
|
Weihnachten auf Achse
Der andere Schwerpunkt der Reise sollte ein Aufenthalt in Merida in den Anden werden. Nur an Heilig Abend war tatsächlich der ganze Busterminal geschlossen. Doch keine Bange, gewiefte Busfahrer haben auf eigene Initiative Fahrzeuge aufgetrieben und künden deren Fahrziele lautstark an. "Liegesessel, Merida.... Liegesessel, Merida!" Herz was willst du mehr. Im Kampf um Passagiere stiessen sich die Kundenfänger aggressiv an und verfluchten sich mit allem Erniedrigenden was die menschliche Fantasie so zulässt. Der einte lotste uns wortgewandt als seine Beute andeutend und mit Hilfe seiner Fäuste zu einem weissen Minibus. Das Gefährt offerierte zwar alles andere als herunter klappbare Liegesessel, vielmehr Knie aufreibende Enge. Da es jedoch keine Alternative zu geben schien, nahmen wir die praktisch letzten Plätze ein und tatsächlich ging es wenig später los. Über zwei Bildschirme flimmerten einfallslose Merengue Videos mit sicherlich in die Nähe des Maximums geschraubtem Volumen und die Nachbarin schien auch spätabends noch unzählige, lebenswichtige SMS verschicken zu müssen. "Stille Nacht, heilige Nacht!" Spätestens gegen Mitternacht hatte ich von beiden die Schnauze gestrichen voll. Ziemlich genau beim 16ten mal Pip Piiip des Handys und dem 16ten mal aufwachen, ging dem Bus zu allem Überfluss der Sprit aus, ironischerweise vor einer wegen Weihnachtsfeier geschlossenen Tankstelle. "Oh du Fröhliche!" Alle raus und warten. Hätte ich mir auch nie träumen lassen, vom Weihnachtsmann eines Tages einen Kanister Benzin unter den Baum wünschen zu müssen. "Oh Tannenbaum!" Irgendwie gelangten dann doch einige Tropfen schwarzes Gold in den Tank und auf gleichem Weg zurück wurde eine offene Zapfsäule gefunden. Die Reise konnte weitergehen und nichts hielt mich mehr vom Schlafen ab!
In den Anden bei El Vigia
Dichter Nebel und Nieselregen dominierten den tristen Morgen und vermiesten die Ankunft in der Bergwelt gründlich. Nichts von grün überzogenen Berghängen, schneebedeckten Gipfeln, glasklaren Quellbächen und einladende Seitentälern. Das soll die Anden Stadt Merida sein? Na ja, zuerst mal eine Unterkunft finden. "Zur Posada La Montaña, por favor." "Claro", meinte der Taxifahrer. Im Zentrum angekommen fragte er aber doch nochmals nach dem Namen des Hotels. Es folgte ein Schulterzucken mit entsprechender Grimasse. "No lo conozco, kenn ich nicht!" war die deutliche Antwort. Zur Gedächtnisauffrischung nach der gestrigen eventuell durchzechten Weihnachtsfeier gab ich ihm die Strassennamen gemäss Reiseführer an. "Diese Strassen gibt´s hier nicht!" Ich versuchte es noch mit einem anderen Hotel, aber nur um zu bestätigen, was ich nun irgendwie ahnte und mit meiner nächsten Frage bestätigte: "Wo sind wir hier überhaupt?" Nun war es an dem armen Fahrer mich mit einem "du-blöder-ignoranter-Touristen-Blick" anzuschauen. "El Vigia!" Hä? Karte her, wo sind wir gelandet. Tatsächlich hat uns der Bus statt in den Ort Merida, nur in die erst grössere Ortschaft im Bundesstaat Merida gebracht. Sofort zurück zum Busterminal und immerhin bekamen wir die dubiosen Bushalunken noch zu Gesichte und konnten unserem Ärger noch etwas freien Lauf verschaffen, obwohl das natürlich nichts nützte. Aber um das ging es auch nicht! Ein Bus nach Merida stand schon mit laufendem Motor bereit.
Merida im Bundesstaat Merida
O.K. Zeitmaschine zurück gespult. "Erneute" Ankunft in Merida: Die Sonne strahlte uns entgegen, grün überzogene Berghänge, schneebedeckte Gipfel, glasklare Quellbäche und einladende Seitentäler begrüssten uns. Nur die Unterkunftssuche stellte sich als ein Geduldsspiel heraus in dieser Haupturlaubszeit in Venezuela.
Das Outdoor Angebot in Merida ist riesig: Paragliding, Rafting, Canyoning, Mountain Biking, Wandern und die nahe gelegene Gegend "Llanos" bietet Tiersafaris mit Piranha fischen und Anaconda streicheln. Leider, leider, wie schon so oft bedauert ist´s und bleibt´s ein Kurzurlaub und Prioritäten müssen gesetzt werden und Entscheidungen gefällt werden. Schlussendlich wollten wir uns mit einigen Tageswanderungen begnügen. Es ist halt auch nicht so einfach in Mexiko arbeitend und Pesos verdienend sich die nötigen Dollars zu erwirtschaften um die angebotenen Touren zu bezahlen, welche immerhin zwischen 40 und 50 Dollars pro Tag kosten. Da kam uns Rolando (heimlicher Übername: Rolandiño) genau richtig. Er quatschte uns auf der Strasse an und anerbot sich als Führer. Hand drauf, wir verabredeten uns für Morgen!
Der venezolanische Rolandiño
Rolando war irgendwie ein schräger Vogel. Von kleiner Statur mit einem unpassenden Schnauz der gerade mal genug Haarchen hatte um als Schnauz zu gelten, eine kleine, runde Brille auf einer länglichen, spitzigen Nase, welche ihm einen Hauch eines Intellektuellen verlieh und eine vergammelte, ursprünglich wahrscheinlich mal grüne Mütze, welche er um nichts auf der Welt abnahm. Ebenso alt und wenig gewaschen waren sein graues T-Shirt und ein mexikanischer Poncho drüber. Auf der einten Seite wusste er erstaunlich viel über die Tier- und Pflanzenwelt, sowie Geschichte und Kultur des Landes, auf der anderen Seite war mir sein Maulwerk ein bisschen zu lose, mit vielen dubiosen Geschichten wo wahrscheinlich höchstens die Hälfte wahr war.
Nachdem wir genügend Proviant eingekauft hatten, quetschten wir uns in einen Minibus, welcher uns höher hinauf in die Anden brachte. An dessen Endstation half nur noch der Daumen weiter, um das nächste Transportmittel anzuheuern. Auf der Ladefläche eines violetten Pick-ups überliessen wir unser Leben einem hirnkranken Strassen Rowdy. Trotz der engen und kurvenreichen Bergstrasse mit dichtem Feiertagsverkehr, überholte er an den unübersichtlichsten Stellen, zwängte sich in die sich langsam aufwärts schlängelnde Kolonne, schnitt die Kurven und näherte sich um haaresbreiten an den steil abfallenden Abgrund. Immerhin gelangten wir so schon nach einer Stunden auf den höchsten Punkt der venezolanischen Anden Passtrasse auf 3'500 m.ü.M., beim "Pico el Aguila".
Laguna Mucubaji y Laguna Negra
Ich war echt froh, konnte ich die Verantwortung meines Lebens nun auf meine Beine übertragen. Nach einer kurzen Wander-Aufwärmstrecke erreichten wir bei strahlend blauem Wetter die Lagune Mucubaji. Ein Pfad führte weiter dem Berghang entlang durch den Wald, vorbei an grossen Feldern von dieser fantastischen Pflanze "Fray Leon", mit den bestechend gelben Blüten und geschmeidig weichen Blättern, mit welchen man Tee zubereiten kann, die als Isolationsmaterial zum Zelten dienen und sogar als Notfall Toilettenpapier missbraucht werden können. Na ja, Rolando muss es ja wissen. Unser Tagesziel war die etwas kleinere Laguna Negra, schön in ein Seitental eingenistet und mit einem erstaunlichen Forellenbestand. Danny hatte sich in den Kopf gesetzt unser Abendessen mit blosser Hand fangen zu können, noch nicht wissend, dass er später höchstpersönlich eine Büchse Thunfisch werde öffnen müssen.
Bei Tia Maria
Leider zogen bald dicke Nebelschwaden ins Tal und liess es empfindlich kühler werden, höchste Zeit sich zur Unterkunft zu begeben. Der Plan war, in einem kleinen Dörfchen bei Tia Maria, wo auch Rolandiñho wohnte zu nächtigen. Das Haus war zwar äusserst bescheiden, eine Mischung aus Stall und Wohnhaus, jedoch hübsch am Berghang gelegen, mit einer zwar vernebelten aber doch eindrücklichen Sicht auf die Bergwelt der Anden. Mit einem Bärenhunger machten wir uns sofort ans Kochen. Aus Dankbarkeit wollten wir Tia Maria zu feinen Spaghetti an Thunfischsauce einladen, aber sie traute unserer italienischen Kochkunst wohl nicht so recht und bevorzugte ihr eigenes Nachtessen. Beim Auftischen der mitgebrachten Tequila Flasche leuchteten ihre Augen schon eher auf und sie hielt ihre sonst eher an Kaffee gewohnte Tasse neugierig hin. Ich hatte irgendwie erwartet, die sicher 70-Jährige würde jetzt vorsichtig an der Tasse nippen. Doch weit gefehlt, in einem Schluck war der kostbare Agavesaft Vergangenheit. Sie habe auch ein Wunderwasser, meinte sie, als sie zu einem Holzschrank humpelte. "Miche, Miche", krächzte sie, uns je einen oben am Rand angebissenen Plastikbecher mit dem anishaltigen Likör hinhaltend. Mit gutem Beispiel voran kippte sie ihren Anteil runter und lächelte die jüngere Generation erwartungsvoll an. "Bien, bien", sagte sie wieder in ihrer typischen Manier alles doppelt zu erwähnen. So sassen wir noch eine ganze Weile an diesem Holztischchen, unter einer im Abendwind baumelnden Glühbirne in der Küche und tranken abwechselnd aus den verschiedenen Flaschen und liessen uns von der Grossmutter von den schwierigen und rauen Zeiten als Andenbewohner erzählen.
Gegen Mitternacht schien sie die Bar schliessen zu wollen und führte uns zu unserem Schlafraum. Den Umständen entsprechend konnte nicht viel erwartet werden, aber leere Dosen und sonstiger Abfall auf dem Boden, sowie ein vergammelter Pullover in einer Ecke wirkten ziemlich ausladend. Die Matratze hatte wahrscheinlich schon etlichen Generationen gedient und präsentierte sich jetzt in einer unebenen, wellenartigen Form. Als Bettersatz wurden einige unter der Matratze verteilte Harasse missbraucht. Auch die Fauna war recht eindrücklich: Spinnen, Ameisen, Fliegen, Mücken, Kakerlaken und am Morgen weckten uns einige Kücken, welche von hier aus ihre Mutter beobachteten, wie sie mutig zwei Schweinchen den Eintritt zu verwehren versuchte. Von gut geschlafen konnte wohl kauf die Rede sein!
Aguas Calientes - Heisse Quellen
Unsere heutige Wanderung führte uns auf einem schmalen, zickzackenden Pfad von Tabay die Westflanke der Sierra La Culata hoch, zu einem kleinen Balneario mit heissen Quellen. Die versprochene Sauna war zwar enttäuschend schmuddelig, mit nur einem vergammelten Brett über dampfendem Wasser, welches einem nur halb zum Schwitzen brachte. Umso gediegener liess es sich im heissen Planschbecken sitzen.
Teleferico de Merida - Sierra Nevada
Davon kann ein schweizerisches Bergbahnunternehmen nur träumen: Um die Seilbahn in die Bergwelt des Nationalparks Sierra Nevada zu nehmen, muss man in der Hochsaison tatsächlich mindestens einen Tag im Voraus reservieren, weil sie täglich ausgebucht ist. Die 1958 durch die Franzosen konstruierte Bahn gilt mit 12 ½ km als die längste der Welt und hat zugleich die welthöchste Gipfelstation, Pico Espejo auf 4'765 M.ü.M. Natürlich gäbe es auch wieder einige lohnenswerte Wanderungen von hier aus, zum Beispiel auf höchsten Berg des Landes, Pico Bolivar, oder ins Andendörfchen Los Nevados. Unsere Helden jedoch befanden sich einmal mehr etwas unter Zeitdruck und begnügten sich mit einer Runde um die Lagunas del Espejo mit anschliessendem Kaffee und Kuchen.
Am Abend hiess es Abschied nehmen von Merida und den Anden, ein Nachtbus sollte uns nach Maracay bringen und ein weiterer Bus an die karibische Küste. |
|

Die Seilbahn in Merida ist mit 12.5 km die längste und mit 4’765 m.ü.M. die höchst gelegene der Welt. Man sollte schon früh losgehen, sonst verdirbt der Nebel die wunderbare Aussicht

Eine gemütliche Wanderung führt an die "Laguna Negra", im Nationalpark Sierra Nevada, einem Ausläufer der Anden in Venezuela
|
|
 |