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Reisebericht Vereinigte Staaten von Amerika


Reiseberichte und Anekdoten vom Leben und Reisen in den USA
 

>> Ankunft in den USA : Ohne Empfang und ohne Gepäck
>> Slippery Rock: Amerikanische Universitätsstadt als Nicht-Student
>> Mc Connell's Mill National Park: Lebensrettung aus dem Wildbach
>> Washington by Night
>> Atlanta : Wattebäuschchenschlacht
>> Thunderbird: Reisebericht vom Vogel der nicht fliegen wollte
>> Daytona: Die geheimnisvollen Muscheln
>> Cape Canaveral : Final Countdown
>> Orlando : Früher und Heute
>> Miami : Reisebericht einer Höllenfahrt
>> Salt Lake City : Nonnen Glück
>> Yellowstone Nationalpark: Unterwegs mit Clazy Lee

   

Reiseberichte USA > Ankunft in den USA: Ohne Empfang und ohne Gepäck

Reiseberichte USA


Flughafen Pittsburgh


Da standen wir, ein von Plastik umwickeltes Fahrrad und ich, mitten auf dem Flughafen von Pittsburgh in den USA. Das Rad völlig gleichgültig, ich etwas perplex. Wahrscheinlich hatte ich mir eher eine Gruppe Bauchtänzerinnen als Begrüssungskomitee vorgestellt. So aber erwartete mich nur das Fahrrad. Immerhin hatte ich einige Dollars in der Hosentasche. Wie wär's mit einem Sandwich?

Handtasche oder Trekking Rucksack

Plötzlich war es verdächtig ruhig um das Gepäckförderband. Soeben gab's noch einen intensiven Ansturm, hunderte von Armen griffen nach dem Ihren, nach grossen und kleinen Koffern, nach blauen und roten Taschen, nach billigen und teuren Rücksäcken, nach verschnürten und offenen Paketen. Verbissen wird auf ein Stück schwarzes Plastik gestarrt, welches in unregelmässigem Intervall gegen vorne aufklappt und ein wehrloses Gepäckstück der gierigen Meute überlässt. Diese modernen Koffer mit zwei Rädchen und einem ausziehbaren Griff sind echt praktisch, doch waren sie lange Zeit dem Flugpersonal und den Japanern vorenthalten. Ich war nahe daran so ein Teil unauffällig an mich zu nehmen. Doch wo kämen wir hin, wenn alle Kleinkofferbesitzer mit einem Grossen rausspazieren würden und die Damen ihre Handtaschen mit einem Trekking Rucksack tauschen würden?

Fahrrad statt Zahnbürste

Ich hatte einen grossen radlosen Koffer und einen Trekking Rucksack. Mein Blick schweifte von der sich nicht mehr rührenden Klappe über die sich langsam entfernenden Mitreisenden. Doch konnte ich nirgends die durch originelle Alf-Kleber gekennzeichneten Habseligkeiten ausmachen. Nur noch eine Handvoll verlassene Gepäckstücke rüttelten eine x-te Ehrenrunde, in der Hoffnung einer erneuten Standing Ovation der Reisenden. Schnell verwarf ich den Gedanken, das Förderband in die andere Richtung laufen zu lassen, meine Sachen blieben unauffindbar. Instinktiv blickte ich auf meine Armbanduhr. Die Zeiger über dem 75 Jahre Felsberger Musikgesellschaft Ziffernblatt tickten zwar noch fröhlich nach der Felsberger Zeitzone, doch riefen sie mein schon ein Weilchen fälliges Flughafendate wieder in Erinnerung. Fremdes Land, unbekannte Stadt, weder Zahnbürste noch irgendeinen Ahnung was weiter zu tun war... nur das vom Fahrrad blieb Zeuge meiner Frustration.

Vom getarnten Kinderwagen

Und genau wegen dem Fahrrad hatte ich vor einer Stunde meinen Anschlussflug beinahe verpasst. Ich musste einem zweimotorigen Propellerflugzeug schreiend nachrennen, bis endlich die Luke wieder aufging und die Treppe runtergelassen wurde. Ein Zollbeamter hatte das fälschlicherweise als Kinderwagen deklarierte Bike für einen zweirädrigen Kinderwagen für stossfaule Mütter mit trampelfreudigem Nachwuchs gehalten und nur mit arschkriecherischsten Methoden liess er mich passieren.

Nur das Gepäck lächelte nirgendwo

Ich riss die Schutzhülle auseinander, schlüsselte das Schloss auf und trampelte im Terminal herum, in der Hoffnung das Gepäck oder das Abholkomitee doch noch zu finden. Et voilà, ich als strenggläubiger Hollywoodaner hatte natürlich nichts anderes als ein Happy End erwartet. Tatsächlich lächelte mir eine ehemalige, mexikanische Studentenkollegin entgegen. Nur das Gepäck lächelte nirgendwo.

Gepäckheimlieferdienst

Jetzt aber raus hier. Ich belächelte die schwer schleppenden Reisenden. Zum Glück war ich leicht unterwegs. Es geht nichts über einen guten Airline Service. Die Zeiten sind vorbei, wo man die Leute noch mit mehr Beinfreiheit, künstlich lächelndem Bordpersonal und doppelten Salznüsschen Portionen anlocken konnte. Gepäckheimlieferdienst heisst die neue Formel. Das das ganze noch völlig in den Kinderschuhen steckt und erst zwei Tage später geliefert wird, ist anscheinend unwichtig.

Gourmetkünste

Auf der Strasse mit der angeblich höchsten Tankstellendichte des Planeten, rollte unser knapp verkehrstaugliches Auto gegen die im Halbdunkeln ziemlich bedrohlich aussehende Skyline. Gleich Hamburger und Hot Dogs zu essen war mir zu stereotypisch und so entschieden wir uns für ein italienisches Restaurant, welches etwa gleich italienisch war wie ein Mc Donalds. Auch war das Essen nicht auf dem gleichen Niveau wie das Flugzeug Menü. Ich bin ein wahrer Liebhaber von den luftigen Gourmetkünsten. Darum bin ich auch einer der wenigen, welche gerne zwischenlanden und umsteigen, damit mehrmals deliziös gespiesen werden kann.

Welcome to the United States of America

Vor 19 Stunden war ich aufgestanden. Und jetzt? Irgendwo weit draussen in der Vorstadt, in einem roten Ziegelsteinbau, in einer Bar, das grosse Wiedersehen am feiern. Irgendwoher heizte eine Band mächtigen Rock in. Der johlenden Menge an machte sie das gar nicht so schlecht. Es war äusserst laut und doch hörte ich nichts. Viel Licht flackerte nervös und doch war es halbdunkel. Etwas zu auffällig starrte ich in den grosszügigen Ausschnitt einer typischen Bilderbuch-Ami-Blondine und doch verlor sich der abwesende Blick auf halbem Weg runter. Unter grösster Kraftaufwendung hob ich das Glas für den letzten Schluck an die Lippen. Irgendwie sprach ich noch mit einigen Typen über die bevorstehenden Eishockey Playoffs, doch waren meine halbgeschlossenen Augen nicht unbedingt ein Zeichen eines aufmerksamen Zuhörers und ich wurde an die Mauer gelehnt stehen gelassen. Na ja, schon 21 Stunden unterwegs und immer noch nicht am Ziel.

Heimfahrt ohne Benzin

Das Schüttelbecher-Auto beförderte mich binnen Sekunden in den tiefsten Schlaf. Nicht mal die beste Mutter wiegt ihr Kind so effektiv in die Träume. Jedoch sollte das nicht lange währen. Ein paar allzu ruckartige Bewegungen und dann ging überhaupt nichts mehr. Nicht nur die Nadel des Tachometers war bei Null, sondern auch die Benzinanzeige. Wir holperten gerade noch vor eine kleine Tankstelle. Ich liebe diese kleinen familiären Betriebe mitten im Niemandsland. Da zaubert der mit Latzhosen und rot-weiss-karriertem Hemd uniformierte Besitzer noch höchstpersönlich den Antriebstoff aus der Zapfsäule, dreht ignorant die Kreditkarte hin und her bis sie schwindlig wird und akzeptiert schlussendlich doch nur Bares und das möglichst genau, weil er sein Wechselgeld beim letzten Rodeo verwettet hat. Natürlich erzählt er einem das alles und auch was sonst noch so passiert im Umkreis bis zu seinem nächsten Konkurrenten, denn wenn mal was passiert, sollten es auch alle erfahren. Seine ehrbare Frau bereitet die besten Hamburger im ganzen Bezirk zu, als einzige mit einem extra Salatblatt und mit der hausgemachten Zwiebel-Knoblauch Sauce, welche man wegen des lang anhaltenden Mundgeruchs am besten mit möglichst viel Ketchup neutralisiert. Soviel zum Image der USA.

Grosses weiches Bett

Natürlich war die Tankstelle um diese fortgeschrittene Zeit schon lange geschlossen, das extra Salatblatt noch Teil eines Salatkopfes, welcher noch glücklich und nichts ahnend im Garten lebte, die Kuh gab noch lieber Milch statt Fleisch her und kein Belatzhoster erschien, wäre zu gut gewesen. Wegen Kleidermangels vor Kälte schlotternd und dem vor Müdigkeit nach vorne gekippten Kopf, erweckte ich schnell Erbarmen von einem spät heimkehrenden Pick Up Fahrer. Unseren Wagen samt Fahrrad liessen wir vorläufig stehen. Ganz sicher zu schnell rasten wir durch die Dunkelheit und tatsächlich erreichten wir das Ziel des heutigen Tages doch noch: das Städtchen der Universität Slippery Rock. Ironischerweise hüpften wir vor einer durchgehend geöffneten Tankstelle von der Tragfläche. Der knurrende Magen lechzte noch nach etwas Essbaren, aber die Aussicht bald in einem grossen, weichen Bett zu liegen überwog ganz eindeutig. Mit dem grossen, weichen Bett lag ich gar nicht so falsch...

 

Arches National Park
Antelope Canyon
 
Arches National Park
Antelope Canyon
 

Reisebericht USA > Slippery Rock: Amerikanische Universitätsstadt als Nicht-Student

Reisebericht Slippery Rock


Leben in der Wohngemeinschaft

Das Haus, in welches ich kurzfristig einzog, war von aussen ganz annehmbar... von innen den vielen WG-Bewohnern entsprechend chaotisch. Sechs Personen aus fünf verschiedenen Ländern in 4 Zimmern sorgten für eine sehr mondäne Atmosphäre.

Wie das halt so ist bei wild zusammen gewürfelten WG-Bewohnern, versteht man sich mit den einten besser als mit den anderen. John war eher seriös unter der Woche, aber unbremsbar gut drauf an den Wochenenden. Seine Freundin hielt sich regelrecht in ihrem Parterrezimmer verschanzt und drückte den Durchschnitt der amerikanischen Dauerfernsehenden in die Höhe. Ich glaube ich habe sie nur einige wenige male gesehen. Da war wahrscheinlich Stromausfall und sie suchte nach Batterien um die Glotze anzutreiben. Die Mattscheibe hatte einen 24-Stunden Turnus und möglicherweise dachte die Süchtige, das Geflimmer nach Sendeschluss sei eine Live Übertragung eines Schneesturms aus Alaska. Sie konnte nie begreifen warum wir anderen die Zeit zusammen verschwenden konnten, wenn doch gerade die Krankenschwester Rosanna aus Minneapolis als erste Krankenschwester aus Minneapolis in einer Quizshow 100 Dollar am Gewinnen ist.

Von Frauen und Männern

Mit den anderen Frauen verstand ich mich ziemlich gut. Cindy, die Japanerin, fühlte sich ihrem Landesruf für fleissigen Studenten voll verpflichtet und verbrachte vorbildlich viel Zeit beim Strebern. Ab und zu sah man sie in ihrem seidenen, flatternden Nachthemdchen auf dem Gang vorbeihuschen, um etwas zum Knabbern zu holen, für einen dringenden Stuhlgang, um das Telefon zu beantworten oder was weiss ich. Apropos Telefon... die Dänin Ana hatte so was wie ein Exklusivrecht darauf. Es brauchte ein 100 m Kabel damit sie stundenlang gemütlich in ihrem Zimmer zuhinterst im zweiten Stock telefonieren konnte. 99% der Anrufe waren für sie, und davon die meisten von ihrem schwarzafrikanischen Lover. Diese Liebesgeschichte war gespickt mit Aktion. Da flossen oft die Tränen, von wegen ich hab's nur gemacht, weil du's auch gemacht hast! Natürlich hatten die Mädchen Mitleid mit ihr und sie versammelten sich häufig alle zu tiefgründigen Frauengesprächen über das männliche Geschlecht. Ach, die Männer sind ja alle gleich! Und überhaupt! Schlussendlich kam es immer zu einer Versöhnung der beiden, vorübergehend, bis es wieder von vorne losging. John und ich waren immer froh, wenn die Tür geschlossen blieb und wir uns bei einem Bierchen ungestört auf die Hockey Playoffs konzentrieren konnten. Wir sind doch alle gleich! Oder nicht?

Haus Gebote

Auch die Möblierung war möglichst unästhetische. Wahrscheinlich hatten die Einrichtungsgegenstände schon in etlichen anderen Wohnungen gedient und werden auch noch in einigen weiteren dienen. Decken auf den Polstermöbeln und Teppiche auf Teppichen versuchten das darunter liegende zu verbergen. Das Prunkstück war ganz klar ein Autosessel, welcher meistens vor die Haustüre gefahren wurde und als Lese- oder Plaudersessel diente, wobei der Beifahrer auf der Steinstufe Platz nehmen musste. Als Gaffersessel war er nur beschränkt geeignet, da sich vor dem Haus ein Waldstreifen befand und das abseits gelegene Strässchen alles andere als belebt war.

Es gab zwei zwingende Hausregeln, beide von Johns Freundin als offizielle Mieterin auferlegt. Die erste war einfach zu befolgen, wenn auch nicht einfach zu verstehen. Es galt die einte vor Dreck stehende und von Motten zerfressene Decke fein säuberlich und absolut symmetrisch auf dem Fernsehsofa zu belassen. Manchmal gab's eine überfallartige Inspektion, immer wenn man es am wenigsten erwartete und das stinkige Ding in einer Ecke deponiert hatte. Es soll schon vorgekommen sein, dass ein Gesetzesbrecher sich ein neues zu Hause suchen musste!

Das andere Gebot lautete, du sollst nicht des Mitbewohners Vorräte aufessen. Ich bin mir ziemlich sicher, die einte Kollegin hat periodisch das Inventar der Teebeutel aufgenommen, den Zucker gewogen und die Salatblätter nachgezählt. Mich hat sie nie erwischt, obwohl ich gerne Tee getrunken habe, grosszügig Zucker übers morgendliche Müsli streute und die Salatblätter fürs Sandwich brauchte.

Amerikanische Sandwich Kunstwerke

Ich verbrachte sehr viel Zeit mit Sandwich machen. Ich ass unheimlich viele Sandwichs, bin ein richtiger Experte geworden. Amerikanische Sandwiches, selbstverständlich. Brot dunkelbraun toasten, Salatblätter quadratisch falten, Mayo flächendeckend, gleichmässig auftragen, Tomaten hauchdünn zuschneiden und meistens wurden die kleinen Kunstwerke mit etwas Schinken für Vegetarier ungeniessbar gemacht. Müsli und Korn Flakes rundeten die ausgewogene Diät ab. Gekocht wurde praktisch nie, nur selten konnte man sich noch einen restlichen Happen aus einer Pfanne ergattern.

Da waren natürlich noch diverse Kantinen und die obligaten Schnellimbiss Filialen, aber was ist das schon im Vergleich zu einem selbst gebastelten Sandwich? Ein guter Trick war noch das Einschleusen eines zusätzlichen Mitessers beim Chinesen, welcher ein "all you can eat" Büffet anbot und immer mehr Esser als Zahler in seiner Beiz hatte.

Nicht-Studenten Dasein

Das Leben auf dem Campus als Nicht-Student war absolut friedlich. Ich mischte mich unbemerkt unter die Studierenden und setzte mich auch ab und zu als Gastzuhörer in die Klassen. Ich war ein treuer Besucher der Bibliothek, wobei ich mich mehr mit Reisefachliteratur und dem Internet beschäftigte als mit Matheproblemen oder Geologiebüchern. Zudem liebte ich den Slippery Rock Kinoclub, war ein begeisterter Fan des Cheerleadertrainings und ein gerngesehener Kunde im Liquor Store. Von der aktiveren Seite her raste ich gerne mit den Rollerblades rum, joggte ein wenig und erkundete auf einigen Kurztouren mit dem Fahrrad die nicht sonderlich attraktive Umgebung.

Party Time

Eigentliche Beizen gab's nicht, dafür wurden Wohnungen und Keller zu Partylokalen umfunktioniert. Es sprach sich immer ziemlich schnell rum, bei wem die nächste Fete anstand. Beim Inder im Keller war oft was los. Ein echtes Völkergemisch fand sich zusammen, wobei es schwierig war zwei Personen mit gleicher Nationalität zu finden, ausser den Indern. Jeder konnte selbst DJ spielen und was auflegen. Für einen Plastikbecher lauwarmes Bier vom Fass warf man solidarisch einen Beitrag auf den Kassenteller. Die ausgelassene Atmosphäre führte immer wieder zu guten Gesprächen.

Ein Klassiker war so eine ausgeflippte Afrikanerin mit Beatlesfrisur, welche ununterbrochen wie wild tanzte und die Umstehenden mit einem "shake your buddy, man" aufforderte mitzumachen. John war zwar nicht ein ausgesprochener Tänzer, doch im fortgeschrittenen Stadium machte er das gar nicht so schlecht. Natürlich wollte er das der Braut beweisen. Von hinten tanzte er sich an ihren heissen Körper und mit rhythmischen Bewegungen zwang er ihr seinen Stil auf. Das Licht blendete, die Menge johlte, die Musik dröhnte wie Peitschenhiebe auf die beiden ein. John fühlte sich voll im Element. Aber anscheinend war er nicht gut genug, denn sie schrie wieder jene "shake your buddy, man" in die Runde. Na ja, er löste sich von ihr, gab ihr zum Abschied einen Klaps auf den Hintern, warf einen Dollar auf den Kassenteller und zapfte ein Bier an!

Amerikanische Gesetzeshüter

Obwohl die Bullen recht aktiv waren, haben sie die Bar des Inders nie auffliegen lassen. Nur einmal sind wir einer Razzia nur knapp entgangen. Bloss eine Allee trennte uns noch vom "Partyhouse" als plötzlich mehrere Streifenwagen vorpreschten und das Gebäude regelrecht umzingelten. Aus sicherer Distanz beobachteten wir dann, wie sie es vor allem auf zu junge, illegitime Alkoholkonsumenten abgesehen hatten. In den USA muss man dafür 21 Jahre alt sein. Ein bisschen älter war ich zwar, aber das wäre der Gipfel gewesen, wenn sie mich von meiner Uni geschmissen hätten!

 

Squirrel in the Canyon
Human in the Canyon
 
Squirrel in the Canyon
Human in the Canyon
 

Reiseberichte USA > Mc Connell's Mill National Park: Lebensrettung aus dem Wildbach

Reisebericht Mc Connell's Mill Nationalpark


Reisebericht Mc Connell's Mill National Park

Mc Connell's Mill Nationalpark. Tönt gut. Aber nur weil eine alte Mühle neu angestrichen wurde, ein Pfad einem Fluss entlang beschildert ist und kein McDonalds auf dem McConnell's Gelände Bäume für eine Niederlassung roden darf, ist der Begriff "Nationalpark" doch etwas weit hergeholt. Wie dem auch sei, spazierfreundlich war er alle weil und es lockte sogar etliche Einheimische aus ihren heiss geliebten Wagen, sofort bemerkend, dass der Wald hier den angenehmen Odeur der Rückspiegel-Duft-Tanne kopiert hat. Natürlich ist der Besuch eines Waldes, oder eben eines Nationalparks, nicht ganz so unproblematisch für die Amerikaner, es müssen eine Menge wichtiger Dinge beachtet werden. Auf einer nicht übersehbaren Holzplatte werden die hinterletzten kritischen Zweifler stolz darauf aufmerksam gemacht, dass man sich tatsächlich in einem Nationalpark befindet und darunter werden die äusserst strikten Regeln dargelegt. Sonst kommt vielleicht noch einer auf die Idee Schadenersatzforderungen zu erheben, weil er angeblich nicht gewusst hat, dass er beim Hopser Hüpfen einen Fuss verstauchen kann, er keine Eichhörnchen grillen sollte, ein allfälliger Regen nass machen könnte, Tannzapfen keine Souvenirs sind (ausser die versilberten mit Seriennummer, welche beim grün uniformierten Parkwächter gegen Vorausbestellung mit gutem Leumund exklusive mit American Express erstatten werden können). Doch um all die Eventualitäten aufzuzählen, müsste ein grösserer Baumbestand zu Holzplatten verarbeitet werden.

Lebensrettung aus dem Wildbach

Angeblich aber fehlte ein alles entscheidender Punkt: Du sollst nicht auf nassen Steinen am Ufer des Flusses spazieren gehen. Plötzlich hörte ich einen grellen Schrei, wie ihn die menschliche Kehle wirklich nur in einem Notfall ausstossen kann. Sofort rannte ich in diese Richtung, runter zum Fluss. Mein Blick schweifte dem Ufer entlang - nichts! Dann noch ein fast nicht hörbarer Aufschrei, mitten aus dem reissenden Fluss. Für einen Moment sah ich ein paar Arme frenetisch fuchteln, bis der nächste Stoss Wasser alles zudeckte. Als der Körper bei einer Stromschnelle nochmals kurz auftauchte, konnte ich eine vielleicht 16-jährige Teenagerin ausmachen, welche der absoluten Hilflosigkeit an sicher nicht schwimmen konnte, und vom reissenden Wildbach unbarmherzig flussabwärts getrieben wurde.

Ich rannte ein Stück dem Uferweg entlang, bis ich auf gleicher Höhe wie das Mädchen war, und sprang ins eiskalte Wasser. Sofort bereute ich meinen übereilten Tatendrang. Wegen den winterlichen Verhältnissen hatte ich dementsprechende Kleider an und die schweren Schuhe zogen mich fast ins Verderben runter. Ich hatte die grösste Mühe mich selbst über Wasser zu halten. Sobald ich mich dem Mädchen genähert hatte, griff sie sofort nach mir, kletterte an mir empor und stiess mich wild strampelnd unter Wasser. Jetzt klammerte sie sich verzweifelt an mir fest ohne sich darum zu kümmern, dass der Retter unter ihr auch ganz gerne hie und da etwas Sauerstoff atmen würde. Ich musste sie regelrecht schlagend wegstossen, um nicht selbst in die ewigen Jagdgründe der Fischchen zu gelangen und schnappte an der Oberfläche gierig nach Luft. Wir trieben noch über längere Distanz runter. Erst als sie vom dauernden Zappeln völlig erschöpft war, schaffte ich es, uns gegen das linke Ufer zu manövrieren. Gegen die starke Strömung ankämpfend gelang es mir auf dem steinigen Grund Halt zu finden und aufzustehen. Das Wasser reichte mir bis an die Hüften. Mit kleinen Schrittchen, den fast leblosen Körper mitzerrend, näherte ich mich langsam etwas seichterem Gewässer. Etliche Gaffer hatten sich schon versammelt und dachten vielleicht, das gehöre alles zum Animationsprogramm des Nationalparks. Erst als ich ein paar mal mühsam nach Atem ringend und hustend "help" krächzte, schickte sich einer an mir zu helfen. Ich weiss gar nicht mehr ob da Mädchen bewusstlos war. Jedenfalls wurde sie hochgezogen und von in der Zwischenzeit eingetroffenen Sanitätern betreut. Ich setzte mich erstmals erschöpft auf die Böschung und tropfte eine ganze Weile stillschweigend vor mich hin. Ich spürte immer noch den Hauch des Ertrinkens in meinem Nacken, zitterte und fröstelte am ganzen Leibe und hatte ein Gefühl als ob ich soeben selbst von einem Alptraum gerettet worden wäre. Wie nahe sich doch die so gegensätzlichen Konzepte von Leben und Tod stehen können!

Plötzlich schreckte mich eine Polizistin aus meinen Gedankenfluten. Sie fragte mich ungläubig, ob ich wirklich mit all den Kleidern ins Wasser gesprungen wäre und wie ich es geschafft hätte das Mädchen zu retten. Mich umschauend suchte ich die Fernsehteams und Fotografen und überlegte mir, ob ich sie jetzt schon einweihen sollte oder besser erst vor laufender Kamera. Nur die Buch- und Drehrechte nicht dem erst besten anbieten, sondern gezielt andere Offerten zuerst prüfen. Auch wird die Familie der Kleinen sicher grosszügig sein mit ihrem Schutzengel - einen vierstelligen Check, einen Wagen, ein Wochenende auf Hawaii? Klar wird auf der hölzernen Nationalparkregeltafel mein Name noch eingeschnitzt, zusammen mit einem Gipsabdruck der lebensrettenden Hände.

Sorry? Meine Gedankengänge und die Aufnahme der Personalien stimmten wohl nicht ganz überein, die Uniformierte stand immer noch mit leerem Block neben mir. Nachdem ich ihr mein Sternzeichen und Schuhgrösse angegeben hatte, gingen wir rüber zu der Verunfallten. Sie sass wie ein Häufchen Elend auf einer Decke und starrte vor sich hin, ohne mich eines Blickes zu würdigen und ohne ein winziges Anzeichen von Dankbarkeit. Die Parkwächter übernahmen das für das Mädel, drückten mir einen Zettel mit der Adresse in die Hand und forderten mich auf, irgendwelchen Ranghöheren abzuwarten. Aber ich hatte den ganzen Rummel satt, bahnte mir einen Weg durch die Schaulustigen und steif wie ein Roboter machte ich mich davon.

Die Hobbyschwimmerin hat sich übrigens nie bei mir gemeldet, obwohl wir auf dem gleichen Uni-Campus weilten. Ich rief mehrmals an, um mich nach ihrem Gesundheitszustand zu erkunden, doch misteriöserweise wollte sie nie ans Telefon. Wie undankbar, stimmte mich schon ein wenig nachdenklich. Oder hatte ich gar einen todsicheren Selbstmordversuch vermiest? Von mir aus kann sie nochmals reinspringen!

 

 
Oregon State Coast
Niagara Falls
 
 
Oregon State Coast
Niagara Falls
 

Reisebericht USA > Washington by Night

Reisebericht Washington


Reisebericht Washington

Die Stadt der Museen, Monumente und natürlich dieser riesigen Maschinerie der amerikanischen Bürokratie. Es war der 1. Mai, Tag der Arbeit und keiner dieser Bürokraten arbeitete. Immerhin hatten sie alle Arbeit, ich hatte keine. Dafür hatte ich Zeit, unendlich viel Zeit und sie nur diesen einten Feiertag. Wir besuchten die gleichen Museen, Monumente und andere Touristenattraktionen. Doch statt mit dem eigenen Wagen oder dem Taxi nach Hause, ins Holiday Inn oder Hilten zu verschwinden, zog ich einen Spaziergang zu meinem engen, lebendigen, internationalen Mehrbett-Hostel vor. In ein Luxushotel kann jedermann gehen, hier aber waren nur exklusive Mitglieder willkommen. Koffer sind tabu, Rucksäcke in; die Qual der besten Bettenwahl, warum alleine sein, wenn es so viele Gleichgesinnte gibt? Ruhe ist verpönt, Schnarchen wirkt stimulierend; genau so wird die Grenze zwischen Touristen und Reisenden gezogen. Somit war mein Budget fürs Nachtleben ein Mehrfaches höher als die eigentlichen Übernachtungskosten.

Büchsenerbschen und Karotten

Am einten Abend versammelten sich einige Zimmer Kollegen in der Küche, fest entschlossen noch eine ultimative Abschlussnacht zu erleben. Grosszügig schöpfte ich selbst gemachte Spaghettis in die hergehaltenen Teller, möglichst darauf achtend, dass die paar wenigen Büchsenerbschen und Karotten gerecht aufgeteilt wurden. Während wir die Teigwaren wild spritzend verschlangen und uns einen so genannten "Boden" anlegten, schmiedeten wir Pläne für heute Abend, als ob es um eine Strategie für die alles entscheidende Schlacht ginge. Die jeweiligen Reiseführer gaben Empfehlungen für ein amüsantes Nachtleben, doch die erste Bar die wir nach einigen Orientierungsschwierigkeiten ansteuerten existierte nicht mehr und eine andere mit aufgenagelten Brettern an Fenstern und Türe, wahrscheinlich nicht mehr sehr gefragt im Moment.

A-Biere und B-Biere

Schlussendlich klappte es im Brickskeller, welcher angeblich das weltweit grösste Biersortiment offeriert. Klar dass dieser Marketingauftritt uns anzog. Zu viert setzten wir uns an einen schweren Eisentisch, Dave, ein schwerfälliger, molliger Amerikaner wie könnte es anders sein, Greg le Beau, ein Beach Boy Australier und Max ein Mitpatriot. Wie in einem Restaurant erhält man eine Karte in die Hände gedrückt und schon beim ersten Überfliegen wird man überwältigt vom riesigen Angebot von über 600 Bieren aus aller Welt. Ich bereute sofort hierher gekommen zu sein, wollte einfach etwas gegen den Durst unternehmen und eine Stange Calanda bestellen. Also wo beginnen? Ein exotisches aus Indonesien oder ein altbekanntes aus Europa? Ein helles holländisches oder ein dunkles Englisches Ale? Ein starkes Teufelsbier oder ein wässriges Bud? Eines aus der Flasche oder ein Offenes? Ein Kingston mit Rum oder eins mit Jack Daniels gemischt? Das mit dem kuriosesten Namen oder das in der elegantesten Flasche? Jeder hatte seine eigene Bestelltaktik: Blind mit dem Finger eine Wahl treffen, mit bekannten Bieren gute Erinnerungen auffrischen, zielgerichtet mit der Ländereinteilung arbeitend, oder wie ich, einfach bei den "A's" anfangen, wobei ich trotz grösstem Effort nicht einmal zu den "B"-Bieren kam. Bei jeder neuen Runde wurde das Bier zur allgemeinen Degustation im Gegenuhrzeigersinn rumgereicht und dabei heftig analysiert und diskutiert. Doch auch wenn es noch so gut war, gehörte es nicht zu den Tischmanieren das gleiche Getränk nochmals zu bestellen.

Amtrak Zugsessel

Mit der Zeit ging mir Dave furchtbar auf den Geist. Früh fing er schon an zu lallen und fantasierte nur noch von einem angeblichen 1 Milliarden Dollar Amtrak Zugsessel Vertrages, wobei ich ihn mir eher als Amtrak Zugsessel Anschrauber vorstellen konnte, als in der Rolle des gewieften Geschäftsmannes, der einen solchen Deal zustande bringen würde. Jedenfalls laberte er zuviel Mist, und immer in der "wir-Form".

"Wir sollten jetzt heimkehren, wir sind doch müde, oder?", meinte er, als wären wir eine schöne, grosse Familie und wohnten alle im gleichen Hause. "Wir haben auch schon genug getrunken, sonst sind wir morgens hangover."

"Da musst du schon alleine gehen", sagte Greg, der offensichtlich das gleiche dachte wie ich.

"Scheisse Mann, wir kommen aus dem gleichen Zimmer und wir sollten zusammen zurückkehren."

"Kehren schon, aber wir kehren noch irgendwo ein", fügte Max lachend hinzu.

"Und alleine ins Bett gehe ich an meinem letzten Abend in dieser Stadt sicher auch nicht", witzelte Greg weiter und bestellte die Rechnung.

Kaum standen wir im Freien, hatte Dave angeblich seine Meinung gewechselt und wollte doch noch mitkommen. Aber nun war es zu spät. Max hatte schon ein Taxi her gewunken und 6 Arme stiessen den 1 Milliarden Mann auf den Rücksitz und wünschten ihm eine Gute Nacht!

Washington's Third Edition

Wie aus Angst Dave könnte nochmals auftauchen, spazierten wir in die entgegen gesetzte Richtung. Die Nacht wurde immer dunkler oder lagen die Strassenlampen hier weiter auseinander? Als es wieder mehr Strassenbeleuchtungen gab, tauchte auch schon eine Bar auf: The Third Edition. Doch das wäre wieder eine andere Geschichte. Jedenfalls machten wir irgendwann am Morgen früh endgültig einen Abgang. Es sollte gerade noch reichen um einige Minuten zu schlafen vor dem Check Out.

 

 
American blue Lake and blue Smoke
American red Sun and red Sky
 
 
American blue Lake and blue Smoke
American red Sun and red Sky
 

Reiseberichte USA > Atlanta: Wattebäuschchenschlacht

Reisebericht Atlanta


Reisebericht Atlanta


Wie wir so gemütlich in der zahlreichen Runde draussen auf dem kleinen Kiesplatz vor der Grossstadt-Jugi zusammen sitzen und eine Büchse nach der anderen kippen, kommt endlich einer auf die Idee wir könnten zur Abwechslung woanders weiter trinken. Wie kleine Entchen watscheln wir der Leitente nach, ohne richtig zu wissen wohin es ging. In der Gegend die wir durchquerten, fühlte ich mich etwa gleich wohl, wie ein Entchen in einer Grossstadt. Ein Vorstadtquartier eben, dem man nie ansehen würde, dass es auch zur baldigen Olympiastadt gehört.

Laute Musik und ein nervöses Lichtspiel von grellen Farbkombinationen liessen Hoffnung auf eine Bar aufkommen. Ein hoher Gitterzaun schirmte einen abgesehen von der Lightshow eher düster wirkenden Hinterhof ab und stellte sicher, dass sich niemand vor dem Zahlen drücken konnte. Etwas zu zärtlich wurde mir ein rosaroter Stempel als Zeichen eines willkommenen Gastes auf den Unterarm gedrückt. Rosa?

Jagdhüttenromantik in Atlanta

In der Bar kam so etwas wie Jagdhüttenromantik auf: Ein langer, oben glatt geschliffener Baumstamm diente als Pitcher Halter und die beidseitig aufgestellten ebenso langen Holzbänke gaben unseren Ärschen was zum drauf sitzen. Perfekt. Doch statt einem singenden Dirndl, kam ein drolliger Typ raus, scheinbar hocherfreut, weil endlich jemand den Vorplatz belebte. Die linke Hand hielt er immer mit dem Handrücken an der Hüfte aufgestützt, den Daumen im Gurtloch der Lederhosen, die anderen Finger nervös gegen hinten zappelnd. Lederhosen?

Wattebäuschchenschlacht

Zack. Irgendwas hatte mich am Hinterkopf getroffen. Instinktiv tastete ich den Kopf nach Wunden ab, obwohl es eher wie ein Windstoss gewirkt hatte. Plötzlich spürte ich wieder etwas am Rücken. Ich drehte mich sofort um und konnte gerade noch erkennen, wie sich jemand hinter den Tresen duckte. Neben mir lagen zwei hellblaue Wattebäuschchen. Wattebäuschchen?

Das war natürlich todlustig. Zwei Jungs auf hohen Bar Sesseln kicherten vergnügt vor sich hin und tätschelten sich noch vergnügter gegenseitig auf die Oberschenkel. Tätscheln?

Oberschenkelzärtlichkeiten? Wattebäuschchenschlacht? Lederhosen? Hüftenhaltender Kellner? Rosa Stempelchen? Ach so, langsam blühte uns, in was für einer Bar wir uns befanden. Na ja, wir wollten doch sowieso weiter zu ziehen...

 

 
Gran Canyon
Lake Powell
 
 
Gran Canyon
Lake Powell
 

Reisebericht USA > Thunderbird: Reisebericht vom Vogel der nicht fliegen wollte

Reisebericht Thunderbird


Reisebericht einer abenteuerlichen Autofahrt


Plötzlich fing es an aus der Motorhaube des Thunderbirds zu rauchen. Zuerst ganz bescheiden, als ob sich der Motor darunter eine Zigarette genehmigen würde während der stressigen Raserei. Doch der Rauch intensivierte sich sehr schnell, bis ich nicht einmal mehr die Scheibenwischer vor der Scheibe erkennen konnte. Instinktiv schwenkte ich das Auto rechts rüber auf den Pannenstreifen, liess einen Schwarzen liegen und wir retteten uns mit einer halben Hechtrolle ins Freie. Aus sicherer Distanz starrten wir erschrocken und ratlos auf das wild rauchende und schnaubende Auto, als ob unsere Investition gleich in die Luft fliegen würde.

Traumfrau? 

Vor weniger als einer Woche hatte ich sie das erste Mal gesehen. Sie stand mitten drin, ein wenig verdeckt von etlichen Konkurrentinnen, die sich auch hervorheben wollten. Trotzdem ist sie mir sofort ins Auge gestochen. Sie hatte mir wie zugezwinkert und mir war es, als ob sie das Hinterteil absichtlich noch etwas weiter gegen hinten gedrückt hätte, um noch gewaltiger zu erscheinen. Ihr weinrotes Top glänzte auf mit den ersten zarten Sonnenstrahlen, welche die letzten Tropfen des Sommergewitters auf ihrem Körper zu trocknen gedachten. Sie legte grossen Wert auf ein gepflegtes und schickes Äusseres und erschien einiges jünger als sie wirklich war, wie sich später herausstellte. Sie verführte mich nach den ersten fesselnden Berührungen sofort mit ihrem so eigenen, bezaubernden Charme. Ich konnte ihr einfach nicht widerstehen, ich wollte sie haben, auch wenn ich dafür bezahlen musste. Ich wusste auch schon wohin ich sie mitnehmen würde... die Karre musste meine werden, ich musste das Auto kaufen.

Der professionelle Unfallaufspürer

Die alte Klappermühle. Ich wollte soeben zur qualmenden Kühlerhaube gehen und mit dem T-Shirt ein Rauchzeichen S.O.S. in den Himmel schreiben, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Auto hinter uns zu stehen kam. Stolz sein Natel schwenkend näherte sich uns ein Typ, den ich sicher nicht zum Kaffeekränzchen einladen würde. Er habe soeben Hilfe angefordert, verrät er uns so routiniert, als ob er mit seinem sportlichen Spielzeugauto auch schon einige Pannen gehabt hätte. Vielleicht war er auch ein professioneller Unfallaufspürer, von den fetten Prämien der Abschleppmafia lebend.

Auto gegen Greyhound

In den USA, als Autoland par Exellence, hinkt der öffentliche Verkehr beträchtlich hinterher. Die Greyhound Busse verbinden wohl alle grösseren Städte miteinander, aber die Frequenzen beschränken sich auf ein Minimum und die Terminals befinden sich oft in zwielichtigen Gegenden. Die meist frühzeitig notwendige Reservation lässt eine echte Reisespontanität gar nie aufkommen und zudem wird man gezwungen in den selben Junk Food Ketten wie der Fahrer zu essen, wenn man gegen dessen plötzliche Weiterfahrt vorbeugen möchte. Die Sitznachbarn sind auch nicht immer über alle Zweifel erhaben und können ziemlich lästige Psychopaten sein. Auch der Fahrkomfort hält sich in Grenzen, vom Sessel Nummer 47 gleich neben der Toilette gar nicht zu sprechen. Neben all diesen Gründen waren aber auch ein Taco Bell, ein Tunnel und ein leerer Parkplatz vor dem The Belvedere Tourist Home ausschlaggebend zu einem Autokauf.

Die Nachtklubtänzerin an der Stange

Tatsächlich raste wenig später ein unverhältnismässig grosser, knallroter Feuerwehrwagen mit ellenlautem Blaulicht auf uns zu. Ich fühlte mich geschmeichelt ab soviel Wichtigkeit die uns entgegengebracht wurde. Ich stellte mir vor wie die Jungs aus dem nachmittäglichen Schlaf beordert wurden, sich in die engen Schutzanzüge zwängten, die orangen Helme unter dem Kinn zuknöpften und überstürzt die Stange runter gleiteten, direkt auf den mit laufendem Motor bereitstehenden Einsatzwagen. Der langsamste Kollege muss wahrscheinlich nach getaner Arbeit eine Runde springen lassen und auch für die nach dem Einsatz traditionellerweise zu engagierende Nachtklubtänzerin aufkommen, welche an der Stange sicher einiges mehr zu bieten haben wird als blosses runterrutschen!

Ashville, ein Provinznest der USA

Weil es südlich lag, wir keinen eigentlichen Plan, aber die ganze Zeit dieser Welt zur Verfügung hatten und uns der Name völlig antiverheissungsvoll erschien, kauften wir damals Greyhoundtickets in das Provinznest Ashville. Die Haltestelle lag irgendwo weit draussen im Industriegebiet, gegenüber einem Dunloop Reifenhändler, eingeklemmt zwischen einem Farbensupermarkt und einem Taco Bell. Wir entschieden uns gegen die Reifen und gegen die Farben und versuchten mexikanische Tacos als ersten Akt in Ashville. Wir kamen auf die Amerikanische Kultur zu sprechen. Aber weil es bekanntlich nicht viel Kultur gibt, dachten wir es gehöre zur Kultur, mal mit einem eigenen Wagen durch so einen Taco Bell Drive In zu kutschieren! Ein Auto musste her zum ersten! Es lebe die Kultur. Zuerst galt es aber eine Bleibe zu finden. Wir spurten zu Fuss auf die richtige Fahrbahn in Richtung Zentrum ein und passierten unter hupenden Protesten einen nicht begehbaren Tunnel. Warum werden wir Fussgänger so schändlich diskriminiert? Ein Auto musste her zum zweiten! Die Hotelpreise entsprachen nicht ganz unseren Vorstellungen, dafür mieteten wir uns ein Zimmer bei Frau Schroeder im The Belvedere Tourist Home in der Merrimon Avenue. "Sie können ihr Auto da hinten in der Auffahrt hinstellen", offerierte uns die Hausherrin. Endgültig, ein Auto musste her zum dritten!

Nocorette gegen das Rauchen

Unter grösstem Zischen wurde die Motorhaube unter Wasserbeschuss genommen, um dem Wagen das Rauchen ein für allemal abzugewöhnen. Ich traute ihm zwar nicht ganz und hätte ihm am liebsten noch mit ein paar Nicorette nachgeholfen. Der erste Schlauchmeister, eine Mischung aus St. Monica Beach Bodybuilder und Texanischem Cowboy, musste noch einige altkluge Bemerkungen loswerden von wegen zu schnell fahren und überhitzten Motoren. Wie gescholtene Kinder nickten wir nur, als ob wir uns einen Dreck um seinen Kommentar scheren würden. Wir behielten für uns, dass die Temperaturanzeige eh nicht funktionierte und wie wenig wir von den lächerlich niedrigen Geschwindigkeitsbegrenzungen der USA hielten.

Eddy, "The Mouth of the South"

Neben Frau Schroeder und uns, im glaube ich einzigen Gästezimmer, wohnte da noch Eddy "the mouth of the south". Er war etwa im gleichen schon ziemlich alten Alter wie Frau Schroeder und hätte gut ihr Liebhaber sein können, wenn so was in dieser Lebensetappe überhaupt noch vorkommt. Der Rentner plapperte den lieben langen Tag, mit wem auch immer, der seinen Weg kreuzte, als ob er jahrelang von einem kommunistischen Regime davon abgehalten worden wäre, seine Meinung zu äussern. Jetzt hatte er eine Meinung über so ziemlich alles.

Eddy beherrschte bis zur Perfektion die Technik zum Reden beim Ausschnaufen sowie beim Einatmen, was bei ungeübten Anwendern eine sehr verzerrte Aussprache ergäbe, tönte bei ihm genau gleich nach Eddy. Auch zu schlucken brauchte er nicht, weil das seinen Redefluss stark beeinträchtigt hätte. So landete halt der einte oder andere Spritzer auf seinem konstant getragenen dunkelblauen Wollpullover oder spürbar bei seinem Gegenüber. Manchmal getrauten wir uns fast nicht mehr aus dem Zimmer oder aber benutzten die am Fenster angelehnte Leiter, um ein und aus zu gehen.

Trotz allem war Eddy sehr hilfreich und vertraute uns seine nie ausgesprochene Meinung über einen allfälligen Autokauf an. Als devoter Christ legte er uns den himmlische Beistand eines Pfarrers nahe: "Nur er kann einen rechtschaffenen Autohändler gegen ein falsches Schwein abgrenzen," vertraute er uns in nicht eben bibelkonformer Ausdrucksweise an. Seine Hand griff noch schneller zum Telefon, welches zu Graham Bells Zeiten sicher nicht viel anders ausgesehen haben mag, als er seine Gedanken ausformulieren konnte und fing an die Nummern von Profibetern aus seiner Kirchgemeinde zu wählen. Wir konnten gerade noch rechtzeitig davon schleichen.

Howard Johnson Luxus

Die Karre machte keinen Zuck mehr. Anscheinend wusste das Michael, der Handyman, auch ohne Ausprobieren, weitsichtig wie er war, hatte er schon einen Abschleppdienst aufgeboten. Während unser Wagen fortgeschleppt wurde, anerbot er uns in ein Hotel im nächst grösseren Kaff zu chauffieren. Dank einer Bekannten von ihm, erhielten wir ein luxuriöses Howard Johnson Zimmer zum halben Preis. Ich wurde das Gefühl nie los, die beiden haben auch schon einige der Howard Johnson Betten hier auf die Federfähigkeit getestet. Der Howard Johnson Swimmingpool bestand nur in der wasserlosen Variante. Um uns von dem ganzen Mobilitäts- und Badefrust abzulenken, zogen wir zu allem Trotz die Howard Johnson Bademützen an und amüsierten uns ab Miss Doubtfire, welche im Fernsehen ihr Unwesen trieb. Oder amüsierten wir uns mehr ab uns selbst?

Der Vogel der nicht mehr fliegen wollte

In leichtem Nieselregen spazierten wir jetzt und spazierten wir damals ins Industriegebiet raus. Zu bewegungsfreudig einen Bus zu nehmen und zu knauserig uns ein Taxi zu leisten. Dazumal kehrten wir mit einem weinroten, klassischen 1984 Ford Thunderbird zurück. Heute diente der Marsch dem Spitalbesuch desselben weinroten, klassischen 1984 Ford Thunderbirds in Kitchen's Garage. Der Motor sei im Eimer weil das Kühlsystem überlastet worden sei, erklärte uns der Mechaniker, dessen wirres gräulich-weisses Haar beim Gesicht unmerklich in einen Bart überging, welcher sich seinerseits mit dem Brusthaar vereinte, und von da ging's wahrscheinlich gleich haarig weiter bis zum kleinen Zehen. Er brauche mehr Zeit um sich Ersatzteile zu besorgen, meinte der Yeti. "Come back tomorrow." Weil wir eh nix zu tun hatten und es eh nichts zu tun gab, tauschten wir das Howard Johnson Hotel mit dem erschwinglicheren Macon Inn Motel, wobei der einzige Unterschied bei den fehlenden Bade/Fernsehmützen lag.

Melancholie

Damals parkierten wir stolz auf dem uns schon am Vortag zugewiesenen Stückchen Auffahrt des The Belvedere Tourist Home in der Merrimon Avenue. Diesmal kehrten wir etwas konfus zurück und unser Abstellplatz vor dem Zimmer blieb leer. Kein Eddy, der uns interessiert Löcher in den Bauch fragte und gleich selber antwortete, sondern nur eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen zwei verkrachten Schwarzafrikanern. Sie standen im Innenhof rum und schrieen sich ein "fuck you" lauter als das andere zu. Als ich heimlich durch die Vorhänge rausspähte, waren sie wirklich drauf und dran aufeinander loszugehen. Sofort zog ich den Kopf wieder zurück und drehte möglichst unauffällig den Schlüssel so oft es ging im Schloss rum. Ich zappte etwas beunruhigt auf der Fernbedienung rum, bis ich einen einigermassen aufregenden Thriller fand. Besser Schlägereien im Fernsehen als direkt vor der Hütte!

Die verschenkten US Dollars

Am nächsten Tag streckte uns die geldgierige Garagenbürotussie gleich eine Rechnung unter die Nase: $65 fürs Abschleppen, $78 für einen gebrauchten Kühler, $5.98 für ein Thermostat, $9.95 für ein Antigefriermittel, $2 für Öl und $50 für die Arbeit. Warum rauchte denn das gute Auto nach der angeblichen Reparatur immer noch wie ein Drachen aus dem Auspuff? Nach einer kurzen, aber umso heftigeren Diskussion mit der ganzen vor uns im Halbkreis stehenden Kitchen's Garage Belegschaft, realisierten wir die Sinnlosigkeit uns mit dieser unqualifizierten Bande von ungeschickten und unbegabten und unvermögenden und unfähigen angeblichen Berufsleuten rum zu ärgern. Wir füllten einige Kanister mit Wasser und zischten auf gut Glück ab.

Der Thunderbird wird indisch

Nach 10 Minuten erfolgte bereits der erste Boxen-Kühl-Stopp. Die Motorhaube war wieder dampfend heiss und die einte Gallone Wasser schon gebraucht. Wir wussten nicht, ob wir's bis in die nächste Garage schaffen konnten. Nach einigen zusätzlichen Meilen dasselbe Spielchen. Wir setzten gleich noch eine Etappe an, mit anschliessender sofortiger Kühlung. Was für eine Strapaze für unsere Nerven und Geduld. Nach der dritten Kühlpause ging uns das Wasser aus. Lieber als über den T-bird zu urinieren, gaben wir ihm etwas Zeit zur Selbstregeneration. Doch jetzt wollte der Wagen nicht mal mehr anspringen! "Mach was du willst!" Wir hatten die Schnauze gestrichen voll. Wie wir so ratlos, tief in Gedanken versunken, am Rande der Vorstadtstrasse an den Wagen gelehnt vor uns her fluchten über das Versagen von Henry Ford's Nachfolger des legendären Model T und Kitchen's Garage als unfähigste Institution nördlich und südlich des Äquators, tauchten plötzlich zwei Inder auf. Der einte bewunderte interessiert den Thunderbird und liess seine Hand sanft über die Konturen gleiten. Kurz entschlossen drückte ich ihm den Schlüssel in die Hand, er steckte mir einige Nötchen zu und die Transaktion war erfolgreich getätigt. Eine Stunde später sassen wir erleichtert in einem Greyhound Bus in Richtung Atlantikküste!

 

Daytona Palm Avenue
Glen Canyon
 
Daytona Palm Avenue
Glen Canyon
 

Reiseberichte USA > Daytona: Die geheimnisvollen Muscheln

Reisebericht Daytona


Reisebericht Daytona


Zwei braungebrannte Sunnyboys mit lässigen Hanfkuh und Atlanta Hawks Mützen, sowie Brillen gegen die Sonne, trugen ein riesiges Surfbrett am Strand spazieren. Sie sahen aus wie Jungs, die wirklich zu surfen wissen. In Wirklichkeit hatten sie keine Ahnung. Je grösser das Brett, desto kleiner die Kenntnisse. Vielleicht gehen sie mal in die Geschichtsbücher ein als Vorreiter des Sitz-Surf-Stiles. Dem immer noch leicht tropfenden Brett an, wurde es immerhin mal ins Wasser getunkt.

Daytona's Sand Avenue

Direkt auf dem Sandstrand wälzte sich der Verkehr langsam in beide Richtungen. Es ging nicht darum vom einten Ort zum anderen zu kommen, sondern ums Sehen und Gesehen werden. Unverhältnismässig grosse Jeeps mit bis zum Anschlag aufgedrehter Musik und ausgeflipptem Volk mit möglichst stoffarmen Badehosen und Bikinis sorgten für Stimmung. Es wäre sicher der schönste Sonnenuntergang gewesen, wäre der nicht naturgesetzeshalber ein paar Stunden später an der Westküste.

Fragen über Fragen

Warum ist schon fast Mittag? Was machen die Muscheln auf dem Nachttischchen? Woher kommt das Kopfweh? Langsam vereinten sich die vielen vagen Erinnerungsbruchstücke wieder zu einem klaren Bild.

Haushaltspflichten

Gestern war Waschtag. Das Los wählte mich zum Wäscher, Bügler und Falter und der Kollege übernahm das Kochen. Während die Waschmaschine versuchte den strapazierten Kleider wieder einigermassen ihre ursprüngliche Farbe und einen akzeptablen Duft zu geben und sich die steifen Spaghettis vergnügt im Pfannen-Jacuzzi veraldentisierten, pingten wir einige Runden Pong. Kunstschläge hinter dem Rücken und unter den Beinen durch zählten doppelt. Dann wieder arbeiten. Büchsenbier machte dieses Mühsal ein wenig erträglicher. Zum einten galt es den Tumbler in Aktion zu bringen, zum anderen die Ragu Tomatensauce mit Thunfisch zu bereichern und aufzuwärmen. Pünktlich zur Mahlzeit hatten wir wieder saubere Kleider an, welche sogar die etlichen roten Saucenspritzer unbeschadet überstanden.

Tequilas, Beers and Screwdrivers

So fröhlich feierlich unser Lieblingsmenü dinierend, gesellten sich John und Judith, zwei Vaterlandsverwandte zu uns. Als unser beider Büchsenvorrat recyclingbereit war, zogen wir raus auf die Gasse. In einer gediegenen Bar prosteten wir mit einigen Tequilas, dann Beers, dann Screwdrivers. Warum wir die Bar wechselten weiss ich nicht mehr, die Getränke blieben die gleichen. Vielleicht war es die Tanzfläche im Point Break, doch die interessierte eh niemanden, solange es noch Tequila, Beer und Screwdrivers gab.

Die geheimnisvollen Muscheln von Daytona

Jetzt wird mir auch klar warum ich Kopfweh habe und immer noch im Bett liege. Bei der Theorie für die Muscheln auf dem Nachttischchen tippe ich eher auf heimlich mitgenommen als selbst ertaucht!

 

Cape Canaveral Rocket Launch
Utah Human Launch
 
Cape Canaveral Rocket Launch
Utah Human Launch
 

Reisebericht USA > Cape Canaveral: Final Countdown

Reisebericht Cape Canaveral


Reisebericht Cape Canaveral


5:30 Uhr morgens.

Noch 30 Minuten. Es gab praktisch kein freies Plätzchen mehr in der Nähe des Ufers, wo man noch ein Klapptischchen mit Stühlen hätte hinstellen können. Stehen wollte niemand. Obwohl es noch früh am Morgen war, wurde schon erstaunlich viel gefuttert: mitgebrachte, in Alufolie warm gehaltene Burger; Pommes Chips aus der Tüte oder Pommes Frites vom geschäftstüchtigen Verkäufer. Vom Wohnmobil nebenan roch es nach frisch gegrillten Würstchen, aber auch nach diesem so individuellen Mief nach Körper und Schweiss, welcher sich während der ganzen Nacht wie Vakuum verschlossen unter der Decke angesammelt hatte. Eine leichte Brise erfüllte die Luft mit dem viel angenehmeren Kaffeearoma. Etliche sorglos weggeworfene Wal Mart Viererpack Plastikbehälter verrieten wo die Muffins ursprünglich herkamen. Sogar die Ami-Rösti "Hash Browns", welche aber im Unterschied zum Schweizer Original in hydriertem Soyabohnenöl und dimethylpolysiloxanem Mehl hergestellt werden, standen auf dem Menüplan.

Noch 15 Minuten. Auf den Tischen trällerten batteriebetriebene Radios vor sich hin, ohne irgendwelche Emotionen in der Menge zu wecken. Nur wenn der Sprecher auf Sendung kam wurde die Kieferbewegung sofort unterbrochen, um dem neuesten Stand der Dinge vollste Aufmerksamkeit zu schenken:

"Noch 10 Minuten", verkündete der Radiosprecher feierlich. Ein Raunen ging durch die Menge. Hastig wurden neue Filme in die Kamera eingelegt und ein Opfer für ein Testfoto gesucht. Wenn es Kinder hatte, mussten diese posieren. Sonst vielleicht noch das mitgebrachte Klaffhundchen. Die eigene Frau sieht ohne Schminke ja auch nicht allzu fotogen aus und bei ihm kann man seinen morgendlichen Mundgeruch wahrscheinlich sogar auf einem Foto wahrnehmen. Dann doch lieber das Auto.

Noch 5 Minuten. Die Gläser des Feldstechers wurden angehaucht und mit einem Kleenex abgewischt, wieder angehaucht und wieder abgewischt, erneut angehaucht... bis gemerkt wurde, dass Essensreste und Nasenschleim des Taschentuchs nicht sonderlich hilfreich sind für eine klare Sicht.

"Noch 4 Minuten", tönte es aus den einten Radios, während die anderen weiter musizierten, "die Witterung ist ideal und die letzten Vorbereitung laufen auf Hochtouren." Tatsächlich präsentiert sich der Tagesanfang mit einem äusserst eindrücklichen Sonnenaufgang. Das dunkle Rot des Himmels vermischte sich mit einem gelblichen Farbton und kündigte die bald am Horizont erscheinende Sonne an.

Noch 3 Minuten bis zum Countdown! Die Mehrheit spähte auf die Uhr, als ob sie der Zeitangabe nicht trauen würden und schaute gebannt zur Abschussrampe 39, Dock B rüber. Die sechsköpfige Besatzung der STS-77 Mission winkt den Untenbleibenden noch ein letztes mal zu, was aber eher fürs Fernsehpublikum, als für die weit entfernten Zuschauer vor Ort galt.

"10, 9, 8, 7, 6", tönte es aus den Radios, live aus dem Space Center und aus allen Kehlen...

"5, 4, 3, 2, 1" Ein ohrenbetäubender Knall. Die Erde bebte. Die Leute sprangen panisch und emotionsgeladen auf. Tische und Stühle wurden umgestossen. Die blendende Helligkeit zwang einen den Blick abzuwenden. Das Licht wurde immer grösser. Trotz der immensen Geschwindigkeit, schob sich die einem leuchtenden Stab gleichende Endeavour mit einem nie gehörten Rumoren wie in Zeitlupe höher. Die Explosionen der sich lösenden Antriebsbestandteile schwappten zeitverzögert durch einen Bruchteil einer Sekunde rüber. Graue Rauchschwaden verfolgten den Flugkörper hartnäckig, soweit das Auge reichte. Die Wasseroberfläche wieder spiegelte den ganzen Vorgang, und es sah aus, als ob gleichzeitig eine Rakete zur Erforschung des Meeresreiches nach unten gefeuert worden wäre. Die Feuerkugel verschwand allmählich im unendlichen Universum. Mit spontanen Jubelschreien und Händeklatschen wurde das Spektakel begeistert gefeiert. Als ob man auch was zum Gelingen des Unternehmens beigetragen hätte, klopften sich die Leute auf die Schultern und strahlten um die Wette. Die Stühle wurden wieder zurechtgerückt, die Radios je nach Fanatismus auf einen Sender mit weiteren Kommentaren oder auf Musik gedreht und zur Freude des Tages wurde gleich nochmals gefrühstückt. Unterdessen vertrieb der Wind die letzten wolkigen Zeugen und es kehrte wieder Ruhe ein. Als ob sie nur auf diesen Moment gewartet hätte, übernahm nun die Sonne wieder das Leuchten am Himmel und ein wunderschöner Tag brach an.

 

 
Monument Valley
Roots and River
 
 
Monument Valley
Roots and River
 

Reiseberichte USA > Orlando: Früher und Heute


Reisebericht Orlando


Reisebericht Orlando, Florida


Dort wo jetzt Kinder laut kreischend auf den Rutschbahnen riesiger Wasserparks runter gleiten, glitten damals die Krokodile lautlos im seichten Gewässer rum.

Dort wo nun Mickey Mouse und Pluto herrschen, herrschten in jener Zeit alles andere als Mäuse und Hunde.

Dort wo jetzt künstlich aufgepäppelte Gärten und Zoos dominieren, dominierte damals die Natur in ihrer wildesten Ausprägung.

Dort wo heutzutage Disneyworld, Bush Garden, Seaworld, Wet'n'Wild und Museen die Massen anziehen, war früher ein riesiges Sumpfgebiet.

Florida die Blumige

Obwohl dieser südlichste Zipfel heutzutage der Inbegriff schlechthin des Amerikanismus ist, wurde "die Blumige", wie die Halbinsel frei übersetzt heisst, 1513 von den Spaniern entdeckt, welche einige Zeit später auch die ersten zum Scheitern verdammten Kolonien gründeten.

Die amerikanischen Originale

Natürlich bereitet es riesigen Spass sich von dieser fiktiven Traumwelt verzaubern zu lassen. Was da alles abgeht, muss man schon fast als eine andere Welt bezeichnen, was ja auch die Absicht der Macher ist. Nur grenzt es in den Augen der Amerikaner an eine bodenlose Frechheit, dass die Schweizer auch ein Matterhorn haben, obwohl sie nicht fähig waren, eine Bobbahn mitten durch den Berg zu ziehen, und dass die Deutschen Schloss Neuschwantstein haargenau dem Magic Kingdom Märchenschloss abgesehen haben!

Zappelnde Gummiwurst

Aber noch viel mehr genoss ich die Exkursion ins ursprünglichste Florida, zu den Everglades. Mit Vollgas flitzte man auf propellerbetriebenen Booten über das knapp 1m tiefe Wasser. Ein echter Adrenalinstoss mit integriertem Hörschaden. Als das Boot mal ruhig daher gleitete, konnte ich kleine Alligatoren, Muscheln, Fische und höchst exotische Pflanzen ausmachen. Den Mutigen wurde sogar noch so eine zappelnde Gummiwurst, alias Baby Alligator, in die Hand gedrückt.

Marie macht Orlando Magic

Trotz der Müdigkeit dieser doch recht anstrengenden Tage, durfte das Nachtleben natürlich nicht zu kurz kommen. Wir bewahrten ein goldenes Händchen und landeten in einem Hooters. Woher das Lokal den Namen bekam, veranschaulichten die durchwegs sehr attraktiven Bediensteten, mit kurzen Minis und unter dem mit dem Bar Logo konformen orangen Top wölbten sich grosszügige "Hooters". "Was wollt ihr den zum Knabbern", fragte die mit Marie angeschriebene Schönheit. Ich schielte fast etwas zu gierig auf Ihre Fraulichkeit und war mir nicht sicher ob ich ehrlich sein sollte. Schlussendlich stotterte ich dann aber doch etwas von Chicken Salad. Im Fernsehen spielten die Orlando Magic in einem Play Off Spiel auswärts gegen die Chicago Bulls. Das einte Auge ergötzte sich an Shaqs Rebounds, das andere schielte ungeniert Marie nach. Für irgendetwas hat man ja zwei Augen, oder?

 

 
Miami Beach Sunrise
Key West Sunset
 
 
Miami Beach Sunrise
Key West Sunset
 

Reisebericht USA > Miami: Reisebericht einer Höllenfahrt

Reisebericht Miami


Reisebericht Miami

Aus irgendwelchen Gründen fühlten wir uns beide ziemlich mies heute. Wir wussten nicht genau wie das Reischen weitergehen sollte, respektive hatten verschiedene Auffassungen der Route. Der Greyhound Fahrplan sollte die Schicksalsentscheidung fällen. Angeblich war der Terminal nur einige Minuten entfernt. Im Auto, na klar, wer käme schon auf die abwegige Idee den ganzen Weg zu Fuss zurückzulegen? Mit kräftig auf die Schultern drückender Vollpackung und ohne nur ein Wort zu sprechen, latschten wir sicher über eine Stunde durch ein äusserst attraktives Industriegebiet. Endlich. Gespannt warfen wir einen Blick auf die digitale Anzeigetafel: Der nächste Bus fuhr in 45 Minuten nach..... Miami. So sollte es sein!

Wechselgeld, bitte

Als wir entdeckten, dass der einzige Spielautomat nicht das übliche, blutige Kampfspiel war, sondern das klassische Raketenballergame, konnte man uns nicht mehr halten. Um zu Kleingeld zu kommen kauften wir abwechselnd eine Zeitung, ein Salamisandwich, Wrigley's Kaugummis, ein Mars, und nochmals die gleiche Zeitung. Es galt mit unseren limitiert beweglichen Raketen das All von feindlich gesinnten Raumschiffen zu befreien, indem man wie ein Besessener auf den roten Feuerknopf raufmöbelte und gleichzeitig den tödlichen gegnerischen Geschossen auswich. Unsere Mienen hatten sich längst von der Verkrampfung gelöst und wir kämpften als sich gut ergänzendes Team gegen unsere Herausforderer. Schade fuhr der Bus so pünktlich ab.

Raucher Sünden

Die Regenzeit zeigt sich von der wildesten Seite und ich holte lieber mein Schlafmanko auf, als mich dem Wasserspiel zu widmen. Das war wahrscheinlich auch besser, weil der Fahrer raste wie ein Gepickter. Einmal brachte er sein Gefährt mitten auf der Strasse quietschend zu stehen und riss mich aus meinen Träumen.

"Wer zum Teufel ist am Rauchen?" rief er in die Runde und stand gleichzeitig auf. "Ihr wisst genau," fuhr er scheltend fort, während er mit bedrohlich funkelnden Augen den Gang nach hinten trottete, "Rauchen ist verdammt noch mal verboten hier drinnen!" Anscheinend wartete er immer noch auf das sich der Schuldige stellen würde. "Ich habe den ganzen Tag Zeit! Sagt schon Leute, wer war es?" Die Autos überholten uns hupend und der Regen prasselte mit aller Gewalt auf das Dach nieder. Im halbdunkeln kam mir der Chauffeur wie ein Geistesgestörter vor und ich fürchtete er würde jeden Moment eine abgeschnitte Schrottflinte hinter dem Rücken hervorzaubern und an dem armen Zigarettensüchtigen gleich Selbstjustiz vollziehen. Ich rechnete schon aus, wie lange es dauern würde, bis er bei allen Hauchproben analysiert hätte. Plötzlich knarrte es zuhinterst im Bus und die Toilettentür ging auf. Ein junger Mann kam reuig, mit gesenktem Kopf raus. Er musste eine erniedrigende Moralpredigt mit Appell an seine Ethik und Respekt vor dem Mitmenschen des immer noch furiosen Fahrers über sich ergehen lassen. Erst jetzt setzte sich der Fahrer wieder ans Steuer und konzentrierte sich auf seine Raserei. Schliesslich galt es die verlorene Zeit gutzumachen.

Miami Hostel

Wir hausten in einem gediegenen Hostel, in einem 8er Schlag, mit eigenem Bad und einem kühlen Bierschrank. Die Tage verbrachten wir mit Erholen vom Nichtstun. Gegen Abend verwöhnten wir uns mit selbst gemachten Spaghettis im grossen Innenhof, welcher ebenso viele Bepflanzungen hatte, wie die Pfanne Spaghettis. Vielleicht diente er früher mal als Gärtnerei oder Blumenladen.

Miami Nightlife

Das Nachtleben war wirklich vom Feinsten, wenn man seine ID dabei hatte. An diesem Prozedere der Passkontrolle gab's nichts zu rütteln: Über 21, rein ins Vergnügen; unter 21, heim zu Mama. Was beweisen schon graue Haare, ein Bart bis zum Bauchnabel, eine Glatze, Runzeln, fehlende Zähne, Rheuma oder die mitgebrachten Enkelkinder? Nur das Geburtsdatum auf einem offiziellen Stück Bürokratiepapier zählt.

Gemütlich und populär waren die vielen Freiluft Bars der Strandpromenade entlang. Fetzigen Rock bot der Pepper, heisse Tanzrhythmen waren im Cameo Theater angesagt, im Blues Brothers gab es keinen Blues, dafür umso mehr andersufrige brothers; gute Drinks präparierte das Virtua Cafe, Madonna's offerierte viel Haut und das Cosmic Cafe war der Treff- und Sammelpunkt für ausgehfreudige Backpackers.

 

Salt Lake City Fountain
New York City Brooklyn Bridge
 
Salt Lake City Fountain
New York City Brooklyn Bridge
 

Reiseberichte USA > Salt Lake City: Nonnen Glück

Reisebericht Salt Lake City


Reisebericht Salt Lake City

Mit Hilfe der Beschreibung im "Let's Go Führer" war das Hostel leicht zu finden. An der richtigen Kreuzung aus dem Stadtbus steigen, links einbiegen, nach 100m nochmals nach links drehen und schon war ich in meinem neuen zu Hause. Es war eine jener Herbergen wo man sich einfach heimisch fühlen musste. Nicht mal Doppelbetten gab es, sondern jeder hatte den Luxus eines eigenen Bettes, na ja oder nennen wir es ein etwas zu tief geratenes Holzgerüst mit einer Matratze. Gleich vor dem Zimmer war ein Aufenthaltsraum mit einem idealen Lesesofa für John Grisham's „Pelican Brief“ und einem Fusshochhaltetischchen. Die Dusche hatte ich soeben ausprobiert, fehlte nur noch ein Küchentest. Ich entschied mich für ein Reis-o-Roni mit frischem Brot. Die Küche stellte den Eistee zur Verfügung. In weniger als einer halben Stunde duftete es schon so deliziös, dass plötzlich etliche andere Gäste den Kopf rein steckten, und ich bald alle Mitbewohner kennen lernte. Am besten schmeckte das Essen draussen auf der Veranda, auf dem Schaukelstuhl. Den Teller auf Maulhöhe haltend, damit man alles schön praktisch reinschauffeln konnte. Am Abend wurde oft diskutiert, zusammen gespielt, englischer Humor in den Videoapparat geschoben - nur ausgehen wollte keiner! Ich schien der einzige Nachtschwärmer zu sein, alle anderen passten sich den äusserst religiösen Gegebenheiten des Staates und insbesondere seiner Hauptstadt an. Die wenigen Bars sind meistens auf privater Basis, wo man nur als Member oder Gast eines Members reinkommt. Sonst gibt's noch ein paar öffentliche Bars, welche aber nur Bier mit weniger als 3.2% Alkohol ausschenken. Darum blieb auch ich zu Hause!

Mormonen

Das Zentrum wird von dem gigantischen Mormonentempel beherrscht. Weiss nicht einmal ob ich da rein gekommen wäre, jedenfalls bevorzugte ich einen kleineren Tempel, etwas abseits. Ich setzte mich auf eine Bank an der einten Seitenwand und horchte heimlich den Erklärungen eines Mönchs an eine kleine Gruppe von Touristen. Plötzlich verdeckte mir jemand die Sicht. Ein bildhübsches Mädchen ganz in schwarz stand vor mir. Ich hätte schwören können sie sei wie ein Engel von oben runter geglitten!

Nonnen Glück, Liebe auf den ersten Blick

"Wie gefällt dir der Tempel?" fragte sie mich mehr oder weniger interessiert, da sie genau wusste, ich würde ihr eine positive Antwort geben. "Sehr eindrücklich", erwiderte ich, ihr mehr den Gefallen machend, als meine Meinung auszudrückend. Das Innere war eher schlicht, ohne architektonische Höhepunkte oder künstlerische Aspekte. Sie schien mich zu durchschauen und meinte, der Haupttempel sei noch viel schöner. "Ich könnte dich ein wenig begleiten und dir von unserer Religion erzählen", schlug sie mutig vor. Sie war also eine Art Nonne oder Missionarin. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick.

Bruder Simon und Bruder Jonas

Normalerweise kann ich dieses Gehabe nicht ausstehen, speziell die in weissen Hemden und Krawatte uniformierten Missionare, welche überall auf Brüderfang aus sind, gehen mir gehörig auf den Geist. Nach einem unauffälligen Blick auf das omnipresente Namensschild sage ich dann immer: "Nein Danke, Bruder Simon, ich bleibe lieber bei meinen eigenen Prinzipien!" Meistens wirkt's. Bei einem gewöhnlichen Abwimmeln insistieren sie weiter und weiter. Einmal wollte mich Bruder Jonas in einem Langstreckenbus in Belize voll labern. Ich stellte den Walkman auf maximales Volumen, drehte mich gegen das Fenster ab und vertiefte mich in eine Zeitschrift. Erst als ich die Kassette drehen musste, merkte ich, dass er immer noch am Predigen war!

Nonne Lucy

Meine Antwort nicht abwartend, setzte sie sich neben mich. "Ich heisse Lucy."

"Ähhhmm, freut mich", stotterte ich etwas verlegen. Warum haben wir uns nicht gestern Abend in einer Bar kennen gelernt?

Ich schlug einen Spaziergang im Park vor. Gerne willigte sie ein. Ich genoss ihre Gesellschaft und ihre offene und herzliche Betrachtungsweise. Sie wollte auch mehr erfahren von mir. Doch da mein derzeitiger Lebensstiel so etwas wie ein sündhafter Gegensatz zu dem ihren stand, konterte ich meistens mit einer Gegenfrage. Immerhin erzählte ich Lucy von meiner Absicht, den Yellowstone Nationalpark zu besuchen, nicht ohne Aufmunterung, sie solle mich doch begleiten. Natürlich verneinte sie, natürlich war mir das auch egal, natürlich ging ich trotzdem.

 

Old Faithful Geyser in Yellowstone National Park
Tower Falls in Yellowstone Nationalpark
 
Water goes up and...
...water comes down
 

Reisebericht USA > Yellowstone Nationalpark: Unterwegs mit Clazy Lee

Reisebericht Yellowstone Nationalpark


Reisebericht Yellowstone Nationalpark

Es blieben immer noch zwei Optionen in den Park zu kommen. Zum einen zwei Abbilder von typischen Deutschen: Dieter mit seinem stolzen Schnauzbart und etwas länglichem, ungepflegtem Haar und Michael mit begeelter Igelfrisur. Die beiden waren sicher schon einiges über dreissig aber schienen gut drauf und mochten bestimmt auch das einte oder andere Bierchen vertragen vor dem Einschlafen. Sie hatten eine Karre und luden mich gegen faire Aufteilung der Kosten ein mitzufahren.


Mister Lee

Dann war da noch Lee, etwas älteres Semester aus Südkorea, mit angeblich viel Kohle, aber keiner Ahnung wie investieren und ich mit viel Know-how, aber limitierter Kohle.

"Kein Ploblem, bezahle den Wagen. Möchte sehl geln nach Yellowstone", sagte er in schwer verständlichem Englisch. Das passte mir goldig, ich war der Boss, er der Geldgeber. Zudem schien es interessanter mit einem Exoten, als mit Sprachgenossen. Lee und ich spannten zusammen. Am nächsten Morgen ging's los. Ich suchte das passende Mietauto aus, er hielt seine Kreditkarte hin. "Glosses Abenteuer bevol zulück nach Südkorea!" sagte er halb enthusiastisch. "Grosses Abenteuer vor dem nächsten grossen Abenteuer", entgegnete ich voll enthusiastisch.

Gutes Auto, guter Fahrer?

Pro forma den Mietvertrag befolgend, stieg er zuerst auf der Fahrerseite ein. Es dauerte ein Weilchen bis er den Rückwärtsgang drinnen hatte, dann rüttelten wir die Parkhausrampe runter. Etwas skeptisch prüfte ich mit einer plötzlichen Vorwärtsbewegung die Effektivität des Sicherheitsgurtes. "Good car, yeah?" meinte er ernst, obwohl ein Lächeln eher angebracht gewesen wäre. "Gutes Auto und guter Fahrer", erwiderte ich ironisch, den zweiten Teil leise vor mich her murmelnd. Wie um der Ironie gerecht zu werden, bog Lee von der Rampe in eine Einbahnstrasse ein!

Clazy Lee

"Lee, da können wir nicht durch! Pass auf!" Doch zum Glück war der entgegenkommende Pilot auf der Hut und umfuhr uns hupend halb auf dem Gehsteig. "Clazy!" entfuhr es dem Verkehrssünder neben mir, während er am Ganghebel rummachte, obwohl wir einen Automaten unser eigen nannten. Schonend versuchte ich ihn zu überzeugen, mich ans Steuer zu lassen. "Gutes Auto!" war seine unpassende Antwort. Die grüne Welle half uns einen guten Teil des Zentrums verkehrsregelkonform und schadlos zu durchqueren. Doch es kam, wie es kommen musste, genau das Lichtsignal vor der rettenden Autobahn war alles andere als grün. Egal. Freie Fahrt für den Asiaten. Ich schloss beide Augen und positionierte meine Füsse, um einen möglichen Aufprall möglichst abzufedern. Alles blieb ruhig. "Jetzt hast du aber alle Schutzengel aufgebraucht!" mahnte ich, meine innere Angespanntheit nicht mehr verbergend. "Schnelles Auto!" gab er zurück. Ich schielte auf den Tacho: 40 Meilen/h und rechnete aus, somit in etwa zwei Tagen am Ziel anzukommen.

Lee's viele Spuren

Dank Lee war die Autobahn auf vier Spuren angewachsen, er benutzte den Pannenstreifen, damit ihn die schweren Lastwagen überholen konnten. "Was hast du in deiner Stadt für ein Auto?" fragte ich, um insgeheim meinen Verdacht bestätigt zu haben, dass der gute Mann noch nie in seinem Leben ein Auto gesteuert hatte. "Hyundai, gutes Auto." Was sonst. Stolz schaut er mich durch seine viel zu grosse Sonnenbrille an. Ich hoffte, er habe einen klaren Blick da raus, war doch der Himmel recht verhangen mit dunklen Regenwolken und ich wünschte er würde wieder nach vorne blicken. Ich beschloss ihn nichts mehr zu fragen um ihn nicht abzulenken. Somit sagte er kein Wort mehr. Er schien so programmiert, nur auf Fragen etwas von sich zu geben.

Fahrerwechsel

Mit der Zeit hielt ich seinen nervösen Slalom Fahrstiel an der Leitplanke entlang nicht mehr aus. Ich täuschte einen knurrenden Magen vor, um anzuhalten. "Dlive In", entkam es begeistern seinen Lippen. "Nein, nein, Restaurant. Verstehst du? Gewöhnliches Restaurant!" Ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren fuhr er von der Ausfahrt direkt auf einen Parkplatz und kam dort wie ein Wunder quietschend zu stehen. Beim Essen legte er die Schlüssel auf die Theke und unter irgendeinem Vorwand bemächtigte ich mich derer sofort. Später setzte ich mich zielstrebig auf die Fahrerseite und als er zu protestieren versuchte, sagte ich: "Gutes Auto, yeahhh?"

Meditation vor der Waschmaschine

Am späteren Nachmittag erreichten wir das Basisstädtchen zum Nationalpark und kehrten in die nächst beste Herberge ein. Ich brauchte endlich Ruhe und etwas Meditation. Was gibt es reläxenderes, als in einem Waschsalon zuzusehen, wie sich die Wäsche in der Trommel dreht? Immer wieder kommt ein anderes Kleidungsstück nach vorn zum Fenster, als ob es sagen möchte: "Schaut her, ich bin schon wieder eine Runde sauberer!" Weil ich heute aussergewöhnlich viele Nerven gebraucht hatte, wusch ich alles im Namen der Meditation gleich nochmals.

Yellowstone National Park

Am nächsten Tag stieg Lee direkt auf der Beifahrerseite ein und versuchte sich mit einem verkrampften Lächeln. Während wir schon den Parkeingang passierten hatten, besprachen wir in groben Zügen den Tagesplan, respektive den 3-Tagesplan: Heisse Quellen, Geysirs, Flüsse, Wasserfälle, Seen, Wälder.... Die Tierwelt lässt sich schlecht planen, trotzdem bekamen wir viele Büffel, Hirsche und sogar eine Sippe Grizzlys zu sehen.

Die ganze Zeit machte ich mir Gedanken, wie mein Reischen wohl weitergehen werde. Nord, Süd, Ost oder West? Keine Ahnung, war sehr flexibel und doch wäre es schön, wenn man irgendwelche Ziele vor Augen hätte. Etwas wird schon passieren, etwas passiert immer. Zum Übernachten kehrten wir wieder in die gleiche Herberge zurück und da passierte es dann: Auf dem Tisch im Aufenthaltsraum entdeckte ich zwischen alten Zeitungen und Zeitschriften verborgen, eine Landkarte von Kanadas südwestlichen Provinzen. Kanada! Mein Herzschlag verdoppelte sich bei der blossen Vorstellung. Ich faltete die Karte auseinander und verlor mich komplett in Träumereien. Ich könnte ja Lee alleine Heimschicken mit dem Auto, er würde schon irgendwie klarkommen und ich könnte Richtung Norden nach Kanada ziehen. Erst jetzt kam mir mein auf mich wartendes Fahrrad wieder in den Sinn. Warum nicht mit dem Bike die Rocky Mountains durchtrampeln? Sofort war ich Feuer und Flamme bei dem Gedanken. Der Drahtesel wartete geduldig bei Andy und Blanca in New York, in zwei bis drei Tagen könnte ich da sein. Sofort rief ich meine Freunde an, bekam aber vorerst einen kleinen Dämpfer, da sie urlaubsbedingt erst in 3 Wochen wieder zu Hause sein werden. Aber mit Städten wie Denver, Chicago und Toronto auf der Strecke, hatte ich keine Zweifel auch eine gute Zeit zu verbringen. Auf der anderen Seite machte ich mir ernsthafte Sorgen über meine sportliche Fitness, die alles andere als gut war.

Fahrrad Training

Also nahm ich mich wieder zurück in der Mormonenstadt dem Problem sofort an. Ich borgte mir den verstaubten grünen Renner, der im Hinterhof des Familienhostels zum Verrosten verdammt rum stand und fuhr einfach drauflos. Meine Glieder waren noch verrosteter als das Velo selbst. Trotzdem und der 35° Hitze war ich nicht mehr zu bremsen. Ich geriet auf eine gebirgige Strecke, den Emmigration Canyon hoch. Ab und zu musste ich anhalten, um meinen als Wasserbehälter dienenden Plastikbecher im Restaurant oder mit dem Gartenschlauch mit Wasser füllen zu lassen. Letztere Leute hatten solches erbarmen mit meiner schlechten Ausrüstung auf der steilen Strecke, dass sie mir eine kühle Flasche Mineralwasser schenkten, welche ich stolz in den Flaschenhalter steckte, und ihnen dafür den Plastikbecher als Souvenir hinterliess. Sogar eine Passhöhe gab es, den Little Mountain Summit, mit einer überraschend schönen Aussicht auf einen kleinen See und die umliegenden Berge. Welch ein Gegensatz zu dem kargen, unfruchtbaren Salzsee, von dem die Stadt den Namen hat.

Weiterreise

Noch am gleichen Abend nahm ich einen Nachtbus weiter. Ungleichmässig rüttelnd donnerte der Greyhound durch die Dunkelheit. Ich musste schmunzelnd an Lee denken. Über 1'000 km haben wir zusammen zurückgelegt, durch einen der faszinierendsten und sicher vielseitigsten Nationalpark des Landes. Irgendwie waren wir überhaupt nicht auf der gleichen Wellenlänge, erst am dritten Tag öffnete er sich ein wenig und erzählte auch mal was von sich, so gut er eben konnte. Sehr zufrieden mit den letzten paar Tagen und meinem neuen Ziel, schlief ich ein.

Und drei Wochen später war ich tatsächlich mit dem Fahrrad in den Rocky Mountains in Kanada unterwegs...

 

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