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Zugfahrt durch die Kupferschlucht / Barranca del Cobre


 

Die Zugfahrt durch die Kupferschlucht ist wohl eine der attraktivsten Bahnstrecken der Welt. Von der Provinzhauptstadt Chihuahua aus fährt der Zug zuerst durch das Hochland der abgeschiedenen Sierra Tarahumara, dringt danach in die faszinierende Schluchten Landschaft des Kupfer Canyon ein und endet schlussendlich nach 650 km, 86 Tunnels und 37 Brücken an der pazifischen Küste.


 

Nogales: Grenze USA / Mexiko

 

 

Kupferschlucht / Barranca del Cobre

 

 

Der Zollbeamte und seine Zollampel

Die grüne Lampe der Ampel blieb blass, die rote Lampe leuchtete grell auf, als wäre das die logische Konsequenz wenn man auf einen roten Knopf drückt. Der Zufallsgenerator hatte mich als Opfer auserkoren. Ein uniformierter, schnauzbärtiger Beamter winkte mich zu sich, mit einer eher mitleidigen als grimmigen Miene, wie ich mir das von einem Zöllner eigentlich vorgestellt hätte.
"Woher kommen Sie Señor?"
"Vom Norden."
"Wohin wollen Sie?"
"Nach Süden", antwortete ich altklug, einerseits weil es den Tatsachen entsprach, andererseits weil ich dazumal nicht viel besser Spanisch konnte. Mein gegenüber blieb gelassen, hatte er sich doch täglich mit roten Ampeldrückern wie mir abzugeben und war nur schon froh einigermassen verstanden zu werden. "Rucksack auf!" beorderte er. Nicht wirklich interessiert wühlte er ein wenig in meinen Sachen rum, während ich bibbernd hoffte, er würde nicht finden, was er nicht finden sollte, obwohl es nichts zu finden gab. Mit einer kaum merklichen Kopfbewegung gab er mir zu verstehen ich könne nun passieren.

Doch das wäre der grösste Fehler gewesen. Dank meinem erst gestern in auf der anderen Seite der Grenze erstatteten und auf der morgendlichen Anreise überflogenen schlauen Reiseführer, wusste ich von dem unscheinbaren, weissen Immigrations-Gebäude und der bürokratischen Notwendigkeit dessen Besuches. Hier schienen etliche Brüder des Gepäckwühlers angestellt zu sein, alle sahen sich ähnlich mit ihren zu gross geratenen olivenfarbenen Uniformen, dem runden Gesicht mit konformem Schnauzer und der möglichst tief runter gezogenen Kopfbedeckung. Ich fragte mich zum zuständigen Büro durch. Der Stempel besitzende Beamte stellte die gleichen beiden Fragen wie sein Kollege an der Ampel, verglich das Passfoto mit der vor ihm stehenden Person und anscheinend befriedigt besiegelte er den Grenzübertritt mit einem auf dem Kaktus sitzenden, Schlangen verzehrenden Adler Motiv in meinem Ausweis. "Bienvenido a Mexico !"

Hotel Freuden und Leiden

Mit etlichen "no gracias" bahnte ich mir einen Weg durch die äusserst aufdringlichen Taxifahrer und fliegenden Händler und mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft. Das 3-Stern Hotel San Carlos schreckte mich durch seine horrenden Preise ab. Gleich gegenüber wurde ich durch eine Gruppe von übel nach Alkohol stinkenden "Hotelmanagern" rausgeekelt. Dann scheiterte ich an einem nicht bedienten Empfang. Ein unübersehbares Schild wies auf das Hotel America hin, welches aber auch unübersehbar heruntergekommen aussah.

Vielleicht war eine Posada oder Pension eine bessere Alternative. Eine ältere Frau humpelte mit Hilfe eines Stockes die Treppe vor mir hoch. Nachdem sie sicher zehn verschiedene Schlüssel probiert hatte, präsentierte sie mir endlich ihr bestes Zimmer. Schien ganz okay. Plötzlich drängte sich die Grossmutter erstaunlich flink an mir vorbei und hechtete auf das Bett. "Ahhh, las cobijas! Die Decken!" brummelte sie vor sich hin und fing an die Falten des Deckenüberzugs zu straffen. Doch sogleich wurde mir die Absicht des Rettungssprunges klar: Etwa vier bis fünf daumengrosse Kakerlaken krabbelten fluchtartig unter das Kopfkissen. "Las cobijas", sagte ich stolz auf die Erweiterung meines Vokabulars, und wendete mich schon wieder der Tür zu. Geschäftstüchtig wie sie war, versuchte die gute Frau mir ihr Zimmer inklusive Zoo für den halben Preis anzudrehen. "Las cobijas", erwiderte ich kopfschüttelnd und schritt von dannen. Schlussendlich musste ich doch noch meine Kreditkarte im Hotel San Carlos zücken, aber es war jeden Peso wert.

 


 

Chihuahua

 

 

Kupferschlucht / Barranca del Cobre

 

 

Bar oder Bahnhof?

7:00 Uhr abends. Ich tröpfelte Zitrone auf den Büchsenrand bis es rund ums Trinkloch floss, aber nicht rein fliessen konnte, streute das Salz eher auf den Tisch als in den Zitronensaft und hob das ganze vorsichtig über die Tischmitte, um mit Pedro anzustossen.

7:00 Uhr morgens! Sollte nicht mein Zug um diese Zeit abfahren?

7:05 Uhr abends. "Salud cabrón, auf die Zeremonie!", raunte mir mein Kollege Pedro zu. Dabei hob er zwei Finger in die Luft und krümmte sie ein wenig, um sie kleiner zu machen. Zwei Tequila Shots wurden auf den feuchten, salzigen Tisch gestellt. Ungekrümmte Finger hätten Bier herbeordert.

7:05 Uhr morgens. Irgendwie meinte ich von weitem das Pfeifen einer Lokomotive zu hören.

7:10 Uhr abends. Eine dickliche, wild frisierte oder nicht frisierte Antifrau streckte uns keck ihre schlecht rasierten Beine entgegen und strahlte uns mit einem fast zahnlosen Lächeln an. Pedro signalisierte abwehrend, dass mir ausser dem Getränketransport keinen weiteren Service beanspruchten.

7:10 Uhr morgens. Scheiss Zug! Haben hier nicht grundsätzlich alle und alles Verspätung? Sollte ich es noch versuchen?

7:15 Uhr abends. Eigentlich war es eine erbärmliche, trostlose Spelunke. Ein abbröckelnder, ursprünglich mal weiss gestrichener fensterloser Raum, wo es ausser der Theke, nicht einen einzigen nicht von einer Brauerei gesponserten Gegenstand gab. Von den Plastiktischen und Plastikstühlen über die Aschenbecher, zu den Spiegeln, Werbepostern, und sogar die Lampen zierten allzu bekannte Logos. Der ganze Abschaum der Stadt schien sich hier versammelt zu haben und amüsierte sich. Riesige Hüte, Cowboystiefel, Schnäuze und Mundgeruch dominierten. Ein dreckiger Witz nach dem andern wurde lautstark von sich gegeben, und zwar nicht nur für die Tischnachbarn, sondern gleich für das ganze Lokal. Die Witz Erzähler waren wie in einem Konkurrenzkampf mit den eher gesanglich veranlagten Gästen, welche die Texte der aus der Jukebox trällernden Schnulzen zwar einwandfrei beherrschten, aber die Melodien liessen stark zu wünschen übrig.

7:15 morgens. Der Versuch scheiterte, die Augen schlossen sich trotz aller Anstrengung und der Zug fuhr ohne mich ab. Der Kater einer mexikanischen Fiesta siegte, die gestern gekauften Tickets waren für die Katze.

Erst gegen Mittag schaffte ich es schlussendlich aufzustehen. Ich drehte vergebens an den Hahnen in der Dusche, wäre wahrscheinlich zuviel des guten gewesen für den tiefen Zimmerpreis. Als ich mir das Gesicht im Lavabo mit eiskaltem Wasser wusch, wurden dafür dank dem fehlenden Abflussrohr die Füsse auch gleich mit gewaschen. Ein schäbiger Rest Büchsen Thon auf einem harten Stück Brot ergab das Frühstück, passte aber bestens zum heruntergekommenen Hotel und meiner üblen Laune.
So besuchte ich halt meinen gestrigen Gastgeber und Leidensgenossen Pedro, der es auch nicht früher aus den Federn geschafft hatte. Er hätte zwar an diesem Morgen in einer öffentlichen Schule unterrichten sollen, aber da er letzten Monat sowieso noch keinen einzigen Peso ausbezahlt bekommen habe, spiele es auch keine Rolle, wenn er erst nachmittags starte. Dafür schaffte ich es mit seinen Beziehungen, und vieles geht in Mexiko nur mit Beziehungen, das Ticket auf den morgigen Tag umzuschreiben.

Mit Chepe auf dem Weg in die Kupferschlucht

Am nächsten Morgen schaffte ich die Weiterreise. Sobald der Wecker anscheinend weit entfernt piepste, richtete ich mich sofort auf und erst dann versuchte ich die Augen aufzukriegen. Im Halbschlaf nahm ich mir ein Taxi zum Bahnhof, wo ich mir im Zuge auf der linken Fensterseite ein gutes Plätzchen ergattern konnte. Der Wagen füllte sich nach und nach mit weiteren Frühaufstehern und die Diesellok kündigte pfeifend (was gestern noch als Wecker diente) die Abfahrt an.

Gemütlich schlängelte sich Chepe, wie der Zug liebevoll genannt wird, durch das Flachland und später durch die ersten Ausläufer der Baranca del Cobre, der Kupferschlucht. Bei jedem Halt wurde die Bahn von Scharen von Verkäufern überfallen, welche von Esswaren, Getränken, Schmuck, Uhren und Kleider, über Kassetten und Musikinstrumente, bis zur geheimnisvollen Wundermedizin, ihre Artikel laut schreiend, wild gestikulierend und begabt verhandelnd unter die Leute brachten. Irgendwoher kam immer Musik, entweder live von einer Gitarre oder Synthesizer oder es trällerte lautstark aus einem Radio. Die Leute wechselten die ganze Zeit die Plätze, um sich neue Gesprächspartner zu suchen. Es wurde viel gegessen, wobei das offene Fenster als Abfalleimer diente, damit es innen im Zug immer einigermassen sauber blieb.

 


 

Sierra Tarahumara

 

 

Creel in der Sierra Tarahumara

 

 

Bei Margarita in Creel

Nach einer siebenstündigen Fahrt mit der obligatorischen Verspätung, erreichte ich mein Tagesziel Creel, ein unscheinbares Dörfchen, etwa auf halbem Weg durch die Schlucht, welches mir als Ausgangspunkt für die Erkundung der Umgebung dienen sollte. Kaum war ich aus dem Wagon geklettert, belagerte mich sofort eine ganze Schar Niños. Ich wurde andauernd am Ärmel gezupft und unter geschicktem Einsatz der weit aufgerissenen, hoffnungsvoll flehenden Kinderaugen, wollten sie mich zu einer bestimmten Unterkunft lotsen. Alle redeten gleichzeitig auf mich ein, doch das einzige was ich verstand war "Gringo" und "Margarita". Es gab zwei Optionen, der Gringo war ich und das Hotel hiess Margarita oder ich war Margarita und…. Hatte mir nicht die Herbergsleiterin in Phoenix, „Tante Sue“, ein Hostel mit einem Frauennamen empfohlen? Also nickte ich auffordernd zu Margaritas Boys. Die einten liefen schon freudig voraus, wahrscheinlich um meine Ankunft anzukündigen und dabei ihre Belohnung abzusahnen, andere fingen an, mich an meinem Rucksack in die richtige Richtung zu schieben, als ob das die einzige Möglichkeit gewesen wäre, mir den Weg zu weisen.

Eben erst hatte ich mein Zeugs Besitz ergreifend auf die untere Pritsche eines aus knorpeligem Holz gezimmerten Kajütenbettes gelegt, als mich schon drei Amis anhauten, ob ich auch auf eine kleine Erkundungstour mitkommen wolle. Klar, warum auch nicht, es war ja immer noch früher Nachmittag.
Bruce schien der Wortführer der drei Studentenfreunde aus Seattle zu sein, fragte mich interessiert aus und fand es "really cool" dass ich vor nicht allzu langer Zeit auch bei ihnen im Norden gewesen war. Er war ein typischer Amerikaner, mit einem ausgeprägten Kaugummi-Englisch, welches er redegewandt mit einer Gesprächssalve nach der anderen von sich gab. Durch unsere ähnliche Reisephilosophie hatten wir schnell den gleichen Nenner gefunden. Joe war eher auf der ruhigeren Welle und scheinbar ein Sonnenbrillenfetisch, vor es nicht stockdunkel wurde, würde er nie im Leben das Teil freiwillig von der Nase nehmen. Mit dem lulatschigen Brian hatte ich anfänglich meine liebe Mühe, meistens brummelte er nur etwas unverständliches vor sich hin und wenn er mit den anderen rumalberte, waren es meistens Insider Witze von den guten alten Zeiten.

Sierra Tarahumara

Jedenfalls wanderten wir ein schönes Stückchen zu einer alten Missionskirche mitten im Tarahumara Land. Die Tarahumaras sind ein sehr zurückgezogen lebendes Indianervolk. Sie hausen in sehr bescheidenen Hütten oder sogar noch in Höhlen. Früher waren sie sehr bekannt für ihre ausgesprochene Ausdauerfähigkeit. Angeblich vertraten sie die Mexikaner an den Olympischen Spielen im Marathon , weigerten sich aber mit den von einem bekannten Sportartikelhersteller gesponserten Laufschuhen zu rennen und erzielten barfuss beachtliche Zeiten!

Genau rechtzeitig trafen wir zum Abendessen ein. Die gesamten Globetrotter Gäste versammelten sich an drei länglichen Holztischen und liessen sich durch Margaritas deliziöse Kochkünste verwöhnen. Später setzte man sich in den Innenhof, wo Joe mit seiner Gitarre die Menge zum Singen zu animieren versuchte. Erstens weil ich eh nur unter Publikumsausschluss unter der Dusche mein Gesangstalent zum Besten gebe und zweitens weil die bleischweren Augenlieder unkontrollierbar zuklappten, zog ich mich bald einmal zurück.

Ein Pferd namens "Clown"

Die sehr attraktive Umgebung von Creel lädt zum Erkunden ein. Man kann das problemlos auf eigene Faust zu Fuss tun. Zudem kann man Mountain Bikes oder Pferde mieten. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich es mit einem Pferd versuchen.

"Links, links", schrie ich verzweifelt, während das Pferd natürlich demonstrativ nach rechts einschwenkte. "Vamonos, schneller" war gleichzusetzen mit einer Friss-die-Blumen-Pause. Das gut gemeinte Zurufen seines Namens "Payaso" bedeutete für diesen Rantanplan in Pferdegestalt, der Reiter möchte gerne von einem tief liegenden Ast abgestreift werden. Beim Anziehen der Zügel, was jeden Esel zum Stillstand gebracht hätte, galoppierte diese Fehlzucht wie wild davon, ohne auch nur einen Gedanken an meine arg leidende Männlichkeit zu verschwenden. Wollte ich jedoch meinerseits etwas rascher vorankommen, musste ich angeblich mit den Steigeisen leicht gegen seinen Unterleib schlagen. Er aber schien das als Massage zu interpretieren und genoss es lieber stehend. Immerhin war er sehr sozial veranlagt und schloss immer wieder zu meinen Kollegen, respektive deren Reittieren auf. Dabei scheute er auch nicht vor Abkürzungen durch Gartenbeete und auf dem Bahngeleise! Ohne Zweifel verdiente es seinen Namen Clown!

Habt ihr Lust auf Chips?

Nach einigen ereignisvollen Tagen in diesem traumhaften Dörfchen, zog es mich weiter. Da die Amis ähnliche Pläne wie ich hatten, schloss ich mich ihnen zusammen mit dem glatzköpfigen Deutschen Sascha an. Wir wollten uns den 1. Klasse Zug leisten, um die Landschaft in Ruhe von einem Sitzplatz aus geniessen zu können. Erstaunlich pünktlich dampfte die Lok heran. Wir kletterten den Wagon hoch und suchten schon ein Plätzchen zwischen all den Pauschaltouristen, als Bruce plötzlich bemerkte, dass Brian von seinem Pommes Chips Kauf noch nicht zurück war. Ganze Truppe wieder rechtsumkehrt, unter dem empörenden Gemurmel der Fahrgäste. Als das Schlusslicht gerade blinkend hinter der Senkung verschwand, fragte jemand: "Habt ihr Lust auf Chips?", und ein unschuldig schmunzelnder Brian hielt uns eine Familienpackung grüner Doritos unter die Nase.

 


 

Barranca Urique / Urique Canyon

 

 

Die Kirche von Bahuichivo im abendlichen Sonnenlicht

 

 

Weiter hinein in die Kupferschlucht

Stunden später kroch der Bummelzug der zweiten Klasse aufs Bahnhofgleis. Zum Glück fanden wir alle irgendwie ein Plätzchen zum Sitzen und schon rollte der Zug weiter. Ein Auge auf das Kartenspiel fokussiert, das andere genüsslich die einmalige Berg- und Schluchtenlandschaft wahrnehmend, schlängelte sich die Bahn in engsten Kehren um jegliche Hindernisse. Nur in den Tunnels war wegen allgemeinem Lichtmangel beides etwas schwierig. Einmal erwischte mich so ein dunkles Loch mitten im Geschäft auf der Toilette. Der nasse Boden zeugte von einer schlechten Trefferquote!

Bahnhof Bahuichivo

Als die Schlucht sich fast selber nicht mehr an Attraktivität übertreffen konnte, kam plötzlich die Idee auf, beim nächsten Halt doch einfach spontan auszusteigen. Gesagt, getan. Eine kleine Holzbude mit dem fast nicht mehr leserlichen Lettern "Bahuichivo", täuschte einen Bahnhof vor. Sogar die Anschlussverbindung klappte vorzüglich, aus einem mit laufendem Motor bereitstehenden Vehikel winkte uns ein Chauffeur erfreut heran, das Geschäft der Woche witternd. Nach einer einstündigen Holperfahrt auf der ärgsten Rallye Strecke, hielt er mitten auf einer Kreuzung an, deutete mit dem Finger der anderen Sandpiste entlang und sagte: "Hotel, hotel." Tatsächlich fanden wir in einem kleinen Dörfchen eine sehr gediegene familiäre Pension. Wegen Zimmermangels teilten wir uns je zu dritt ein Doppelbett. Joe, Sascha und ich losten aus, wem die undankbare Sandwichposition zufallen würde, ohne zu ahnen, dass sich dieses Prozedere schlussendlich als Überflüssig erweisen würde. Sascha sollte es heute Abend nicht mal mehr bis ins Schlafzimmer schaffen!

Laute Rufe nach Zitrone liessen mich die während der Diskussion zugeschnittenen Mini Zitronchen ergreifen und wir setzten uns zu den anderen in das Wohnzimmer. Bei jedem Sitzplatz stand schon ein volles Gläschen bereit, die halbvolle José Cuervo Flasche verriet das Wässerchen als Tequila. Ich verteilte die Zitronenhälften, während Bruce das Salz auf die hergehaltenen Handrücken streute. Das Team harmonierte ausgezeichnet zusammen. Viva Mexico !

Der Rächer der unerfüllten Sternschnuppe

"Hey Jungs, habt ihr das gesehen?" irgendeiner der zur draussen gelegenen Toilette musste, rief uns aufgeregt aus der guten Stube. Stumm kopierten wir seinen nach oben gerichteten Blick und wurden von dieser unglaublichen Sternenpracht beinahe erschlagen. Stell dir deinen schönsten je gesehenen Sternenhimmel vor, verdopple die Anzahl Sterne und du weisst, wie unbeschreiblich mächtig dieses Phänomen auf uns wirkte. Wir legten uns auf die Strasse, nicht mal im Traum an Autos in diesem Niemandsland denkend und zogen uns das Spektakel wie im Delirium rein.

Plötzlich setzte sich einer der Sterne in Bewegung, nein, es waren zwei, genau gleich gross, Zwillingssterne nahm ich an. Sie kamen genau auf uns zu, immer grösser wurden sie. Wow, mit dieser riesigen Doppelsternschnuppe musste ja jeglicher Wunsch in Erfüllung gehen, rasch wünschte ich mir was ich immer wünschte und wartete gespannt auf eine unmögliche, sofortige Erfüllung. Die Sterne vergrösserten sich schon fast bedrohlich und kamen flach auf uns zugeschossen. "Ein Auto, ein scheiss Auto", schrie da plötzlich mein Nachbar auf und rollte sich auf die Seite. Instinktiv tat ich ihm gleich und nur Augenblicke darauf brauste in einem riesigen Karacho die von einer dicken Staubhülle umgebene "Doppelsternschnuppe" an uns vorbei. Der Wunsch ist übrigens bis heute unerfüllt geblieben.

Als ob nichts geschehen wäre, legten sich alle Sternenanbeter wieder hin und sofort herrschte Totenstille. Und doch meinte ich etwas zu hören, wie Fusstritte. Ich wechselte den Kanal und schaute in Richtung der Strasse. Was? Ich rieb meine Augen und versuchte mir durch eine rasche Kalkulation der gehabten Tequila Shots einzureden, ich sei noch voll zurechnungsfähig. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass genau vor uns ein Cowboy mit gezückter Pistole stand!

"Amigos", lallte er, schwankte noch ein paar Schritte vorwärts und versuchte dort erneut sein Gleichgewicht zu halten. Dazu balancierte er wild mit den Armen und liess die Pistole bedrohlich umherkreisen. ""Policia", stammelte er versuchsweise in ernster Miene und rückte seinen Hut autoritär zurecht, damit er uns auch mustern konnte. Mir kam er eher vor wie der Jäger der verlorenen Doppelsternschnuppe, aber angesichts seiner besseren Bewaffnung behielt ich das für mich. Verdutzt und wie versteinert standen wir da und schauten gebannt auf die Knarre. Immerhin konnte er sich jetzt soweit beherrschen und richtete den Lauf nach unten. "Yo policia, amigos!" gab er plötzlich wieder von sich. Der Typ hatte sicherlich soviel geladen, wie wir vorher brüderlich zu sechst geteilt hatten. Als er wieder wankte und sich nach dem ersten Ausfallschritt gezwungenermassen wieder in Bewegung setzte, damit er nicht umkippte, bildeten wir beidseitig wie eine Ehrengasse und liessen den mexikanischen John Wayne durchtorkeln. Er schien das Interesse an uns verloren zu haben und nahm die Verfolgung von was auch immer wieder auf! Hastig eilten wir zurück zur Unterkunft, genug für heute. Plötzlich ging in der Ferne ein Schuss los, dann noch einer. Der Rächer der unerfüllten Sternschnuppe hatte zugeschlagen!

Warten, warten, warten

Brian hatte sich mit einem vermeintlich packenden Buch lesend an einen Steinbrocken gelehnt, Joe vergewaltigte sein geliebtes Saiteninstrument, Bruce lief nervös hin und her und versuchte durch gezielte Fussballakrobatik die staubige Strassenkreuzung vom Geröll zu befreien, die beiden Europäer versuchten sich mit immer gewagteren Jonglierkünsten gegenseitig zu übertrumpfen. Aber alle hatten wir eines gemeinsam, wir frönten des Reisenden liebster Beschäftigung: Warten, warten, warten!

Der knurrende Magen schien zu bestätigten, dass seit dem Frühstück auch schon einige Stunden vergangen waren, und von dem allerseits angekündeten Bus war weit und breit nichts zu sehen. Ich weiss nicht, ob das Knurren bis zum nachbarlichen Haus gedrungen war, jedenfalls offerierte die dortige Familie uns etwas zu kochen. Brian hatte die dreiste Idee nach der Menüauswahl zu fragen: Tortillas mit Bohnen natürlich. Die ganze Familie half mit, genügend Tortillas zu formen und zu erwärmen. Irgendwoher wurde noch lauwarmes Coca Cola herangeschafft und sogar etwas Fleisch mit einer feurigen Chili Sauce bereicherte das Mahl.

Von einem Bus immer noch keine Spur. Mich liess das ziemlich kalt, meine Zeitrechnung gab sich schon lange nicht mehr mit Stunden oder Tagen ab, vielmehr mit Wochen oder sogar Monaten. Nicht so Bruce, durch mutiges mitten auf die Strasse stehen, hielt er die wenigen vorbeikommenden Vehikel an und fragte ob sie uns tiefer in die Seitenschlucht Urique bringen könnten. Ohne Erfolg. Erst als der Stundenzeiger wieder seine Runden gedreht hatte, Brian sein Buch schon lange gelangweilt wieder in den Rucksack gepackt hatte, Joe die Finger wund gespielt hatte, Bruce die Strasse geröllfrei gekickt hatte, die Jongleure keine Bälle mehr sehen konnten und die Familie uns schon fast ein Abendessen anbieten wollte, fruchteten die  Bemühungen von Bruce endlich und ein mit Holzbänken auf der Ladefläche ausgebauter Pick-up war gegen ein entsprechendes Entgelt bereit uns mitzunehmen.

In die Barranca Urique

Die Neuigkeit von einem Transportmittel verbreitete sich in Windeseile und von überallher tauchten weitere Reisewillige auf der Strassenkreuzung auf. Gemütlich zusammengepfercht holperten wir dann endlich los. Auf einer halsbrecherischen Fahrt wand sich das Auto etwa 1000 m in die Urique Schlucht runter. Je tiefer wir kamen, desto unerträglicher heiss wurde es. Die ganze Sonneneinstrahlung wurde tagsüber in den enormen Felswänden gespeichert und glühte nun erbarmungslos. Ich kam mir vor wie ein Hühnchen im Backofen. Der Schweiss sog sich an den Kleidern fest und den freigegebenen Gerüchen urteilend gab es Mitfahrer die noch weniger duschten als ich. Als Zugabe setzte sich der aufgewirbelte Staub an den triefenden Gestalten fest und der Hintern wurde tüchtig rot geholpert. Mit einem letzten grossen Ruck kam das Gefährt schlussendlich zu stehen, zuunterst in der Schlucht, am Rande des Dörfchens Urique. Das erste was wir in Erfahrung brachten, war die für heute Abend angesagte Hochzeit einer Dorfschönheit und ihrem Bräutigam aus Chihuahua. Alle waren eingeladen.

Schluchten Hochzeit

Wir teilten die einzige Absteige mit den auch heute angereisten Verwandten aus der Hauptstadt und einer über zehnköpfigen Musikband. Es herrschte ein emsiges Treiben und auch wir versuchten uns mit unserem limitierten Kleidervorrat für das Fest vorzubereiten. Die religiöse Zeremonie sei schon im Gange, erreichte uns das Gerücht. Als wir neugierig bei der Kirche angelangten, kam die Hochzeitsgesellschaft soeben aus dem riesigen Haupttor. Die Fotokameras schossen los, jeder wollte mal mit den Frischvermählten verewigt werden. Ein Einheimischer forderte auch uns auf, doch mal mit der Braut zu posieren und rannte fort, um wie es schien, das ganze zu organisieren. Später bewegte sich dann die Menschenmenge auf den Hauptplatz und den angrenzenden Basketballplatz neben der Schule, wo in der Zwischenzeit unsere Hotelnachbarn fröhlich aufspielten. Sofort verfielen die Leute in den passenden Tanzschritt und die Fiesta war lanciert. Nur vielen bekam der plötzlich in grossen Mengen vorhandene Alkohol nicht allzu gut, als ich am nächsten Tag zu einem morgendlichen Spaziergang aussetzte, lagen noch etliche Hochzeitsgäste am Rande der Staubpiste im tiefsten Erholungsschlaf.

Wir verbrachten den nächsten Tag auf einer Erkundungstour durch die Schlucht. Sehr weit aber kamen wir nicht, die Hitze war einfach zu gross. Deshalb liessen wir uns bei einer Hängebrücke nieder, badeten im Fluss und spielten Karten bis der kühlere Abend anbrach, um den Rückweg anzugehen.
 

 

An die pazifische Küste

 

 

Pazifischer Ozean

 

 

Chepes Endspurt

Wieder zurück an der Bahnlinie, am Bahnhof von Bahuichivo, nahmen wir den 2. Klasse Zug Chepe weiter gegen Westen. Die Fahrt blieb unvermindert attraktiv, die Strecke ist wirklich eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. 86 Tunnels und 37 Brücken mussten konstruiert werden, um die Berglandschaft und das riesige Schluchten System zu durchqueren. Nur schon am heutigen letzten Tag der Reise musste der Zug 1800 Höhenmeter meistern bis wir bei der Endstation von Los Mochis, im Bundesstaat Sinaloa, die Endstation erreichten.

Im Pazifik Hafen Topolobampo

Zwischen dem Festland und der Wüstenhalbinsel Baja California erstreckt sich eine lang gezogene Meeresbucht. Mehrmals wöchentlich überwinden Fähren von Topolabampo aus das nasse Hindernis. Die bereits ausgebuchte Morgenfähre zeigte auf wie wichtig diese Verbindung ist. Wir wurden angewiesen unsere Namen auf eine Warteliste zu setzen und am Abend nochmals unser Glück zu versuchen. Der Vorverkauf beginne erst gegen Nachmittag, verriet eine äusserst demotiviert dreinblickende und den deutlichen Augenringen an, schlafbedürftige Angestellte, durch die drei Sprechlöcher einer Plexiglasscheibe. Natürlich konnte sie die lange Zeitspanne eines ganzen Nachmittags nicht genauer bestimmen und bevor mir eine weitere Frage in den Sinn kam, waren die Vorhänge plötzlich gezogen.

Fähre oder Fischerboot

Wie schlägt man einen ganzen Tag in einem Hafen im Niemandsland tot? Ein dreistündiges Frühstück tat das seine, aber beim zu langen Pokern bestand die erhebliche Gefahr einer von uns würde sein ganzes Fährgeld verspielen. Unbemerkt hatte sich ein alter, gebrechlicher Mann als Zuschauer neben uns gesellt. Joe wollte ihm schon ein Almosen aus unserem Jackpot in die Hand drücken, doch dieser winkte beleidigt ab.

„Ich habe ein schnelles Boot, Amigos, mit Motor“, fügte er noch stolz an. „Ich kenne da eine traumhafte Insel, ein idealer Tagesausflug“, meinte der Kapitän in aufkommender geschäftstüchtiger Manier und brachte damit unsere ganze Truppe ins Strahlen. Sofort machten wir uns zum Aufbruch. So schifften wir uns anstelle des grossen Bootes, auf einem kleinen Fischerkahn ein und liessen uns vom Kapitän auf einer lang gestreckten, verlassenen Sandbank absetzen. Durch das Zurückbehalten seiner Gage, machten wir uns nie irgendwelche Sorgen, er würde nicht mehr zurückkehren.

González, Hernandez, Robles…

Gegen Abend begaben wir uns wieder zum Ankerplatz der Fähre. Das Ticketfenster war erneut von einem ganzen Schwarm Reisewilliger belagert, aber wir kamen gerade noch rechtzeitig. Zu meinem Erstaunen wurden wirklich die Namen auf der Warteliste fein säuberlich nacheinander verlesen. Zwischen all den González, Hernandez, Robles, Herrera, Gómez und Fernandez ertönte plötzlich mein exotischer Nachname und mit purer Ellbogengewalt bahnte ich mir einen Weg durch die nervös drängelnde Menge, um mir eine der heiss begehrten Fahrkarten zu ergattern.

Fähre nach Baja California

Es dauerte tatsächlich bis Mitternacht, bis all die Autos und Lastwagen auf die Ladebrücke manövriert worden waren, erst dann war es den Fahrgästen erlaubt an Bord zu gehen. Als ginge es um Leben und Tod hetzten die Passagiere über die Planke und schwärmten auf das gewaltige Schiff, um sich das beste Liegeplätzchen für die Nacht zu ergattern. Mit Kind und Kegel und unverhältnismässig viel Gepäck wurden ganze Sitzreihen eingenommen. Nur die wenigsten vermochten sich den Luxus einer eigenen Kajüte leisten. Das schien niemanden zu kümmern, schon Minuten später dösten die ganz abgehärteten in den akrobatischsten Positionen friedlich vor sich her schnarchend  ein. Andere wiederum machten sich vorerst an die Zubereitung eines reichhaltigen Nachtessens. Natürlich wäre ein simples Sandwich nicht gut genug gewesen, vielmehr gab es mitgebrachte Tortillas, mit allerlei schon zu Hause vorbereiteten Zutaten und etlichen hausgemachten scharfen Saucen. Wasser trinkt ein Mexikaner grundsächlich höchst selten, nicht umsonst sind sie noch vor den Amerikanern amtierende Weltmeister im Coca Cola Konsum.

Auch ich genehmigte mir noch einen Gute-Nacht-Drink bevor ich meine Hängematte auf der vorderen Steuerbordseite fest knüpfte und mich durch den Pazifik Wind in den Schlaf schaukeln liess.

Das Abenteuer Baja California konnte beginnen...

 


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