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Fahrrad Tour Reisebericht: Italien - Griechenland - Türkei

 
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2. Reisebericht Italien >   405 km / 500 m
Venedig
- Ravenna - Rimini - San Marino - Ancona
 
Venedig

 

Venedig - Adria

Nach einer kurzen Visite dieser vielleicht attraktivsten Stadt dieser Welt, schwang ich mich wieder aufs Rad. Eine lästige von Lastwagen dominierte Schnellstrasse führte mich durch eine lang gezogene Industriezone aus der Agglomeration gegen Süden runter. Vor lauter Emotionen bemerkte ich den Regen gar nicht richtig und montierte die Regenüberzüge viel zu spät. Der einte Tankstellenwart meinte noch es sei nicht schön bei diesem Wetter zu radeln... ich meinte es sei einiges schöner als arbeiten zu müssen! Auf der Karte schien die Strasse dem adriatischen Meer entlang zu gehen, was aber leider nicht der Fall war. Auf etlichen Brücken wurden die vielen die Poebene durch fliessende Kanäle überquert. Als es schon einzudunkeln begann, liess der Regen etwas nach und ich machte mich in der nächst grösseren Ortschaft Adria auf die Suche nach einer Unterkunft. Doch das erste Hotel war über Winter geschlossen und das zweite war angeblich voll (oder ich zu nass und unpassend für das Etablissement?) Ich wurde noch auf ein Ostello irgendwo am Ortsrand aufmerksam gemacht. Doch In der Zwischenzeit konnte man dem dunkel noch ein "stock" davor setzen und die Suche erwies sich als lebensmüdes Unterfangen so lichtlos. In einem grossen Bogen kreiste ich um das Städtchen, in der Hoffnung das ominöse Hotel würde zufälligerweise irgendwo auftauchen. Nach zwei zusätzlichen Irrfahrten steuerte ich auf ein grosses, schwach beleuchtetes Gebäude zu, um nachzufragen. Bingo, genau hier war ich richtig. Zuerst kam mir das ganze nicht ganz geheuer vor, so abgelegen ohne irgendwelche Wegweiser und Leuchtschriften. Es entpuppte sich aber als völlig i.O. sogar mit ausgezeichneter Küche!

Adria - Codigoro - Comacchio - Anita - Ravenna

Schon als ich aufwachte erkannte ich am spezifischen Geräusch der vorbeifahrenden Autos, dass die Strasse nass sein musste. Ein schlaftrunkener Blick aus dem Fenster bestätigte die Vermutung oder Befürchtung, erneut schiffte es was das Zeugs hält. Nach einem kurzen Fahrrad Check verpackte ich mich und die Packtaschen möglichst wasserdicht. Die Umfahrungsstrasse Adrias kannte ich ja bestens und war rasch auf der richtigen Route weiter gegen Süden. Eine mächtige Brücke führte über den äusserst wasserreichen Hauptarm des Pos. Das Wasser hatte schon die einte Schutzfläche überschwemmt und wenn es so weitergeht mit diesen angeblich stärksten Winter-Regenfällen seit Jahrzehnten, könnte eine Naturkatastrophe auch hier bald Tatsache werden. Ähnlich wie den unter Wasser liegenden Bäumen erging es auch meinen Füssen, welche im Schuhsee zappelnd sich vor der Kälte zu schützen versuchten. Zwar waren die mageren 8° nicht gerade die erwarteten südländischen Temperaturen, aber mit etlichen Kleiderschichten und Handschuhen kein eigentliches Problem.

Völlig durchnässt rettete ich mich in einem Supermarkt ins Cafe. Tat so als wäre ich hier zu Hause, bezauberte die herumsitzenden Hausfrauen und Mütterchen mit einer kleinen Stripeinlage, legte die tropfenden Kleidungsstücke und Schuhe auf den Ofen, verteilte den Rest auf die Stühle rund um den Sechsertisch und erwärmte mich mit einem Cappuccino. Kurz vor 12 Uhr huschte ich barfuss ans Buffet und liess mir eine Portion Lasagne rausschöpfen.

Bei unvermindert starken Niederschlägen machte ich mich danach wohl oder übel wieder auf den Weg und der erreichte Supermarkttrocknungseffekt war schnell dahin. Auf kleinsten Regionalstrassen schlängelte ich durch riesige Landwirtschaftsflächen. Der Höhepunkt bildete eine echte Traumroute, rechterhand begleitet von einem Kanal und linkerhand von einem grossen See oder Meeresbucht. Zu der ganzen natürlichen Schönheit steigerte sich der Regen in Ekstase, was wiederum meine Geschwindigkeit auf durchschnittlich 34 km/Std. steigerte, um möglichst schnell mein Tagesziel Ravenna zu erreichen.

Ravenna - Rimini - San Marino

Bei endlich etwas angenehmerer Temperatur von bis zu 14°, verlasse ich auf einer Art Autobahn die Stadt. Aber es sollte viel besser kommen, der Strand nähert sich und eine Sandpiste offeriert sich als ideal verkehrsfreies Fahrrad Eldorado. Rimini war natürlich in dieser Winterzeit auch nicht ganz was der bekannte Name verspricht, und ich bog direkt auf die Route nach San Marino ab. Damit ich ja nicht für nur einen Tag trocken bleiben sollte, organisierte die lokale Touristenorganisation ein kräftiges Gewitter und verdeckte im dazugehörenden Nebel die angeblich tolle Aussicht auf das kleine Ländchen San Marino.

San Marino - Cattolica - Fano

Am nächsten Tag nahm ich die Chance für einen Rundgang in der historischen Altstadt doch noch wahr. Engste verkehrsfreie Gässchen, altehrwürdige Bauten, kräftige Wehrmauern, mehrere Stadttore und drei gleich beim senkrechten Abgrund thronende Burgen hatten den Umweg sicher gelohnt. Und so menschenleer am frühen Morgen war es noch eindrücklicher. Als sich der Nebel ein wenig verzog, ergaben sich schönste Aussichten über die hügelige Minirepublik bis ans Meer.

Gegen Mittag schlängelte ich mich dann zwischen den Hügeln wieder ans Meer heran. An der Küste bei Cattolica nahm ich eine angebliche Panoramastrasse in einer Art Nationalpark, war aber ein stressiger Reinfall. So kontinuierte ich auf der Hauptstrasse bis es dunkel wurde und ich mich im friedlichen Städtchen Fano in einer Familienpension niederliess.

Fano - Ancona  (Fähre nach Igoumenitsa, GRIECHENLAND)

Griff an die Kleider, jawohl, alles trocken. Blick aus dem Fenster, jawohl, alles trocken. Hatte es überhaupt nicht eilig, fehlten nur noch etwa 60 km bis Ancona, wo ich die Fähre nach Griechenland nehmen wollte. Die Option bis in den italienischen Stiefelabsatz runter zu pedalen hatte ich schon seit längerer Zeit verworfen. Der Verkehr der Küste entlang ist schlicht zu intensiv und macht das Velo fahren mehr zu einem Muss statt einem Genuss. Zudem ist alles topfeben und für mich als Bergweltliebhaber zu langweilig, die Herausforderung und die Attraktionen fehlen völlig. Mal schauen ob Griechenland mehr zu bieten haben wird.

Durch ein hässliches Industrie- und Hafenviertel navigierte ich zum Fährenterminal. Die paar Stunden Wartezeit bis zur Abfahrt reichten noch für eine Stadtrundfahrt und eine letzte originalitalienische Pizza. Fand das faszinierend wie die vielen riesigen Trucks rückwärts in die Fähre einparkierten und wie verloren das an ein Gitter gekettete Fahrrad daneben aussah. Zuoberst auf dem Deck harrte ich in der frischen Brise aus bis die vielen Lichter von Ancona zu einem einzigen Lichtklumpen verschmolzen, dann wollte ich mal herausfinden was der Schiffskoch drauf hatte und wie das griechische Bier schmeckt!

 

 
3. Reisebericht Griechenland Norden >   783 km / 9'200 m 
Korfu
- Igoumenitsa - Katara Pass - Meteora - Delphi - Patras
 
Meteora Kloster

 

Korfu (Fähre von Igoumenitsa nach Korfu)  

Lefkimmi - Agios Gordios

Hatte Nacht abwechslungsweise auf dem Sessel und auf dem Boden verbracht, fühlte mich aber trotzdem einigermassen ausgeruht. Linkerhand zogen die letzten Bergzüge Albaniens vorüber und kurze Zeit später legten wir im Hafen von Igoumenitsa an. Schaute mich vergeblich nach einem Zöllner um, der in meinem Pass rumblättern oder im Gepäck wühlen wollte. Doch keiner schien sich dafür zu interessieren. Also schlich ich zwischen zwei Lastwagen versteckt ins Land.

Jetzt hatte ich mir zwei Alternativen zurechtgedacht: entweder direkt die Berge im nördlichen Festland ansteuern oder eine weitere Fähre auf die Insel Korfu nehmen. Das Fahrplanlesen scheiterte an den zu geringen Alpha- und Beta-Kenntnissen, aber so ein Küstengardist beherrschte wenigstens die englische Uhrzeit einigermassen um mir weiterzuhelfen. So eine schwimmende Rostmühle (nichts im Vergleich zu der gestrigen Luxusfähre), tuckerte schlussendlich ganz in den Süden von Korfu runter, für ganze vier Passagiere, ein Lastwagen, ein Auto und ein Fahrrad.

Gemächlich startete ich die Inselrundfahrt und liess die Eindrücke des griechischen Alltags langsam einwirken. Sogar etwas Sonnenschein begleitete mich durch kleine Dörfer und Wälder; mal mit Meerblick, mal ohne; mal Hügel rauf, mal runter, aber immer sehr relaxed und easy, das pure Gegenteil vom italienischen Chaos der letzten paar Tage. Plötzlich tauchten die ersten felsigen Berge auf. Keine Frage, dass ich die Route sofort da hoch alterierte. Also, aus dem Sattel und die Haarnadelkurven hoch geschwankt. So hätte ich noch stundenlang weiterziehen können, wenn nicht diese kurzen Wintertage einem einen Strich durch die Rechnung machen würden und einem schon gegen 4 Uhr in Zugzwang von wegen Unterkunft suchen brächten.

Bei einer rasanten Abfahrt um einen Felsvorsprung, tauchte unten bei der Bucht plötzlich ein mächtiges, pinkes Ungestüm auf: The Pink Palace, bekanntes Backpacker's Heaven. War mir anfänglich nicht sicher ob ich hier bleiben sollte, aber ein super Zimmer mit Balkon und Meerblick, inklusive Morgen- und Nachtessen für 22 Euros erhält man auch nicht jeden Tag.

Agios Gordios

Die Entscheidung hier ein wenig zu bleiben und The Pink Palace als Basis für Tagesausflüge zu gebrauchen war schnell gefällt. Doch das Fahrrad sollte heute mal angekettet im Billard-Saal bleiben, hatte mir vorgenommen die umliegenden Berge zu Fuss zu erforschen. Wanderte und kletterte ganzen Tag in Olivenhainen und im Dickicht rum, belohnt durch wunderbare Aussichten auf die Küste und die Insel. Am Abend wurde zünftig nach Hellas Pils im Kühlschrank gegriffen, Reisegeschichtchen mit den anderen Reisenden ausgetauscht, Karten gespielt, einige Runden Billard und Tischfussball und der Stunden-Zeiger war plötzlich über der vier!

Agios Gordios

Nach einem langen, gemütlichen Frühstück im Kreise der inzwischen lieb gewonnen, pinken Familie, setzte ich heute ganz aufs Mountain Bike. War eine wahre Freude wie leicht es sich doch so ganz ohne Gepäck die Berge hoch schwingen lässt. Und immer wieder diese atemberaubenden Aussichten, da kann man gar nicht einfach durchrasen. Ich liess in den vielen Stopps die Umgebung genüsslich von den Augen verschlingen, einfach in die Weite des Horizonts starren, den Gedanken freien Lauf gewähren und die totale Ruhe, Einsamkeit und Freiheit tief einwirken lassen. Überquerte waldige Pass-Passagen, fuhr Hühner-Slalom in verschlafenen Bergweilern, schreckte Geissenherden auf, lieferte wahrscheinlich Gesprächsstoff für die gelangweilt in Kafenios rumhängenden älteren Herren, lieferte ein Velorennen mit einigen herausfordernden Kindern, produzierte literweise Olivenöl beim Zerquetschen der omnipresenten Früchte, kurvte hoch auf den Klippen oben der Küste entlang, verweilte an einsamsten Sandbuchten....

Agios Gordios - Kerkyra (Korfu Stadt);  mit Fähre nach Igoumenitsa

Freute mich unheimlich auf die Fortsetzung der Tour, macht mich immer ganz nervös, wenn ich zu lange am gleichen Ort bleibe. So steil ich damals in die Bucht von Agios Gordios eingefahren war, so steil führte sie gegen Norden wieder heraus. Obwohl Korfu den Ruf der regenreichsten Region ganz Griechenlands besitzt,  beglückte mich der Tag mit etlichem Sonnenschein. Da ich nicht vor hatte vor dem Abend die Fähre zurück aufs Festland zu nehmen, drehte ich noch eine grosse Ehrenrunde auf dem nördlichen Teil der Insel.

Passierte etliche im Sommer wahrscheinlich hoffnungslos überlaufene Badeorte, welche nun im tiefsten Winterschlaf weilten. Der Winter ist echt Kult, die schönsten Fleckchen präsentierten sich einsam und verlassen. Möchte das ganze nicht über die Ferienzeit erleben, wo einem zwischen den Liegestühlen wahrscheinlich gerade einmal einige Zentimeter gewährt werden. Nach einem (zu) kurzen Spaziergang durch die einen friedlichen Eindruck hinterlassende Insel Hauptstadt mit einer mächtigen Festungsanlage, setzte ich beim Eindunkeln mit der Fähre nach Igoumenitsa über.

Igoumenitsa - Polydoro

Als ich aufwachte, dachte ich meine Unterkunft liege direkt am Meer, so stark tobte das Plätschern des Regens. Ohne mich, zumindest vorerst - Alarm abstellen und nochmals eine Runde weiterschlafen. Gab der Wetterlage bis 10 Uhr eine Chance, doch diese bereitete keine frühzeitigen Weihnachtsgeschenke. Trotz allem zog es mich weiter, die Spannung endlich ins Landesinnere vorzudringen war stärker. Die Packtaschen wurden in das ungleiche Paar gelber respektive roter Regenhüllen gewickelt und auf ging's.

Schon nach dem ersten Hügelzug war ich völlig durchnässt, die Füsse planschten in den Schuhen, die Hose flatterte nicht mehr, sondern klebte an den Beinen und die hellblaue Jacke hatte sich dunkelblau voll gesogen. Somit konnte ich auch das mühsame Umfahren der unzähligen Pfützen sofort aufgeben, mitten durch, wie du mir - so ich dir, ohne Gnade spritzte ich rachesüchtig auf die vorbeipreschenden Autos zielend zurück. Da der motorisierte Verkehr auf dieser Hauptverbindungsstrasse aber überraschenderweise stark zurückging (wahrscheinlich machten den Autos die vielen Steigungen zu schaffen!), befasste ich mich lieber mit dem Komponieren von zu diesem Sauwetter passenden Liedern.

Innerhalb nur einer halben Stunde durchfuhr ich zwei Agios Georgios (St. Georg),  wobei ich später herausfand, dass es nur schon in Nordwestgriechenland 22 davon gibt. In einem anderen Dorf, welches zufälligerweise einen anderen Namen innehatte, flüchtete ich mich in ein Cafe. Am Tresen vorbeieilend einen Cappuccino bestellend, ging's auf direktestem Weg auf die Toilette, aber nicht für das normale Business, das mache ich bevorzugterweise draussen, wo's Bäume hat, sondern um die Socken und das Unterleibchen auszuwinden. Jetzt fühlte ich mich schon wieder halb trocken und konnte das wärmende Getränk so richtig geniessen.

Aber die anstehenden Bergzüge konnten nicht einfach so in Gedanken bewältigt werden und es blieb mir nichts anderes übrig als aktiv ans Werk zu schreiten. So voller Enthusiasmus und übermütigem Tatendrang die Haarnadelkurven hock rackernd, das neue Liedchen den Strassenschildern vortragend, verbuchte ich auf dieser glitschigen Fahrbahn noch einen kleineren Sturz. Bin mir im Nachhinein immer noch nicht ganz sicher, welche (rettende) Rolle die Leitplanke dabei spielte! Jedenfalls hielt ich instinktiv den Lenker umklammert und zog das Rad wieder den Abgrund hoch. Als einziger materieller Schaden brach die Hängevorrichtung der einten Packtasche, von welcher ich aber vorsorglicherweise einen Ersatz dabei hatte. Meine persönlichen Blessuren konnte ich am Abend unter der Dusche noch früh genug abchecken.

Der Vorfall war schnell vergessen und hinderte mich nicht im gleichen Elan weiter zu klettern, bis bald darauf eine weitere Passhöhe erreicht war. Leider verhinderte der umher geisternde Nebel jegliche Aussicht auf die gemeisterte Strecke. Bei der Abfahrt peitschte der kalte Wind die Regentropfen ans ungeschützte Gesicht und drang durch sämtliche Kleiderschichten, so dass ich mir wie nackt vorkam. Langsam aber sicher hatte ich auch genug gefroren und gelitten für heute, jedoch existierte keine einzige Unterkunftsmöglichkeit auf der ganzen Strecke.

So nahm ich halt vor dem nächsten Hügelzug einen Umweg zu einem abgelegen Berggasthof in kauf. Sich ihrem 100 km langen Monopol genau bewusst,  liess mir die sture, giftige Alte keinen Verhandlungsspielraum und zockte ihren wahrscheinlich einzigen Gast seit Wochen mit einem Wucherpreis ab. Auf ihren griechischen Wortschwall antwortend, brummelte ich mit einem aufgezwungen Lächeln eines müden Opfers etwas in meiner Sprache und erwischt mich dabei, wie ich verächtlich bewundernd immer wieder auf ihre seit Jahren angesammelte, schnauzbärtige Pracht schielte. Obwohl ich frisch geduscht und mit trockenen Kleidern einen besseren Eindruck auf sie machen musste, setzte sie mir trotzdem nur verkohlte Pommes Frites und einen ungeniessbaren Salat vor... und ihr Blick schien zu sagen: "Geh doch woanders hin!"

Polydoro - Ioannina

Als ich mich am Morgen wieder auf dem Weg machte, war noch alles nass und es tropfte immer noch von wo auch immer es tropfen konnte. Nach einigen weiteren Steigungen bis über die Nebelgrenze, führte mich eine rasante Abfahrt in die Ebene von Ioannina, mit dem dort eingenisteten See.

Den Nachmittag nahm ich mir frei und besuchte die nahe gelegenen Perama Höhlen, welche während dem zweiten Weltkrieg zufälligerweise entdeckt wurden, als die Einheimischen vor den anrückenden Deutschen flohen. Lustig fand ich noch das Bus-Ticket-System. Der Chauffeur selber verkaufte keine, nur die etlichen Strassenkioske. Wenn nun halt kein solcher in der Nähe ist und der ignorante Reisende es natürlich versäumt hat sich rechtzeitig mit einem Fahrschein einzudecken, wird er halt mitgenommen, aber beim nächsten Kiosk rausgejagt zum Ticketkauf. Dann muss man es gut zwischen den Fingern eingeklemmt hinhalten, damit der Fahrer den oberen Teil mit einem aggressiven, aber gekonnt eleganten Rupf wegreisst. Radfahren ist soviel unkomplizierter!

Ioannina - Metsovo

Es war gar nicht so einfach eine Banane mit den Handschuhen zu schälen und gleichzeitig durch den Morgenverkehr zu manövrieren. Bei der zweiten ging's schon besser, das sollte für den ersten Bergzug reichen. Immer in einer leichten Steigung kurvte ich um den See und liess Stadt und Ebene hinter mir. Genau auf einer Mini-Passhöhe schlug das morgendliche tröpfeln in Regen um. Im nächsten Tal unten rettete ich mich mit der Entschuldigung nun richtig frühstücken zu wollen in ein Café.

Um den schlotternden Körper wieder warm zu kriegen, brach ich aber bald wieder auf und trat kräftig in die Pedalen. Etliche Autofahrer erkannten meine Anstrengung und hupten mir aufmunternd zu. Es ging immer den Konturen des Gebirges entlang dem Tal nach aufwärts. Die an und für sich schöne Gegend wurde durch eine einzige riesige Baustelle verunstaltet: Die Konstruktion der Via Egnatia, ein durch die EU unterstütztes Schnellstrassen Projekt, welches eines Tages über unzählige Brücken und durch etliche Tunnels die Hafenstadt Igoumenitsa mit dem äussersten Osten des Landes und schlussendlich mit Istanbul verbinden soll.

Wo mal keine abgetragenen Berghänge die Landschaft beeinträchtigten, vermieste der Nebel jegliche Aussicht. So amüsierte ich mich halt mit dem Zählen der noch nicht gefrorenen Zehen, was jedoch je höher ich kletterte, desto uninteressanter wurde, da waren bald mal einfach nur noch zwei Füsse. Der Regen wusste nicht so recht ob es kalt genug war um zu schneien, und so zwitterte das Wetter ein bisschen hin und her.

Wie geahnt, rechnete ich aus, dass ich die eigentliche Passfahrt heute wegen den miesen Wetterbedingungen und dem anrückenden Eindunkeln unmöglich noch schaffen könnte und erkor die nächste Ortschaft Metsovo zum Etappenziel. Konnte ein gediegenes Zimmer mieten, wo man sogar beim Duschen eine superbe Aussicht auf die umliegende Bergwelt hatte, jedoch auch erkannte, dass bei anhaltenden Niederschlägen sicher reichlich Neuschnee auf der Passstrasse sein würde. Der Katara Pass war eine echte Schlüsselstelle für den weiteren Verlauf der Tour, die Spannung wird bis Morgen anhalten!

Metsovo - Katara Pass - Kalambaka

Als ich aufwachte, eilte ich als erstes direkt auf die Terrasse zum Wettercheck. Das bis fast in die Ortschaft reichende weisse Übel bezeugte was der Regen über Nacht noch getrieben hatte.

Mit Zeichensprache versuchte ich beim Polizeiposten Infos über den Zustand des Passes einzuholen, also mit den Händen simulierte ich eine Pedalumdrehung in Anspielung auf mein Transportmittel, mit einer von unten nach oben und wieder nach unten verlaufenden Handbewegung versuchte ich eine Überquerung darzustellen und dabei wiederholte ich andauernd "Kalamata, Kalamata, Kalamata", damit die wussten wohin ich wollte. Die Sprachprobleme schienen unüberwindlich, somit musste ich es einfach einmal versuchen.

Bei eisiger Kälte schluckte ich noch ein eiskaltes "Burn" Energy-Getränk, dann ging's bergauf. Schon bald flockte mir der Schnee entgegen. Auf beiden Seiten der Strasse hatten sich schon beträchtliche Schneemassen angehäuft und die Oberfläche war übersät mit tückischen Eisfeldern. Das Flocken wechselte weiter oben in heftiges Schneien und ein tobender, beissender Wind vergewaltigte mich je nach Hanglage mal stärker, mal weiniger stark und zwang mich einige male sogar zum Absteigen. Dichter Nebel reduzierte die Sichtbarkeit auf einige Meter. Der Verkehr war bei diesem Sauwetter praktisch inexistent: einige PWs, aus irgendwelchen Gründen eine handvoll Beton-Transporter, je ein Schneepflug in beide Richtungen und mitten drin ich mit dem Fahrrad. Die Kletterei kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor. Solange ich mich schwitzend aufwärts kämpfte war die Körpertemperatur zwar einigermassen aushaltbar, aber von Geniessen konnte keine Spur sein. Nach noch mehr Ewigkeit erreichte ich endlich die Passhöhe. Zum x-ten Mal kreuzte ich den einten Pflug und machte mich sofort an die Abfahrt. Die Füsse spürte ich schon lange nicht mehr vor lauter Kälte, und in der Zwischenzeit waren die Hände auch nicht mehr zu gebrauchen. Sie hingen über die Bremsen und dosierten die Geschwindigkeit zu einem absoluten Minimum, damit der Windeffekt die Temperatur nicht noch mehr verringern konnte. Mit der einten Hand lenkte und bremste ich, die andere wurde einer Intensivbehauchung unterzogen. Oft musste ich ganz anhalten um durch kräftiges Schwenken der Arme wieder etwas Blut in Zirkulation bringen zu können. Trotzdem schlug das Schlottern in heftiges Zittern um, was manchmal gefährliche Schwenker verursachte.

Als ich schon wieder einiges an Höhe verloren hatte, tauchte rechterhand ein fehlplaziertes Hospiz auf. Aus dem Kamin aufsteigender Rauch schien Wärme und Gemütlichkeit zu versprechen. Ohne jegliche Kraft noch die Bremsen ziehen zu können, rollte ich gegen das Holzhaus wie einen Prellbock. Ich grübelte ein Set trockene Kleider aus der schneebedeckten Packtasche und verschwand sofort auf der Toilette. Leider war das Restaurant alles andere als warm und die besten Plätze rund um die Feuerstelle waren schon von mich neugierig beobachtenden Griechen besetzt. Aus irgendwelchen Gründen waren der aufgetischte Kaffee und die Bohnensuppe nur lauwarm. Ich zitterte immer noch am ganzen Leibe und glaubte auch nicht daran, hier auftauen zu können.

Also begab ich mich wieder nach draussen, befreite das Cannondale von einer beträchtlichen Schneeschicht und rollte los. Wie im Delirium liess ich es jetzt einfach sausen und hauchte wie blöd in die Handschuhe. Nach kurzer Zeit war ich wieder etwa gleich schlimm dran wie auf der Passhöhe, fror wie noch nie in meinem kurzen Leben und hasste die Routenwahl. Bremsen konnte ich nur noch mit den Schuhen und ich weiss eigentlich auch nicht mehr wie ich das ohne Stürze durch die Haarnadelkurven und über die ganzen Eisfelder geschafft hatte. Um trotz Abfahrt in Bewegung zu bleiben, trampelte ich rückwärts und verrenkte den Körper als ob ich tanzen würde.

So ging es irgendwie vorwärts, der Nebel liess langsam nach und ich konnte immerhin das grüne Tal in der Ebene ausmachen. Nach etwa einer Stunde hatte dann tatsächlich das Tal erreicht und den ganzen Schneesturm hinter mir gelassen. Durch kräftiges Pedalen dem Tal Hang entlang, erwärmte sich mein Körper auch langsam aber sicher wieder. Im Vergleich zur weissen Hölle des Katara Passes war es nur noch ein Kinderspiel bis Kalambaka.

Kalambaka: Meteora Klöster

Ein bestechend blauer Himmel präsentierte sich an diesem Morgen. Doch das Bild trügte, das Thermometer zeigte gerade mal -5° an und es war erneut eiskalt. Immerhin hatte ich mir heute den Tag frei genommen, das heisst ich wollte mir die bekannten, auf Felspfeilern errichteten Klosteranlagen von Meteora anschauen. Praktisch vor meiner Domatia (Unterkunft) startete der Pfad den Berg hoch zu dem zu Filmruhm gelangten Agia Triada Kloster, wo Roger Moore als 007 die senkrechte Felswand hochgeklettert war in "For Your Eyes Only". Ganz in der Nähe lag auch das einzige Frauenkloster. Nach einer einstündigen Wanderung durch diese faszinierende Felslandschaft, kam ich zum Kloster Grand Meteora, dem höchstgelegenen, grössten und mächtigsten. Nach einer schmalen Höhlenpassage führte eine steile Treppe auf die Plattform des Felsens hoch. Tatsächlich schwirrten dort noch einige typische, bebartete, in schwarz gekleidete, orthodoxe Mönche rum. Zudem gab es noch die Küche, den Speisesaal, die Weinkeller und ein kleines Museum zu besichtigen, abgesehen von einer unschlagbaren Aussicht über diese einmalige Felslandschaft mit noch etlichen Klöstern mehr.

Kalambaka - Trikala - Karditsa - Pournari

Der Tag fing viel versprechend an, mit tiefblauem Himmel und ersten Sonnenstrahlen, welche über die Bergkuppen drangen. Jedoch herrschte wieder diese arktische Kälte. Nur schon um warm zu bleiben, wurde ich zu morgendlichen Höchstleistungen angetrieben. Auf dem Pannenstreifen einer Hauptstrasse konnte ich nach 2 Stunden schon die ersten 50 km verbuchen. Nach Karditsa begann das Abenteuer Nebenstrassen. Hier fehlte nun die englische Beschriftung der Strassenschilder, somit musste ich bei Kreuzungen des öftern absteigen und die Zeichen auf den Ortstafeln mit der Karte vergleichen oder mit Hilfe des Kompasses und des Radlerinstinktes die bestmögliche Route wählen. "Radio Loud" begleitete mich mit Techno Rhythmen und dazwischen immer wieder mit unangebrachten Weihnachtslieder.

Am Nachmittag stellte sich dann die Frage ob ich noch eine Passfahrt anhängen wollte oder lieber am Fusse der Bergkette bei der Tankstelle ein Zimmer nehmen wollte. Obwohl es nicht sehr einladend aussah, erachtete ich die zweite Alternative doch als Vernünftigere. Als eine ältere Frau das Zimmer herrichtete, nahm sie ein auf dem Nachttischchen liegendes Heftchen in die Hände, schaute kritisch auf zwei spärlich bekleidete Mädchen, legte es dann aber wieder hin. Zuerst dachte ich wirklich es sei so ein schmutziges Heftchen und sie habe Erbarmen mit einem einsamen Radler, aber es stellte sich als Fernsehprogrammzeitschrift heraus. Ein prüfender Blick auf den schäbigen Raum bestätigte natürlich, dass es hier weit und breit keinen Fernseher gab, na ja! 

Pournari - Fourka Pass - Lamia

Gleichzeitig mit den Angestellten betrat ich das Tankstellen Cafe, wo's abgepackte Apfelstrudel, Croissants und Kaffee zum Frühstück gab. Das Wetter spielte wieder voll mit und bei bester Laune nahm ich den Aufstieg zur Ebene bei Domokos in Angriff. Die (Pass-) Strecke war zwar überhaupt nicht attraktiv, dafür aber erhoben sich ringsum mächtige Schneebedeckte Berge. Das herzige Städtchen Lamia lud richtig zum Bleiben. Der Besuch der auf einem Hügel gelegenen Festungsanlage offerierte mir noch eine Übersicht des morgigen Tages: die Ebene des Golfes von Maliakos und eine weitere schneebedeckte Bergkette.

Lamia - Delphi

Wie geplant durchquerte ich frühmorgens zuerst die Ebene des Golfes von Maliakos und dann den Mini Pass Bralos, über die erste Hügelkette. Bei einer Kaffee-Pause in Gravia, kam plötzlich vom Balkon eine heftige Wassermasse genau auf das Fahrrad runter. Sofort spurtete ich raus und rettete das Arme ins Trockene. Obwohl nichts weiter passiert war, konnte ich mich nicht mehr beherrschen und hielt der oben putzenden Hausfrau eine Mundart Standpredigt, das erste Mal seit langem, dass ich wieder mal etwas in meiner Muttersprache sagte. Als ich wieder auf mein frisch gewaschenes Rad stieg und los pedalte, musste ich über den Vorfall schmunzeln, wollte aber mein Temperament besser beherrschen in Zukunft.

Die Strasse führte zuerst durch ein enges Tal und dann auf etlichen Haarnadelkurven den Berg hoch. Viele Bergwerke hatten sich in diesem Gebiet niedergelassen und dementsprechend viele Lastwagen waren unterwegs. Dieser Montag kam auch mir wie ein gewöhnlicher Arbeitstag vor, statt Minenarbeiter oder Lastwagenfahrer war ich Radfahrer, musste auch bei Zeiten aus den Federn und musste etwa 8 Stunden lang Leistung erbringen: Immerhin 100 km und 1'400 Höhenmeter sollten es heute sein.

Bei solchen Gedankengängen hatte ich in der Zwischenzeit schon die nächste Anhöhe erreicht und ich musste mir für die Abfahrt mehrere Kleiderschichten rüberziehen. In einem Bruchteil der für den Aufstieg benötigten Zeit rollte ich in eine von Oliven beherrschte Gegend. Es herrschte emsiges Treiben zwischen den Bäumen, Erntezeit war angesagt. Den mitten in den Olivenhainen stehenden Zelten und Hütten an, waren hier albanische Gastarbeiter tätig, welche die Arbeit billiger ausführten als die einheimischen Arbeitskräfte. Ich rüstete mich für den Endspurt auf die dritte und letzte Anhöhe von Delfi. Die wunderschöne Aussicht aufs Meer, machte die Anstrengung halb vergessen. Und trotzdem war ich am Abend so müde, dass ich es nicht mehr aus dem Hotelzimmer schaffte, um etwas Essbares zu besorgen!

Delphi

Die Orakelstätte von Delphi liegt spektakulär am Hang des Parnassus Gebirges und hoch über der Bucht von Itéa, unweit des heutigen Dörfchens mit gleichem Namen. Für die alten Griechen war hier der "Nabel der Welt", Wohnsitz von Apollo, des Gottes der Künste und der Musik. Heutzutage sind das Stadion und das Theater noch gut erhalten, ansonsten braucht man eine gute Vorstellungskraft um anhand der Steinhaufen die Gebäude zu rekonstruieren.

Heute war noch Weihnachtstag, aber richtige Weihnachtsstimmung kam eigentlich nicht auf. Im Gegenteil, die sich dauernd wiederholenden Weihnachtslieder, welche aus den durchs ganze Dorf verbreiteten Lautsprechern dröhnten, gingen mir spätestens nach dem zehnten mal "Jingle Bells" ziemlich auf den Geist. Das Festmenü beschränkte sich auf ein Stück Schwein vom Spiess mit Pommes Frites und dann ab ins Bettchen, Morgen wird weitergeradelt!

Delphi - Nafpaktos - Patras

Ein leichter Regen erwartete mich frühmorgens. Unter Aufsicht der "Hotel-Familie" belud ich das Rad und wickelte die leider nicht wasserdichten Packtaschen in Regenüberzüge. In einer Abfahrt über 600 Meter ging es runter an den Golf von Korinth.

Einführung der "Happy Clock": nicht klingelnde und nicht abschraubbare Klingel wird bei jedem "happy Ereignis" eine Stunde weitergestellt. Die "Weihnachtsguatzli" zum Morgenessen, die ersten gesichteten Tourenradler (es werden auch die letzten sein) und ein aufmunterndes Hupen, liessen es gleich "3 Uhr" werden.

Die Strecke führte schön dem Meer entlang, ausser wo es möglich war etwas Landmasse abzukürzen. In Agios Nikolaos fährt normalerweise nachmittags eine Fähre auf den Peloponnese. Ohne das Kleingedruckte auf einer Tafel am Fährhafen wirklich zu verstehen, ahnte ich, dass heute der einzige Tag des Jahres ohne Fährbetrieb war. Somit musste ich einen kleinen Umweg, weiterhin der Nordküste folgend, in kauf nehmen. Schlussendlich klappte die Überquerung der Meerenge bei Antirrio und ich erreichte das Tagesziel und drittgrösste Stadt des Landes, Patras, bei dunkler Nacht doch noch.

 

 
4. Reisebericht Griechenland Peloponnese >   780 km / 6'000 m 
Patras - Olympia - Finikounda - Kalamata - Mani - Nafplio - Corinth - Athens
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Mystras

 

Patras - Stavrodromi - Olympia

Abenteuerlichen Anfahrt durchs hügelige Hinterland, wo einem die Hunde am liebsten Auffressen würden, wo es nur abgepackte Croissant au chocolat zum essen gibt, wo Schotterpisten gegenüber den Asphaltstrassen in Überzahl sind und lieber über die Hügel als um die Hügel führen, wo Wegweiser nicht existieren und nur mehrmaliges Fragen weiterhilft und schlussendlich wo Flüsse mit dem Fahrrad auf dem Rücken überquert werden müssen. Ich glaube behaupten zu können, durch eine sportlich würdige Leistung in der Geburtsstätte der olympischen Spiele angekommen zu sein.

Olympia

Die olympischen Spiele reichen nachweislich bis in das Jahr 776 v. Chr. zurück. Sie waren nationale kultische Spiele zu Ehren des Zeus in Olympia. Damals wurden Disziplinen wie Laufen, Wurf- und Sprungübungen, Faustkampf, Ringen, Pentathlon sowie Pferde- und Wagenrennen ausgetragen. Ab 394 n. Chr. verbot Kaiser Theodosius die Olympischen Spiele wegen heidnischer Götterverehrung. Die neuzeitliche Olympiade wurde durch Pierre de Coubertin ins Leben gerufen und fand 1896 in Athen statt. Heutzutage kämpfen geschätzte 10'000 Athleten in 300 Disziplinen um Medaillen.

Der Rest des Tages widmete ich wieder mal einer gründlichen Reinigung und Unterhaltsarbeiten des Fahrrads und der Lektüre des seit kurzem erstandenen Buches über griechische Mythologie.

Olympia - Gargaliani

Auf der Karte sah die Strecke dem Meer entlang sehr attraktiv aus, tatsächlich sah ich jedoch herzlich wenig von der Küste.

Gargaliani - Pylos - Methoni - Finikoundas


Die morgendliche Etappe führte zuerst im Zigzag durch grosse Olivenhaine und später verdiente die Küstenstrasse tatsächlich ihren Namen der Navarino Bucht entlang. Im Hafen von Pylos musste ich mal kurz eine Platten flicken. Dummerweise schien es auch den Reifen schlimmer erwischt zu haben und sollte so bald wie möglich ersetzt werden.

Das Städtchen Methoni war früher ein wichtiges Handelszentrum zwischen dem Osten und Westen und wird von einer mächtigen venezianischen Festung dominiert.

Der einsetzende Regen und die einbrechende Dunkelheit liessen mich früher als gewollt aufbrechen für den Endspurt. Immerhin würde heute die Unterkunftssuche entfallen, war ich doch grosszügigerweise bei Schweizer Bekannten eingeladen. Nur wie sollte ich deren Haus finden? Ich wusste nur, dass es irgendwo kurz vor Finikoundas wäre. Auf Gut-Glück bog ich mal auf ein schlimm an Wasserlachen leidendes Strässchen ein und kurvte den Hügel hoch. Tatsächlich erkannte ich wenig später die beiden Zwillingshäuser wieder, deren Foto mir Gusti per E-mail zugestellt hatte. Ich war zu Hause!

Finikoundas

Nachdem ich etwa 3 Wochen in ziemlicher Einsamkeit gelebt hatte und sich meine Kommunikation auf Richtungsanfragen und Hotelpreisverhandlungen beschränkte, war es nun eine ziemliche Umstellung von so vielen Leuten umgeben zu sein. Doch natürlich genoss ich den Austausch von Neuigkeiten und interessiert folgte die kleine Gruppe Schweizer den Erläuterungen meiner Reise. Da das Haus immer noch im Endstadium der Fertigstellung war, gab's noch keine Elektrizität, sprich es wurde nur kalt geduscht und strategisch aufgestellte Kerzen gaben eine ganz spezielle Atmosphäre ab.

Das Haus liegt idyllisch auf einer Anhöhe oberhalb des Dörfchens Finikoundas, mit wunderbarem Ausblick auf das Ionische Meer, in Mitten eines Olivenhains. Das mit den Oliven ist aber kein blosser Zufall, vielmehr schien die Produktion von Olivenöl eine grosse Leidenschaft meiner Gastgeber. Deshalb war nicht etwa Strandurlaub angesagt, sondern ziemlich harte Erntearbeit. Mit der Motorsäge wurden dicke Äste abgesägt, welche zu einer kleinen Maschine zum Entbeeren getragen werden mussten. Dann breiteten wir riesige Netze unter den Bäumen aus und mit Stöcken wurden die restlichen Früchte runter geschlagen. Danach wurden die Netze eingenommen, die Oliven in 60 kg Säcke abgefüllt und zur Strasse runter getragen. Abends erfolgte der Transport zu einer der vielen Kleinfabriken. Hier wurden zuerst die losen Blätter weg gesogen und anschliessend die Beeren gewaschen. In der folgenden Maschine wurden die Früchte zermantscht und das entstandene Mus zentrifugiert bis langsam aber sicher das dickflüssige, grün-gelbliche Öl in die Fässer plätschert. Für die ganze Erntearbeit werden sehr viele albanische Gastarbeiter angestellt, welche gerade mal €30 pro Tag verdienen. Nur so zum Spass wurde ich auch bald als Albaner bezeichnet.

Silvester in Finikoundas

Ohne es so richtig bemerkt zu haben stand plötzlich das Jahresende vor der Tür. Für die Silvester Feier begaben wir uns in eine der vielen Dorf Tavernen. Automatisch tauchte Retsina ( ein weißer, trockener Tafelwein aus Griechenland , der mit Harz versetzt wird), und Ouzo (eine griechische Spirituose mit Anis) auf dem Tisch auf. Obwohl die Taverna voll war und ein Trio ein ähnliches Lied nach dem anderen zum Besten gab, herrschte zuerst eine ziemlich ernste Stimmung. Sogar als die Uhrenzeiger schlussendlich über die 12 tickten und das neue Jahr offiziell machten, assen und schwatzten die Griechen als wenn nichts wäre weiter. Nur das eint oder andere "Chronia Pola" (viele Jahre, respektive "Gutes Neues Jahr") war zu vernehmen. Schien fast als müsste der Alkoholpegel noch durch einige Gläschen Retsinas und Ouzos in die Höhe getrieben werden, bevor sich das Dorfvolk zum Feiern animierte. Meine Gedanken trafen dann aber doch den Stolz der Leute und der Mutigste begab sich auf die Tanzfläche für eine Soloaufführung. Bald erhoben sich weitere Tänzer und taten es ihm gleich, andere knieten darum herum und klatschten rhythmisch in die Hände. Einige Mädchen schlossen sich der Gruppe an und liessen ihre Hüften geschickt kreisen. Das Publikum offerierte den Tänzern ganze Flaschen irgendeines Schnapses, doch der Kellner füllte jeweils nur ein Gläschen, welches vom Eingeladenen gleich runtergekippt wurde und verschwand dann mit der Flasche in die Küche. Verstand diesen Brauch nicht so ganz, aber somit hatte die Kellnerschar und die Küchenequipe wahrscheinlich auch noch was zu trinken gehabt. Alles in allem war es ein würdiger Abend und ich war echt gespannt wie meine Fahrradtour im neuen Jahr weitergehen würde!

Kalamata - Kardamyli

Das nächste Ziel war das nur etwa 70 km entfernte Städtchen Kalamata, was mich den Tag gemütlich angehen liess. Überall war die Olivenernte im Gange, welche ich nun nach einigen Tagen Arbeitserfahrung mit ganz anderen Augen aus betrachtete. Zudem war die Strasse durch die zermatschten Früchte gefährlich rutschig. Der edle Sonnenschein liess das Meer aufglitzern und diktierte mir das erste Mal seit langem die Sonnencreme hervorzusuchen. Nach Kalamata folgte der Aufstieg ins Taygetos Gebirge. Die Höhepunkte der Fahrt waren etliche kleinere mykenische Ruinen und die Querung einer eindrücklichen Schlucht. Als ich vom höchsten Punkt auf 500 m .ü.M wieder ans Meer runter kurvte, verliebte ich mich auf den ersten Blick in Kardamyli. Der zwischen Bergen und Meer eingeklemmte Ort schien mir so sympathisch und einladend, dass ich beschloss von hier aus einige Wanderungen ins Gebirge zu unternehmen.

Nach einigen erfolglosen Anfragen nach Unterkunft, landete ich schlussendlich bei Stella und ihrer gediegenen Domatia mit Miniküche und Minibalkon mit Blick aufs Meer. Sie lud mich gleich zu Kaffee und Gebäck ein, zeigte mir ein Buch über die Halbinsel Mani und erklärte mir mit Händen und Füssen in welche Bergdörfchen es lohnenswerte Wanderungen gab.

Am Nachmittag folgte ich Stellas Empfehlung und wanderte auf einem altertümlichen, mit Natursteinen gepflasterten Weg ins Dörfchen Petrovouni hoch. Von da ging es weiter zum Kloster Agia Sophia, am Rande der mächtigen Vyros Schlucht. Abends verwöhnte ich mich am Strand mit Bier und Chips und genoss das neue Jahr genauso wie ich das alte genossen hatte.

Kardamyli

Heute wollte ich mir die Vyros Schlucht von ganz unten vornehmen. Praktisch beim Meer kletterte ich ins fast ausgetrocknete Bachbett. Schon nach kurzer Zeit wurde ich beidseits von hohen Felswänden eingeengt. Meistens galt es auf Steinbocken vorwärts zu balancieren ohne ins glasklare Bächlein zu fallen. Zuhinterst in der Schlucht entdeckte ich sogar noch ein Kloster. Was die Mönche dazumal wohl bewogen hatte, hier unten zu leben? Dank auf Steinen und Bäumen angebrachten Farbmarkierungen fand ich einen Pfad, der die einte Schluchtenwand hoch zickzackte. Einmal mehr war ich völlig hingenommen von der gebotenen Aussicht: tief unten das weisse Kloster mit den geschlossenen, blauen Fensterläden am Ufer des weissen Baches, die grün bebuschten Hänge, in der Sonne rötlich schimmernde Felsen, und im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel des Taygetos Gebirges. Bei einer 180° Drehung erkannte ich auf der anderen Seite, wie sich die Schlucht bei Kardamyli verflachte und ins Meer mündete.

Abends lud mich Stella zu ihrer Familie zum Nachtessen ein, begleitet von heimischem Weisswein. Die Kommunikation war erstaunlich vielseitig, die Familie mit ihren 10 Brocken Englisch und ich mit meinen 10 Brocken Griechisch. Als wir dann doch in eine Sackgasse gerieten, verabschiedete ich mich zum Schlafen.

Kardamyli - Areopoli - Gythio

Stella hatte mir gestern gutmütigerweise noch eine 1 ½ Liter Flasche Olivenöl geschenkt und nun vergass ich das Geschenk absichtlich, wenn auch mit schlechtem Gewissen, da Olivenöl nicht einmal in Griechenland zur Standartausrüstung eines Touren Radlers gehört. Das vorhandene Gepäck war auch so schon schwer genug um kurz nach dem Verlassen Kardamylis den ersten Speichenbruch zu provozieren.

Es folgte ein toller Küstenabschnitt durch etliche Dörfer mit denen für die Mani Halbinsel so typischen Steinturmhäusern und das nur durch Büsche und Steinbrocken bedeckte Taygetos Gebirge. Nach Areopolis war es dann nur noch ein Katzensprung, entlang schroffen Bergausläufern und über einige Hügelzüge in die Hafenstadt Gythio.

Mystras

Mystras war eine der wichtigsten byzantinischen Städte und konkurrierte teilweise sogar mit Konstantinopel. Schon der erste Anblick ist überwältigend mit mächtigen Festungsmauern, etlichen Klöstern (eines davon immer noch von Nonnen bewohnt) und der 500m weiter oben thronenden Burg als letzte Zufluchtsstätte. Heutzutage ist alles mit erstklassigen Tafeln angeschrieben, im oberen Teil jeweils generelle Information, im unteren Teil spezifisch auf Mystras bezogene Themen wie Häuserbau, Klöster, Finanzierung, Wasserversorgung, Wehrmauern, Strassen etc. Obwohl die Anlage lange nicht so bekannt und populär ist wie Delphi oder Olympia, ist sie besser erhalten und es gibt mehr zu sehen und erforschen.

Gythio - Kosmas Pass (1200m) - Leonidio

Frühmorgens war ich noch mit einem ansehnlichen Tempo der Küste entlang unterwegs, doch sobald die Strasse ins Landesinnere abbog, zwang mich die Steigung in tiefere Kränze zu schalten. Je höher ich den Kosmas Pass kletterte, desto nebliger wurde es. Zum Nebel gesellten sich äusserst kräftige und eiskalte Windböen, welche plötzlich auftauchten und Sekunden später wieder verschwanden. Und als die Berggeister merkten, dass sich da immer noch einer langsam aber sicher in ihr Reich hocharbeitete, versuchten sie mit einem zünftigen Regenguss sein Vorwärtskommen zu verhindern. Doch so feindselig sich der Kosmas Pass auf der einten Seite auch zeigte, entlöhnte er mich auf der anderen Seite mit der bisher wahrscheinlich spektakulärsten Teilstrecke. Die Abfahrt in die Badron Schlucht. Hier riss mich nicht mehr der Wind vom Sattel, aber die scheinbar immer attraktiveren Aussichtspunkte liessen mich unendliche male abbremsen, um diese unschlagbare Schönheit der Natur würdig zu bestaunen. Gegen Abend grüsste sogar noch die Sonne kurz und hüllte den Etappen Ort Leonidio in ein herrliches Abendrot.

Nafplio

Nafplio ist eine liebliche Hafenstadt, wo ich mit der grossen Erwartung einfuhr, ein Fahrradgeschäft zu finden. Und siehe da, neben all den Boot- und Fischereizubehör Läden hatte einer die grossartige Idee als Velomechaniker zu fungieren. Mit irgendwelchen fantasievollen Gesten versuchte ich ihm zu erklären, dass ich gerne einige Speichen ersetzt haben möchte. Doch er warf nur einen kurzen, uninteressierten Blick auf das in der Zwischenzeit an einem hässlichen Achter leidenden Hinterrad und fuhr dann wortlos fort, zu verkaufende Bikes aus dem Laden zu rollen und auf dem Gehsteig aufzustellen. Darauf verschwand er in einem Kafenio. Ich begab mich daran die Preise der gebrauchten Fahrräder zu analysieren. Aber spätestens nach halben Stunde kannte ich alle auswendig und der Typ war immer noch nicht zurück. Erst als ich im Begriffe war an einem potentiellen Kunden mein Verkaufstalent auszuprobieren, stand der Ladenbesitzer plötzlich wieder da und übernahm das Verkaufsgespräch. Eigentlich war es vielmehr ein Neuigkeitsaustausch zwischen Kollegen. Zudem gesellten sich immer mehr Passanten zu der beredten Gesprächsgruppe. Jetzt verlor der Autor aber endgültig die Geduld. Kurzerhand schob ich mein Fahrrad in die Werkstatt, stellte es auf den Kopf und fing an daran rumzumachen. Und oh Wunder, der Mechaniker trat tatsächlich aus seinem Streik zurück. Er suchte die passenden Speichen hervor, wechselte alle mit schwarzem Isolierband markierten Verletzten ohne jeglichen Kommentar aus und zentrierte das Rad in weniger als einer Viertelstunde. Warum nicht gleich so?

Am Nachmittag konnte ich mich angenehmeren Freizeitbeschäftigungen widmen. Angeblich sind es 999 Treppenstufen hoch zur venezianischen Festung Akronafplia. Eigentlich sind es ja 4 Verteidigungsanlagen in einer, ein klarer Beweis der früheren Wichtigkeit dieser Stadt. Später bummelte ich der Strandpromenade entlang, bis ich ein friedliches Cafe fand zum Lesen und Schreiben.

Epidavros

Ein Heiligtum zu Ehren des Medizingottes Asklepius unweit von Nafplio. Das Meisterwerk der Anlage ist das 12000 Plätze bietende Theater. Die Resonanz soll so gut sein, dass man angeblich eine auf die Hauptbühne fallende Nadel bis hinauf in die hinterste Zuschauerreihe hören kann.

Mycenae

Nach einer Kurzetappe meist durch Orangen Haine, quartiere ich mich im Ortschaftchen Mycenae ein, wo ich morgen die gleichnamigen Ruinen anschauen möchte. Meine frisch gewaschenen Kleider flattern auf der Terrasse im Abendwind und ich hoffe sie trocknen einigermassen bis Morgen. Die Milch fürs Frühstück steht auch dort draussen, wo es kühlschrankmässig kalt ist. Der Walkman besounded mich mit Shakira, während ich mit einem grünen Kuli blau schreibe...

Ein morgendlicher Spaziergang rauf zur historischen Stätte. Das bekannte Löwentor führt in die Ruinenstadt des Volkes, welches lange Zeit vor Christi den Peloponnesen beherrschte. Bis zu 7m dicke Mauern beschützten die Einwohner vor ihren Feinden. Etwas abseits liegt noch eine Grabkammer mit einem eindrücklichen Gewölbe, wo man einfach nicht widerstehen kann das "Echo, Echo, Echo" zu rufen.

Korinth

Von der historischen Stadt Korinth gibt es ausser einem eingezäunten Steinbrockenfeld nicht mehr viel zu sehen. Viel interessanter war da schon der Korinth Kanal. Obwohl schon die Römer damals einen Durchstoss der Landenge ins Auge gefasst und gestartet hatten, wurde das Projekt erst 1893 von den Franzosen beendet. Heute ist der Kanal 6 km lang, 23 m breit und am einten Ende bis zu 90 m hoch und verkürzt den Schiffsweg vom westlichen Mittelmeer nach Athen erheblich. Doch trotz einer ganzen Weile geduldigen Wartens, wollte und wollte kein Schiff mir die Ehre erweisen.

Korinth - Salamina - Piraeus/ Athen

Nun folgte eine attraktive, wenn auch verkehrsreiche Strecke auf hohen Klippen der Küste entlang, was mich so ein wenig an Radtouren der Côté d'Azur entlang erinnerte. Langsam aber sicher musste ich mir auch Gedanken machen, wie ich die Einfahrt in die heute sicher zu erreichende Hauptstadt Athen gestalten wollte. Entschloss mich nach intensivem Kartenstudium die vorgelagerte Insel Salamina als Sprungbrett zu benutzen. Nur durch grossen Zufall, weil ich genau in dieser nicht angeschriebenen Strasse Pinkelpause machte, entdeckte ich die Zufahrt zum kleinen Fährhafen. Die Fähre liess auch nicht lange auf sich warten und tuckerte 300 m rüber auf die Insel. Auch hier vermisste ich jegliche Hinweisschilder und ich musste mich zum Fährhafen auf der anderen Seite durchfragen, was sich als viel schwieriger herausstellte, als man von einem kleinen Stückchen Land auf dem Wasser annehmen könnte. Dann kam gleich die nächste Überraschung: statt wie angenommen in den Haupthafen zu schippern, brachte mich das Boot in einen hässlichen, abgelegenen Industriehafen in Piräus. In der Zwischenzeit war es auch noch dunkel geworden und mitten in einer stinkenden Lastwagen Kolonne bahnte ich mir einen Weg ins Nirgendwo..... war hoffnungslos verfahren und verloren. Hilfsbereite Griechen schickten mich zwar immer irgendwohin, doch hatten wahrscheinlich alle einen andere Idee, wohin der Radler möchte. Nachdem mich noch ein Rudel streunender Hunde mit einer fahrenden Tüte Hundefutter verwechselt hatten und mich um ein (Hunde-) haar vom Sattel gezehrt hatten, kam endlich das riesige Becken des Haupthafens in Sicht. Die kläffende Meute zwang mich noch zu einem unfreiwilligen Endspurt bevor ich einen weiteren Meilenstein der Tour erreichte.

Athen

Na ja, ein Meilenstein war's eher auf der Landkarte, als ein echter Höhepunkt. Der Gesamteindruck meiner 3 Tage in der Hauptstadt war äusserst seltsam, irgendwie ohne grosse Emotionen. Erachtete es einfach als Pflichtprogramm, obwohl ich gar keine grosse Lust hatte, auf diesen Asphaltdschungel mit Strassenschluchten, lautem Verkehr und mit viel zu vielen Leuten. Empfand es wie einen Schock von dieser Zivilisationswelt vergewaltigt zu werden, mir schien als käme ich von einem anderen Planeten. Ich vermisste als Einzelkämpfer verschneite Berge zu erklimmen und wilde Küstenstrassen zu zähmen.

Die zur Hälfte mit einem Gerüst verdeckte und die andere Hälfte vom Massentourismus beschlagnahmte Akropolis liess mich im Vergleich zu Delphi oder Mystras kalt. Mousaka schmeckt in der überteuerten Plaka (Altstadt) nur halb so gut wie in den Dörfchen, die ich schon durchquert hatte und was ist schon ein Importbier in einer Bar im Vergleich zu einem Mythos Dosenbier an einem verlassenen Strand nach 100 km im Sattel? Darum zog es mich am dritten Abend plötzlich an den Hafen runter...

 

 
5. Reisebericht Griechenland Kreta >   338 km / 3'600 m 
Iraklio
- Rethymno - Imbros Pass - Hora Sfakion - Festos - Iraklio
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Kreta Radler

 

Iraklio

... im Handumdrehen war ich glücklicher Besitzer eines Fährtickets nach Kreta. Um 21 Uhr lief die "Festos Palace" der Minoan Lines aus. Ich machte was ich auf Fähren immer mache. Auch dem obersten Deck die Ausfahrt aus dem Hafen geniessen, gefolgt von einer ausgedehnten Erkundungstour und dann bleibe ich meist lesend oder schreibend in der Bar hängen bis es ruhig genug wird um zu schlafen. Nur die Schlafsaal Wahl liess diesmal zu wünschen übrig: Kreischende Babys, laut diskutierende Eltern, "durchmachende" Teenager und der Typ vor mir war der einzige des ganzen Schiffes, der sein eigenes Handy nicht hörte. Als ich dann irgendwann doch einschlief, waren wir eigentlich schon da, zwei Stunden früher als geplant. Tja, ich machte was ich um 5 Uhr morgens nie mache, setzte mich ins Hafencafe, betrank mich mit drei Tassen Kaffee und las drei Stunden in einem 900 seitigen Wälzer über Terrorismusbekämpfung, bis es endlich hell wurde.

Nach dem zeremoniellen Kauf, Zurechtfalten und in den Plastik der Lenkertasche Einschieben der soeben erstandenen Kreta Karte, ging ich die Umrundung im Gegenuhrzeigersinn an. Die Strasse schlängelte sich in westliche Richtung, über beträchtliche Hügelzüge und wie es bei Inseln halt so ist, gibt es des öftern herrliche Meeresblicke.

Aus irgendeinem Grund standen am Strassenrand plötzlich eine Unmenge Busse und aus irgendeinem Grund brannte der grüne und wahrscheinlich aus diesem Grund standen etliche Busfahrer rum und genossen die Wärme des Feuers und einige Polizisten standen auch da, machten aber aus irgendeinem Grund überhaupt nichts. Bevor die meine Gepäcktaschen auch noch als Brennstoff verwenden wollten spurtete ich schleunigst weiter.

Rethymno - Vrysses - Imbros Pass - Hora Sfakion

Der Regen liess mich am nächsten Morgen ein wenig länger im Zimmer ausharren. Doch als das erste Fleckchen blau zwischen den Wolken zu erkennen war, hatte ich innert 10 Minuten das Rad besattelt und setzte meinen Weg der Küste entlang fort. Als ich so richtig warm gefahren war, bog ich in nördliche Richtung in die Berge ab. Diese Gegend war während des Zweiten Weltkrieges stark umkämpft, respektive mussten sich die Alliierten hier in die Berge zurückziehen. Oft sieht man Büsten der damaligen Kriegshelden und Widerstandskämpfer.

Die Landschaft hatte irgendwie etwas ausserplanetarisches an sich und es machte riesigen Spass hier hoch kurven zu dürfen. Die Imbros Passstrecke führte immerhin auf etwa 1000 m .ü.M. Wie zur Belohnung für die Anstrengung überspannte ein herrlicher Regenbogen das Tal und der Hospiz Wirt offerierte ein Gläschen Raku Likör. Gleich beim Hospiz tut sich auch der zuerst noch kleine Spalt der Imbros Schlucht auf. Weiter unten wird aus dem Spalt eine tiefe, mächtige Schlucht, welche schlussendlich ins Meer mündet. Eine Ansammlung spektakulärer Haarnadelkurven führte dem Schluchtenrand entlang und bietet super Aussichten in die Schlucht und auf die Nordküste Kretas. Während sich auf fast Meereshöhe die Hauptverbindungsstrasse gegen Westen wendete, nahm ich die Sackgasse in die entgegen gesetzte Richtung, in den spontan auserkorenen Etappen Ort Hora Sfakion. Die Domatia Panorama machte ihrem Namen alle Ehre und der in einer Zitronensauce zubereitete Lammbraten in einer nahe gelegenen Taverne setzte dem Tag noch die Krone auf.

Hora Sfakion

Einheimische berichteten mir vom E4 Trail oder Wanderweg, welcher mich in ein nur zu Fuss oder mit Booten erreichbares, ganz in weiss gehaltenes Dörfchen bringen sollte. Die Beschreibung von diesem magischen Ort tönte zu verlockend um es mir entgehen zu lassen.

Nach etwa einer Stunde kam ich zur Fresh Water Beach . Tatsächlich gab es frisches Wasser, von oben, weil es ziemlich heftig losregnete. Glücklicherweise fand ich Unterschlupf in einer kleinen Höhle. Als ich mich geradeso hingesetzt hatte und anfing eine Kiwi zu schälen, fiel plötzlich ein mächtiger Steinbrocken vor die Höhle, sicher gross genug um mich ohnmächtig zu schlagen. Darauf kommt schadenfreudig meckernd die Attentäter Geiss runter gesprungen. Tja, da unsere Freundschaft unter diesen Umständen sicher nicht mehr gedeihen konnte, zog ich es vor weiter zu wandern. Ich folgte einem kleinen Pfad über die Klippen rüber zu einem nächsten Strand . Ein weisses Kloster stand einsam und verlassen in der Gegend und darum herum weideten etliche Geissen das nur spärlich vorhandene Grünzeugs. Der attraktive Weg führte mich am Fusse eines hohen Berges schlussendlich nach Loutro, dem weissgewaschenen, magischen Fischerdörfchen. Im Sommer hat es wahrscheinlich mehr Zimmervermieter als Fischer, aber nun war es wie ausgestorben. Geissen und Schafe beanspruchten die schönsten Plätzchen am Strand . Da ich nicht gerne zweimal den gleichen Weg gehe, beschloss ich den 600m hohen Hang zu erklettern und übers Dörfchen Anopolis heimzukehren. Eine echt lohnenswerte Entscheidung. Loutro entschwand allmählich und war schlussendlich nur noch als weissen Strich zu erkennen. Die Blicke übers tiefblaue Meer waren atemberaubend und der ansetzende Sonnenuntergang bezauberte dieses Fleckchen Natur mit noch mehr Magie.

Hora Sfakion - Spili

Nach dieser Wanderpause konnte die Inselumrundung wieder mit dem Rad weitergehen. Ganzer Tag war ein einziges auf und ab, doch bei diesen genialen Aussichten merkt man das gar nicht. Passiere etliche niedliche Dörfchen an steilen Berghängen. Schluchten zwingen mich zu grösseren, kurvigen Umwegen. Und immer begleitet von herrlichsten Blicken auf den Ozean mit seinen Stränden, Buchten und Klippen. Eine absolute Radler Geniesser Strecke.

Spili - Festos - Vori

Heute spielte mir die Landkarte einen ziemlichen Streich. Auf der Karte war deutlich eine unasphaltierte Nebenstrasse der Küste entlang eingezeichnet. Zuerst ging das ja noch gut, bis das Strässchen zum Weg und dieser wenig später zum unbefahrbaren Pfad wurde. So schulterte ich das Rad halt samt Gepäck und kletterte an den Strand runter. Hier konnte ich das Fahrrad immerhin auf dem Kiesstrand stossen, bis schlussendlich eine Klippe diese Route definitiv unpassierbar machte. Also alles wieder mühsam zurück und somit bin ich den ganzen Morgen keinen einzigen Kilometer weitergekommen.

Die Strasse führte auf einen Hügel hoch und in einem zwar grossen Umweg aber ohne jeglichen Probleme erreichte ich die Ruinenanlage "Festos" der Minoan Kultur noch kurz vor dem Eindunkeln. Festos oder Phaestos ist eine der ältesten Stätte Kretas. Wiederaufgebaut wurde indes nichts, das heisst die Anlage ist zwar sehr authentisch aber viel ist nicht mehr zu sehen.

Vori - Varvara Pass - Iraklio - (Santorini)

Da ich vor hatte bald mal einen Insel Wechsel vorzunehmen, beschloss ich über den bescheidenen Varvara Pass nach Iraklio zurückzukehren. Schon heute Abend sollte die Fähre nach Santorini ablegen...

 

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