USA Reisebericht :: Mit dem Auto an die Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika



Der Donnervogel der nicht mehr fliegen wollte

Asheville auf dem Weg an die Ostküste
Die Reise führte nach Asheville im Osten der USA

Das Provinznest Asheville

Weil es auf dem Weg an die Ostküste lag, wir keinen eigentlichen Reiseplan hatten, die ganze Zeit dieser Welt zur Verfügung stand und uns der Name völlig anti-verheissungsvoll erschien, kauften wir damals Tickets für den Greyhound Bus in das Provinznest Asheville im Bundesstaat North Carolina. Die Haltestelle lag irgendwo weit draussen im Industriegebiet, gegenüber einem Dunloop Reifenhändler, eingeklemmt zwischen einem Farben-Supermarkt und einem Taco Bell. Wir entschieden uns gegen die Reifen und gegen die Farben und versuchten Tacos welche sicher nichts mit Mexiko zu tun hatten als ersten Akt in Asheville.


Die amerikanische Autokultur

Wir kamen auf die amerikanische Kultur zu sprechen. Aber weil es bekanntlich nicht viel Kultur gibt, dachten wir es gehöre zur Kultur, mal mit einem eigenen Auto durch so einen Taco Bell Drive-In zu kutschieren! Ein Auto musste her, zum ersten! Es lebe die Kultur. Zuerst galt es aber eine Bleibe zu finden. Wir spurten zu Fuss auf die richtige Fahrbahn in Richtung Zentrum ein und passierten unter hupenden Protesten einen nicht begehbaren Tunnel. Warum werden wir Fussgänger so schändlich diskriminiert? Ein Auto musste her, zum zweiten! Wir mieteten ein Zimmer bei Frau Schroeder im The Belvedere Tourist Home in der Merrimon Avenue." Sie können ihr Auto da hinten in der Auffahrt hinstellen", offerierte uns die Hausherrin. Endgültig, ein Auto musste her, zum dritten! Also einen Mietwagen von Hertz, Avis, Budget, Dollar, National, Sunny Cars, Alamo und wie die Autovermieter in den USA sonst noch alle heissen oder doch lieber ein Auto kaufen?


Greyhound Busse oder Auto

In den USA, als Autoland par Exellence, hinkt der öffentliche Verkehr beträchtlich hinterher. Die Greyhound Busse verbinden wohl alle grösseren Städte miteinander, aber die Frequenzen beschränken sich auf ein Minimum und die Terminals befinden sich oft in zwielichtigen Gegenden. Die meist frühzeitig notwendige Reservation lässt eine echte Reisespontanität gar nie aufkommen und zudem wird man gezwungen in den selben Junk Food Ketten wie der Fahrer zu essen, wenn man gegen dessen plötzliche Weiterfahrt vorbeugen möchte. Die Sitznachbarn sind auch nicht immer über alle Zweifel erhaben und es können ziemlich dubiose Persönlichkeiten sein. Der Fahrkomfort hält sich in Grenzen, vom Sessel Nummer 47 gleich neben der Toilette gar nicht zu sprechen.


Eddy "The Mouth of the South"

Neben Frau Schroeder und uns, im glaube ich einzigen Gästezimmer, wohnte da noch Eddy "the mouth of the south". Der Rentner plapperte den lieben langen Tag, mit wem auch immer seinen Weg kreuzte, als ob er jahrelang von einem kommunistischen Regime davon abgehalten worden wäre, seine Meinung zu äussern. Jetzt hatte er eine Meinung über so ziemlich alles. Eddy beherrschte bis zur Perfektion die Technik zum Reden beim Ausschnaufen sowie beim Einatmen. Was bei ungeübten Anwendern eine sehr verzerrte Aussprache ergäbe, tönte bei ihm genau gleich nach Eddy. Auch zu schlucken brauchte er nicht, weil das seinen Redefluss stark beeinträchtigt hätte. So landete halt der einte oder andere Spritzer auf seinem konstant getragenen dunkelblauen Wollpullover oder spürbar bei seinem Gegenüber. Manchmal getrauten wir uns fast nicht mehr aus dem Zimmer oder aber benutzten die am Fenster angelehnte Leiter, um ein und aus zu gehen.


Tipps zum Autokauf in den USA

Trotz allem war Eddy sehr hilfreich und vertraute uns seine nie ausgesprochene Meinung über einen allfälligen Autokauf an. Als devoter Christ legte er uns den himmlische Beistand eines Pfarrers nahe. "Nur er kann einen rechtschaffenen Autohändler gegen ein falsches Schwein abgrenzen," vertraute er uns in nicht eben bibelkonformer Ausdrucksweise an. Seine Hand griff noch schneller zum Telefon, welches zu Graham Bells Zeiten sicher nicht viel anders ausgesehen haben mag, als er seine Gedanken ausformulieren konnte und fing an die Nummern von Profibetern aus seiner Kirchgemeinde zu wählen. Wir konnten gerade noch rechtzeitig davon schleichen.


Gebrauchtwagenhändler in den USA
Ob der Gebrauchtwagenhändler wohl zuverlässig ist?

Traumfrau oder Traumauto?

Sie stand mitten drin, ein wenig verdeckt von etlichen Konkurrentinnen, die sich auch hervorheben wollten. Trotzdem ist sie mir sofort ins Auge gestochen. Sie hatte mir wie zugezwinkert und mir war es, als ob sie das Hinterteil absichtlich noch etwas weiter gegen hinten gedrückt hätte, um noch gewaltiger zu erscheinen. Ihr weinrotes Top glänzte auf mit den ersten zarten Sonnenstrahlen, welche die letzten Tropfen des Sommergewitters auf ihrem Körper zu trocknen gedachten. Sie legte grossen Wert auf ein gepflegtes und schickes Äusseres und erschien einiges jünger als sie wirklich war, wie sich später herausstellte. Sie verführte mich nach den ersten fesselnden Berührungen sofort mit ihrem so eigenen, bezaubernden Charme. Ich konnte ihr einfach nicht widerstehen, ich wollte sie haben, auch wenn ich dafür bezahlen musste. Ich wusste auch schon wohin ich sie mitnehmen würde... die Karre musste meine werden, ich musste das Auto kaufen!


Der Gebrauchtwagenhändler lächelt – der Donnervogel fliegt

Yes! Jetzt waren wir also mit unserem eigenen Vehikel unterwegs, einem wunderbar weinroten, klassischen Ford Thunderbird mit Jahrgang 1984. Ein beträchtlicher Teil unseres Ersparten hatten wir in Cash dem Gebrauchtwagenhändler anvertraut. Ein Autokauf war einiges günstiger als für die uns zur Verfügung stehenden Zeit ein Mietwagen zu bezahlen. Also lächelten wir zufrieden, er lächelte noch zufriedener – heile Autowelt! Wir düsten viel eher in europäischem statt dem stark limitierten amerikanischen Tempo auf dem Highway. Wir donnerten über die Asphaltpiste, der Thunderbird oder zu deutsch Donnervogel flatterte vergnügt dahin. Insassen happy, Musik laut, Freiheit enorm, amerikanischer Traum verwirklicht, heile Autowelt.


Reiseziel Ostküste, Südküste, Westküste

Atlanta war schnell erreicht. Immerhin sind CNN, Coca Cola und das Basketball-Team der Atlanta Hawks hier beheimatet, alles sehr amerikanisch, das war sicherlich ein Zwischenstopp wert. Nachdem wir aber 24 Stunden CNN geguckt hatten, literweise Coca Cola verzehrt hatten und die Atlanta Hawks gegen Miama Heat aus Florida verloren hatten, wollten wir weiter, eben in dieses Florida, wo ja angeblich besseres Basketball gespielt wird. Der vielspurige Highway hatte uns wieder, unser Ford Thunderbird machte flott Meilen. In Gedanken waren wir bereits in Florida und dann sollte es im Süden der USA weitergehen bis an die Westküste und dann und dann, heile Autowelt.


Heile Autowelt?

Plötzlich fing es aus der Motorhaube des Thunderbirds an zu rauchen. Zuerst ganz bescheiden, als ob sich der Motor darunter eine Zigarette genehmigen würde, während der stressigen Raserei. Doch der Rauch intensivierte sich sehr schnell, bis man nicht einmal mehr die Scheibenwischer vor der Scheibe erkennen konnte. Instinktiv schwenkte ich den Wagen rechts rüber auf den Pannenstreifen, liess einen Schwarzen liegen und wir retteten uns mit einer halben Hechtrolle ins Freie. Aus sicherer Distanz starrten wir erschrocken und ratlos auf das wild rauchende und schnaubende Auto, als ob unsere Investition gleich in die Luft fliegen würde.


Ford Thunderbird ist ein amerikanisches Auto
Der Ford Thunderbird ist ein klassisches amerikanisches Auto

Der professionelle Unfallaufspürer

Diese alte Klappermühle. Ich wollte soeben zur qualmenden Kühlerhaube gehen und mit dem T-Shirt ein Rauchzeichen S.O.S. in den Himmel schreiben, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Auto hinter uns zu stehen kam. Stolz sein Handy schwenkend näherte sich uns ein Typ, den ich sicher nicht zum Kaffeekränzchen eingeladen hätte. Er habe soeben Hilfe angefordert, verrät er uns so routiniert, als ob er mit seinem sportlichen Spielzeugauto auch schon einige Pannen gehabt hätte. Vielleicht war er auch ein professioneller Unfallaufspürer, von den fetten Prämien der Abschleppmafia lebend.


Knallroter Feuerwehrwagen hilft weinrotem Ford Thunderbird

Tatsächlich raste wenig später ein unverhältnismässig grosser, knallroter Feuerwehrwagen mit ohrenbetäubendem Blaulicht auf uns zu. Ich fühlte mich geschmeichelt ab soviel Wichtigkeit die uns entgegengebracht wurde. Ich stellte mir vor wie die Jungs aus dem nachmittäglichen Schlaf beordert wurden, sich in die engen Schutzanzüge zwängten, die orangen Helme unter dem Kinn zuknöpften und überstürzt die Stange runtergleiteten, direkt auf den mit laufendem Motor bereitstehenden Einsatzwagen.


Nicorette gegen das Rauchen

Unter grösstem Zischen wurde die Motorhaube unter Wasserbeschuss genommen, um dem Wagen das Rauchen ein für allemal abzugewöhnen. Ich traute ihm zwar nicht ganz und hätte ihm am liebsten noch mit ein paar Nicorette nachgeholfen. Der erste Schlauchmeister, eine Mischung aus St. Monica Beach Bodybuilder und Texanischem Cowboy, musste noch einige altkluge Bemerkungen loswerden von wegen zu schnell fahren und überhitzten Motoren. Wie gescholtene Kinder nickten wir nur, als ob wir uns um seinen Kommentar scheren würden. Wir behielten für uns, dass die Temperaturanzeige eigentlich nicht funktionierte und wie wenig wir von den lächerlich niedrigen Geschwindigkeitsbegrenzungen der USA hielten.


Howard Johnson Hotel-Luxus

Die Karre machte keinen Zuck mehr. Anscheinend wusste das auch Michael, der Handyman. Weitsichtig wie er war, hatte er schon einen Abschleppdienst aufgeboten. Während unser Wagen fortgeschleppt wurde, anerbot er uns in ein Hotel im nächst grösseren Kaff mit dem unspektakulären Namen Macon zu chauffieren. Dank einer Bekannten von ihm, erhielten wir ein luxuriöses Howard Johnson Zimmer zum halben Preis. Ich wurde das Gefühl nie los, die beiden hätten auch schon einige der Howard Johnson Betten hier auf die Federfähigkeit getestet. Der Howard Johnson Swimmingpool bestand nur in der wasserlosen Variante. Um uns von dem ganzen Mobilitäts- und Badefrust abzulenken, zogen wir zu allem Trotz die Howard Johnson Bademützen an und amüsierten uns ab Miss Doubtfire, welche im Fernsehen ihr Unwesen trieb. Oder amüsierten wir uns mehr ab uns selbst? Hauptsache abgelenkt von unserem amerikanischen Reisefrust!


Der Donnervogel der nicht mehr fliegen wollte

In leichtem Nieselregen spazierten wir ins Industriegebiet raus. Zu bewegungsfreudig einen Bus zu nehmen und zu knauserig uns ein Taxi zu leisten. Kitchen's Garage stand auf der Business-Karte, welche wir gestern vom Abschleppdienst noch zugesteckt bekommen hatten. Es war aber ein Trauermarsch, wer macht schon gerne Spitalbesuche? Der weinrote, klassische Ford Thunderbird lag in Kitchen's Garage-Spital. Der Motor sei im Eimer weil das Kühlsystem überlastet worden sei, erklärte uns der Mechaniker, dessen wirres gräulich-weisses Haar beim Gesicht unmerklich in einen Bart überging, welcher sich seinerseits mit dem Brusthaar vereinte. Wir schauten uns stumm an und hatten das bestimmte Gefühl, der Autohändler hätte sicher das eint oder andere Geheimnis des Innenlebens des Autos für sich behalten. So sind die doch alle, oder? Er brauche mehr Zeit um Ersatzteile zu besorgen, meinte der Yeti. "Come back tomorrow." Weil wir eh nichts zu tun hatten und es sowieso nichts zu tun gab, tauschten wir das Howard Johnson Hotel mit dem erschwinglicheren Macon Inn Motel, wobei der einzige Unterschied bei der fehlenden Bade- und Fernsehmütze lag.


Home sweet Home

Damals parkierten wir stolz auf dem uns schon am Vortag zugewiesenen Stückchen Auffahrt des The Belvedere Tourist Home in der Merrimon Avenue. Diesmal kehrten wir etwas konfus zurück und unser Abstellplatz vor dem Motel-Zimmer blieb leer. Kein Eddy, der uns interessiert Löcher in den Bauch fragte und gleich selber antwortete, sondern nur eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen zwei verkrachten Schwarzafrikanern. Sie standen im Innenhof rum und schrien sich ein "fuck you" lauter als das andere zu. Als ich heimlich durch die Vorhänge rausspähte, waren sie wirklich drauf und dran aufeinander loszugehen. Sofort zog ich den Kopf wieder zurück und drehte möglichst unauffällig den Schlüssel so oft es ging im Schloss rum. Ich zappte etwas beunruhigt auf der Fernbedienung rum, bis ich einen einigermassen aufregenden Thriller fand. Besser Schlägereien im Fernsehen als direkt vor der Hütte!


Motorschaden
S.O.S im Motor des Thunderbirds

US-Dollar Donation

Am nächsten Tag streckte uns das geldgierige Garagen Fräulein gleich eine Rechnung unter die Nase: $65 fürs Abschleppen, $78 für einen gebrauchten Kühler, $5.98 für ein Thermostat, $9.95 für ein Antigefriermittel, $2 für Öl und $50 für die Arbeit. Warum rauchte denn das gute Auto nach der angeblichen Reparatur immer noch wie ein Drachen aus dem Auspuff? Nach einer kurzen, aber umso heftigeren Diskussion mit der ganzen vor uns im Halbkreis stehenden Kitchen's Garage Belegschaft, zogen wir es vor das Weite zu suchen. Wir füllten einige Kanister mit Wasser und zischten auf gut Glück ab.


Boxen-Stopps

Nach 10 Minuten erfolgte bereits der erste Boxen-Kühl-Stopp. Die Motorhaube war wieder dampfend heiss und die einte Gallone Wasser schon gebraucht. Wir wussten nicht, ob wir es bis in die nächste Garage schaffen konnten. Nach einigen zusätzlichen Meilen dasselbe Spielchen. Wir setzten gleich noch eine Etappe an, mit anschliessender sofortiger Kühlung. Was für eine Strapaze für unsere Nerven und Geduld. Nach der dritten Kühlpause ging uns das Wasser aus. Wir gaben ihm etwas Zeit zur Selbstregeneration. Doch jetzt wollte der Wagen nicht mal mehr anspringen!


Der Ford Thunderbird wird indisch

Wir hatten die Schnauze gestrichen voll. Wie wir so ratlos, tief in Gedanken versunken, am Rande der Vorstadtstrasse an den Wagen gelehnt vor uns her fluchten über das Versagen von Henry Ford's Nachfolger des legendären Model T und über Kitchen's Garage als unfähigste Institution nördlich und südlich des Äquators, tauchten plötzlich zwei Inder auf. Der einte bewunderte interessiert den weinroten Thunderbird und liess seine Hand sanft über die Konturen gleiten. Kurz entschlossen drückte ich ihm den Schlüssel in die Hand, er steckte mir einige amerikanische Dollars zu und die Transaktion war erfolgreich getätigt. Ein Verlustgeschäft für uns, ganz bestimmt, doch wurde es über das Konto Schadensbegrenzung abgebucht. Und warum die Inder auf den Deal eingestiegen sind, wissen wahrscheinlich nicht einmal die Inder!


Autokauf oder Mietwagen in den USA

Nie mehr Autokauf! Nicht mal die gut gemeinten Gebete und Autokauf-Tipps unseres liebgewonnen Freundes Eddy hatten geholfen. Theoretisch wäre es zwar lukrativer gewesen, für die neun Monate dauernde Reise ein eigenes Gefährt zu haben, statt einen Mietwagen zu bezahlen, aber eben! Jedenfalls sassen wir wenige Stunden später erleichtert in einem Greyhound Bus in Richtung Florida!



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