasse aber überraschenderweise stark zurückging (wahrscheinlich machten den Autos die vielen Steigungen zu schaffen!), befasste ich mich lieber mit dem Komponieren von zu diesem Sauwetter passenden Liedern.
Innerhalb nur einer halben Stunde durchfuhr ich zwei Agios Georgios (St. Georg), wobei ich später herausfand, dass es nur schon in Nordwestgriechenland 22 davon gibt. In einem anderen Dorf, welches zufälligerweise einen anderen Namen innehatte, flüchtete ich mich in ein Cafe. Am Tresen vorbeieilend einen Cappuccino bestellend, ging's auf direktestem Weg auf die Toilette, aber nicht für das normale Business, das mache ich bevorzugterweise draussen, wo's Bäume hat, sondern um die Socken und das Unterleibchen auszuwinden. Jetzt fühlte ich mich schon wieder halb trocken und konnte das wärmende Getränk so richtig geniessen.
Aber die anstehenden Bergzüge konnten nicht einfach so in Gedanken bewältigt werden und es blieb mir nichts anderes übrig als aktiv ans Werk zu schreiten. So voller Enthusiasmus und übermütigem Tatendrang die Haarnadelkurven hock rackernd, das neue Liedchen den Strassenschildern vortragend, verbuchte ich auf dieser glitschigen Fahrbahn noch einen kleineren Sturz. Bin mir im Nachhinein immer noch nicht ganz sicher, welche (rettende) Rolle die Leitplanke dabei spielte! Jedenfalls hielt ich instinktiv den Lenker umklammert und zog das Rad wieder den Abgrund hoch. Als einziger materieller Schaden brach die Hängevorrichtung der einten Packtasche, von welcher ich aber vorsorglicherweise einen Ersatz dabei hatte. Meine persönlichen Blessuren konnte ich am Abend unter der Dusche noch früh genug abchecken.
Der Vorfall war schnell vergessen und hinderte mich nicht im gleichen Elan weiter zu klettern, bis bald darauf eine weitere Passhöhe erreicht war. Leider verhinderte der umher geisternde Nebel jegliche Aussicht auf die gemeisterte Strecke. Bei der Abfahrt peitschte der kalte Wind die Regentropfen ans ungeschützte Gesicht und drang durch sämtliche Kleiderschichten, so dass ich mir wie nackt vorkam. Langsam aber sicher hatte ich auch genug gefroren und gelitten für heute, jedoch existierte keine einzige Unterkunftsmöglichkeit auf der ganzen Strecke.
So nahm ich halt vor dem nächsten Hügelzug einen Umweg zu einem abgelegen Berggasthof in kauf. Sich ihrem 100 km langen Monopol genau bewusst, liess mir die sture, giftige Alte keinen Verhandlungsspielraum und zockte ihren wahrscheinlich einzigen Gast seit Wochen mit einem Wucherpreis ab. Auf ihren griechischen Wortschwall antwortend, brummelte ich mit einem aufgezwungen Lächeln eines müden Opfers etwas in meiner Sprache und erwischt mich dabei, wie ich verächtlich bewundernd immer wieder auf ihre seit Jahren angesammelte, schnauzbärtige Pracht schielte. Obwohl ich frisch geduscht und mit trockenen Kleidern einen besseren Eindruck auf sie machen musste, setzte sie mir trotzdem nur verkohlte Pommes Frites und einen ungeniessbaren Salat vor... und ihr Blick schien zu sagen: "Geh doch woanders hin!"
Polydoro - Ioannina
Als ich mich am Morgen wieder auf dem Weg machte, war noch alles nass und es tropfte immer noch von wo auch immer es tropfen konnte. Nach einigen weiteren Steigungen bis über die Nebelgrenze, führte mich eine rasante Abfahrt in die Ebene von Ioannina, mit dem dort eingenisteten See.
Den Nachmittag nahm ich mir frei und besuchte die nahe gelegenen Perama Höhlen, welche während dem zweiten Weltkrieg zufälligerweise entdeckt wurden, als die Einheimischen vor den anrückenden Deutschen flohen. Lustig fand ich noch das Bus-Ticket-System. Der Chauffeur selber verkaufte keine, nur die etlichen Strassenkioske. Wenn nun halt kein solcher in der Nähe ist und der ignorante Reisende es natürlich versäumt hat sich rechtzeitig mit einem Fahrschein einzudecken, wird er halt mitgenommen, aber beim nächsten Kiosk rausgejagt zum Ticketkauf. Dann muss man es gut zwischen den Fingern eingeklemmt hinhalten, damit der Fahrer den oberen Teil mit einem aggressiven, aber gekonnt eleganten Rupf wegreisst. Radfahren ist soviel unkomplizierter!
Ioannina - Metsovo
Es war gar nicht so einfach eine Banane mit den Handschuhen zu schälen und gleichzeitig durch den Morgenverkehr zu manövrieren. Bei der zweiten ging's schon besser, das sollte für den ersten Bergzug reichen. Immer in einer leichten Steigung kurvte ich um den See und liess Stadt und Ebene hinter mir. Genau auf einer Mini-Passhöhe schlug das morgendliche tröpfeln in Regen um. Im nächsten Tal unten rettete ich mich mit der Entschuldigung nun richtig frühstücken zu wollen in ein Café.
Um den schlotternden Körper wieder warm zu kriegen, brach ich aber bald wieder auf und trat kräftig in die Pedalen. Etliche Autofahrer erkannten meine Anstrengung und hupten mir aufmunternd zu. Es ging immer den Konturen des Gebirges entlang dem Tal nach aufwärts. Die an und für sich schöne Gegend wurde durch eine einzige riesige Baustelle verunstaltet: Die Konstruktion der Via Egnatia, ein durch die EU unterstütztes Schnellstrassen Projekt, welches eines Tages über unzählige Brücken und durch etliche Tunnels die Hafenstadt Igoumenitsa mit dem äussersten Osten des Landes und schlussendlich mit Istanbul verbinden soll.
Wo mal keine abgetragenen Berghänge die Landschaft beeinträchtigten, vermieste der Nebel jegliche Aussicht. So amüsierte ich mich halt mit dem Zählen der noch nicht gefrorenen Zehen, was jedoch je höher ich kletterte, desto uninteressanter wurde, da waren bald mal einfach nur noch zwei Füsse. Der Regen wusste nicht so recht ob es kalt genug war um zu schneien, und so zwitterte das Wetter ein bisschen hin und her.
Wie geahnt, rechnete ich aus, dass ich die eigentliche Passfahrt heute wegen den miesen Wetterbedingungen und dem anrückenden Eindunkeln unmöglich noch schaffen könnte und erkor die nächste Ortschaft Metsovo zum Etappenziel. Konnte ein gediegenes Zimmer mieten, wo man sogar beim Duschen eine superbe Aussicht auf die umliegende Bergwelt hatte, jedoch auch erkannte, dass bei anhaltenden Niederschlägen sicher reichlich Neuschnee auf der Passstrasse sein würde. Der Katara Pass war eine echte Schlüsselstelle für den weiteren Verlauf der Tour, die Spannung wird bis Morgen anhalten!
Metsovo - Katara Pass - Kalambaka
Als ich aufwachte, eilte ich als erstes direkt auf die Terrasse zum Wettercheck. Das bis fast in die Ortschaft reichende weisse Übel bezeugte was der Regen über Nacht noch getrieben hatte.
Mit Zeichensprache versuchte ich beim Polizeiposten Infos über den Zustand des Passes einzuholen, also mit den Händen simulierte ich eine Pedalumdrehung in Anspielung auf mein Transportmittel, mit einer von unten nach oben und wieder nach unten verlaufenden Handbewegung versuchte ich eine Überquerung darzustellen und dabei wiederholte ich andauernd "Kalamata, Kalamata, Kalamata", damit die wussten wohin ich wollte. Die Sprachprobleme schienen unüberwindlich, somit musste ich es einfach einmal versuchen.
Bei eisiger Kälte schluckte ich noch ein eiskaltes "Burn" Energy-Getränk, dann ging's bergauf. Schon bald flockte mir der Schnee entgegen. Auf beiden Seiten der Strasse hatten sich schon beträchtliche Schneemassen angehäuft und die Oberfläche war übersät mit tückischen Eisfeldern. Das Flocken wechselte weiter oben in heftiges Schneien und ein tobender, beissender Wind vergewaltigte mich je nach Hanglage mal stärker, mal weiniger stark und zwang mich einige male sogar zum Absteigen. Dichter Nebel reduzierte die Sichtbarkeit auf einige Meter. Der Verkehr war bei diesem Sauwetter praktisch inexistent: einige PWs, aus irgendwelchen Gründen eine handvoll Beton-Transporter, je ein Schneepflug in beide Richtungen und mitten drin ich mit dem Fahrrad. Die Kletterei kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor. Solange ich mich schwitzend aufwärts kämpfte war die Körpertemperatur zwar einigermassen aushaltbar, aber von Geniessen konnte keine Spur sein. Nach noch mehr Ewigkeit erreichte ich endlich die Passhöhe. Zum x-ten Mal kreuzte ich den einten Pflug und machte mich sofort an die Abfahrt. Die Füsse spürte ich schon lange nicht mehr vor lauter Kälte, und in der Zwischenzeit waren die Hände auch nicht mehr zu gebrauchen. Sie hingen über die Bremsen und dosierten die Geschwindigkeit zu einem absoluten Minimum, damit der Windeffekt die Temperatur nicht noch mehr verringern konnte. Mit der einten Hand lenkte und bremste ich, die andere wurde einer Intensivbehauchung unterzogen. Oft musste ich ganz anhalten um durch kräftiges Schwenken der Arme wieder etwas Blut in Zirkulation bringen zu können. Trotzdem schlug das Schlottern in heftiges Zittern um, was manchmal gefährliche Schwenker verursachte.
Als ich schon wieder einiges an Höhe verloren hatte, tauchte rechterhand ein fehlplaziertes Hospiz auf. Aus dem Kamin aufsteigender Rauch schien Wärme und Gemütlichkeit zu versprechen. Ohne jegliche Kraft noch die Bremsen ziehen zu können, rollte ich gegen das Holzhaus wie einen Prellbock. Ich grübelte ein Set trockene Kleider aus der schneebedeckten Packtasche und verschwand sofort auf der Toilette. Leider war das Restaurant alles andere als warm und die besten Plätze rund um die Feuerstelle waren schon von mich neugierig beobachtenden Griechen besetzt. Aus irgendwelchen Gründen waren der aufgetischte Kaffee und die Bohnensuppe nur lauwarm. Ich zitterte immer noch am ganzen Leibe und glaubte auch nicht daran, hier auftauen zu können.
Also begab ich mich wieder nach draussen, befreite das Cannondale von einer beträchtlichen Schneeschicht und rollte los. Wie im Delirium liess ich es jetzt einfach sausen und hauchte wie blöd in die Handschuhe. Nach kurzer Zeit war ich wieder etwa gleich schlimm dran wie auf der Passhöhe, fror wie noch nie in meinem kurzen Leben und hasste die Routenwahl. Bremsen konnte ich nur noch mit den Schuhen und ich weiss eigentlich auch nicht mehr wie ich das ohne Stürze durch die Haarnadelkurven und über die ganzen Eisfelder geschafft hatte. Um trotz Abfahrt in Bewegung zu bleiben, trampelte ich rückwärts und verrenkte den Körper als ob ich tanzen würde.
So ging es irgendwie vorwärts, der Nebel liess langsam nach und ich konnte immerhin das grüne Tal in der Ebene ausmachen. Nach etwa einer Stunde hatte dann tatsächlich das Tal erreicht und den ganzen Schneesturm hinter mir gelassen. Durch kräftiges Pedalen dem Tal Hang entlang, erwärmte sich mein Körper auch langsam aber sicher wieder. Im Vergleich zur weissen Hölle des Katara Passes war es nur noch ein Kinderspiel bis Kalambaka.
Kalambaka: Meteora Klöster
Ein bestechend blauer Himmel präsentierte sich an diesem Morgen. Doch das Bild trügte, das Thermometer zeigte gerade mal -5° an und es war erneut eiskalt. Immerhin hatte ich mir heute den Tag frei genommen, das heisst ich wollte mir die bekannten, auf Felspfeilern errichteten Klosteranlagen von Meteora anschauen. Praktisch vor meiner Domatia (Unterkunft) startete der Pfad den Berg hoch zu dem zu Filmruhm gelangten Agia Triada Kloster, wo Roger Moore als 007 die senkrechte Felswand hochgeklettert war in "For Your Eyes Only". Ganz in der Nähe lag auch das einzige Frauenkloster. Nach einer einstündigen Wanderung durch diese faszinierende Felslandschaft, kam ich zum Kloster Grand Meteora, dem höchstgelegenen, grössten und mächtigsten. Nach einer schmalen Höhlenpassage führte eine steile Treppe auf die Plattform des Felsens hoch. Tatsächlich schwirrten dort noch einige typische, bebartete, in schwarz gekleidete, orthodoxe Mönche rum. Zudem gab es noch die Küche, den Speisesaal, die Weinkeller und ein kleines Museum zu besichtigen, abgesehen von einer unschlagbaren Aussicht über diese einmalige Felslandschaft mit noch etlichen Klöstern mehr.
Kalambaka - Trikala - Karditsa - Pournari
Der Tag fing viel versprechend an, mit tiefblauem Himmel und ersten Sonnenstrahlen, welche über die Bergkuppen drangen. Jedoch herrschte wieder diese arktische Kälte. Nur schon um warm zu bleiben, wurde ich zu morgendlichen Höchstleistungen angetrieben. Auf dem Pannenstreifen einer Hauptstrasse konnte ich nach 2 Stunden schon die ersten 50 km verbuchen. Nach Karditsa begann das Abenteuer Nebenstrassen. Hier fehlte nun die englische Beschriftung der Strassenschilder, somit musste ich bei Kreuzungen des öftern absteigen und die Zeichen auf den Ortstafeln mit der Karte vergleichen oder mit Hilfe des Kompasses und des Radlerinstinktes die bestmögliche Route wählen. "Radio Loud" begleitete mich mit Techno Rhythmen und dazwischen immer wieder mit unangebrachten Weihnachtslieder.
Am Nachmittag stellte sich dann die Frage ob ich noch eine Passfahrt anhängen wollte oder lieber am Fusse der Bergkette bei der Tankstelle ein Zimmer nehmen wollte. Obwohl es nicht sehr einladend aussah, erachtete ich die zweite Alternative doch als Vernünftigere. Als eine ältere Frau das Zimmer herrichtete, nahm sie ein auf dem Nachttischchen liegendes Heftchen in die Hände, schaute kritisch auf zwei spärlich bekleidete Mädchen, legte es dann aber wieder hin. Zuerst dachte ich wirklich es sei so ein schmutziges Heftchen und sie habe Erbarmen mit einem einsamen Radler, aber es stellte sich als Fernsehprogrammzeitschrift heraus. Ein prüfender Blick auf den schäbigen Raum bestätigte natürlich, dass es hier weit und breit keinen Fernseher gab, na ja!
Pournari - Fourka Pass - Lamia
Gleichzeitig mit den Angestellten betrat ich das Tankstellen Cafe, wo's abgepackte Apfelstrudel, Croissants und Kaffee zum Frühstück gab. Das Wetter spielte wieder voll mit und bei bester Laune nahm ich den Aufstieg zur Ebene bei Domokos in Angriff. Die (Pass-) Strecke war zwar überhaupt nicht attraktiv, dafür aber erhoben sich ringsum mächtige Schneebedeckte Berge. Das herzige Städtchen Lamia lud richtig zum Bleiben. Der Besuch der auf einem Hügel gelegenen Festungsanlage offerierte mir noch eine Übersicht des morgigen Tages: die Ebene des Golfes von Maliakos und eine weitere schneebedeckte Bergkette.
Lamia - Delphi
Wie geplant durchquerte ich frühmorgens zuerst die Ebene des Golfes von Maliakos und dann den Mini Pass Bralos, über die erste Hügelkette. Bei einer Kaffee-Pause in Gravia, kam plötzlich vom Balkon eine heftige Wassermasse genau auf das Fahrrad runter. Sofort spurtete ich raus und rettete das Arme ins Trockene. Obwohl nichts weiter passiert war, konnte ich mich nicht mehr beherrschen und hielt der oben putzenden Hausfrau eine Mundart Standpredigt, das erste Mal seit langem, dass ich wieder mal etwas in meiner Muttersprache sagte. Als ich wieder auf mein frisch gewaschenes Rad stieg und los pedalte, musste ich über den Vorfall schmunzeln, wollte aber mein Temperament besser beherrschen in Zukunft.
Die Strasse führte zuerst durch ein enges Tal und dann auf etlichen Haarnadelkurven den Berg hoch. Viele Bergwerke hatten sich in diesem Gebiet niedergelassen und dementsprechend viele Lastwagen waren unterwegs. Dieser Montag kam auch mir wie ein gewöhnlicher Arbeitstag vor, statt Minenarbeiter oder Lastwagenfahrer war ich Radfahrer, musste auch bei Zeiten aus den Federn und musste etwa 8 Stunden lang Leistung erbringen: Immerhin 100 km und 1'400 Höhenmeter sollten es heute sein.
Bei solchen Gedankengängen hatte ich in der Zwischenzeit schon die nächste Anhöhe erreicht und ich musste mir für die Abfahrt mehrere Kleiderschichten rüberziehen. In einem Bruchteil der für den Aufstieg benötigten Zeit rollte ich in eine von Oliven beherrschte Gegend. Es herrschte emsiges Treiben zwischen den Bäumen, Erntezeit war angesagt. Den mitten in den Olivenhainen stehenden Zelten und Hütten an, waren hier albanische Gastarbeiter tätig, welche die Arbeit billiger ausführten als die einheimischen Arbeitskräfte. Ich rüstete mich für den Endspurt auf die dritte und letzte Anhöhe von Delfi. Die wunderschöne Aussicht aufs Meer, machte die Anstrengung halb vergessen. Und trotzdem war ich am Abend so müde, dass ich es nicht mehr aus dem Hotelzimmer schaffte, um etwas Essbares zu besorgen!
Delphi
Die Orakelstätte von Delphi liegt spektakulär am Hang des Parnassus Gebirges und hoch über der Bucht von Itéa, unweit des heutigen Dörfchens mit gleichem Namen. Für die alten Griechen war hier der "Nabel der Welt", Wohnsitz von Apollo, des Gottes der Künste und der Musik. Heutzutage sind das Stadion und das Theater noch gut erhalten, ansonsten braucht man eine gute Vorstellungskraft um anhand der Steinhaufen die Gebäude zu rekonstruieren.
Heute war noch Weihnachtstag, aber richtige Weihnachtsstimmung kam eigentlich nicht auf. Im Gegenteil, die sich dauernd wiederholenden Weihnachtslieder, welche aus den durchs ganze Dorf verbreiteten Lautsprechern dröhnten, gingen mir spätestens nach dem zehnten mal "Jingle Bells" ziemlich auf den Geist. Das Festmenü beschränkte sich auf ein Stück Schwein vom Spiess mit Pommes Frites und dann ab ins Bettchen, Morgen wird weitergeradelt!
Delphi - Nafpaktos - Patras
Ein leichter Regen erwartete mich frühmorgens. Unter Aufsicht der "Hotel-Familie" belud ich das Rad und wickelte die leider nicht wasserdichten Packtaschen in Regenüberzüge. In einer Abfahrt über 600 Meter ging es runter an den Golf von Korinth.
Einführung der "Happy Clock": nicht klingelnde und nicht abschraubbare Klingel wird bei jedem "happy Ereignis" eine Stunde weitergestellt. Die "Weihnachtsguatzli" zum Morgenessen, die ersten gesichteten Tourenradler (es werden auch die letzten sein) und ein aufmunterndes Hupen, liessen es gleich "3 Uhr" werden.
Die Strecke führte schön dem Meer entlang, ausser wo es möglich war etwas Landmasse abzukürzen. In Agios Nikolaos fährt normalerweise nachmittags eine Fähre auf den Peloponnese. Ohne das Kleingedruckte auf einer Tafel am Fährhafen wirklich zu verstehen, ahnte ich, dass heute der einzige Tag des Jahres ohne Fährbetrieb war. Somit musste ich einen kleinen Umweg, weiterhin der Nordküste folgend, in kauf nehmen. Schlussendlich klappte die Überquerung der Meerenge bei Antirrio und ich erreichte das Tagesziel und drittgrösste Stadt des Landes, Patras, bei dunkler Nacht doch noch.
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