Reisebericht einer nimmer endenden Busfahrt

Reisebus Abenteuer in den Staaten Guangxi und Guizhou

Ich hatte die letzten beiden Tage bei den Reisterrassen von Longsheng in der Provinz Guangxi verbracht und wollte nun die Reise fortsetzen nach Guiyang und Anshun in der Provinz Guizhou. Dort wollte ich mir den Huangguoshu Wasserfall ansehen, den grössten Wasserfall in China und ganz Asien. Anschliessend würde die nächste Busreise nach Chongqing folgen, wo ich auf einem Kreuzfahrtschiff den Yangtze-Fluss befahren wollte. Die scheinbar nimmer endenden Busfahrt erwies sich als wahres Reiseabenteuer und durch die Sprachbarriere als grosse Herausforderung.

Auf der Fahrbahn die keine war

Kaum erreichte ich das Busterminal von Longsheng, wurden meine Ohren gleich von etlichen Helfershelfern mit den Name von Ortschaften bombardiert. Als ich meinte einen Namen einer westlich gelegenen Stadt zu hören, folgte ich derjenigen Person zu einem bereits fast davonrollenden Gefährt. Tatsächlich mussten die Fahrgäste auf der hintersten Sitzreihe unter Nasenrümpfen zusammen rücken, damit ich Platz nehmen konnte. Die Strasse war in einem furchtbaren Zustand. Riesige Löcher liessen Zweifel aufkommen, ob es überhaupt eine Fahrbahn war. Nur schien das den sich hinter einer Mafiosi Sonnenbrille versteckende Fahrer wenig zu beeindrucken. Entweder riss er vor so einem Hindernis einen Notstopp, so dass der hier schreibende Fahrgast von seinem ungeschützten Sitz in der Mitte fast durch den Gang geschleudert wurde, oder es ging Vollgas über die Aushöhlung und wir alle der hintersten Reihe hatten temporär den Hintern in der Luft.

Begegnung mit den Volksminderheiten von China

Begegnung in China

Die Route führte den ganzen Tag auf der rechten Uferseite einem Fluss entlang. Hie und da passierten wir Dörfer aus reinen Holzhäusern, wo Passagiere ein- und ausstiegen. Schmale Hängebrücken verbanden auch Siedlungen auf der anderen Seite des Flusses. Diese Gegend von China ist bekannt für seine Volksminderheiten. Die Leute kleiden sich sehr traditionell und oft dominiert eine bestimmte Farbe. Die Frauen haben bis knielange, schwarze Haare, welche sie aber mit Hilfe eines Kamms und einer Mütze über den Schultern tragen. Auch schwere Ohrringe, welche die Ohrläppchen nach unten zehren und grosse Löcher entstehen lassen, sind sehr beliebt. Auffällig ist, dass die Leute sehr gelassen wirken und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Da kann der Bus noch so nahe vorbei rasen, die Reifen nur Millimeter von den Zehenspitzen entfernt, doch sie bleiben lieber in der so typischen Kauerstellung am Wegesrand, schaufeln mit den Essstäbchen Reis in den Mund, plaudern, spielen Karten oder bestenfalls schauen sie sich um, aber niemals würden sie nur einen Schritt weichen. Scheint ein sehr gefährlicher Ehrenkodex zu sein, wie ich es in Malaysia schon erlebt hatte.

Nach fünf Stunden erreichte der Bus Sangjiang und so gut durchgerüttelt hatte ich sicher mal genug für Heute. Ich suchte mir hier im Ort ein Nachtquartier.

Kommunikation per Pappkarton

Als ich am nächsten Tag reisebereit in den Busbahnhof von Sangjang eintrat und den Reiseführer mit dem chinesischen Ortsnamen aufgeschlagen an die Glasscheibe drückte, wühlte die Angestellte in einer Schublade herum und drückte nun ihrerseits einen Pappkarton an die Scheibe: "Go to the other terminal". Herrlich wie man so wortlos kommunizieren kann.

Der chinesische Karaoke Bus

Der Fingerspitze der Dame folgend, eine lange Brücke überquerend, gelangte ich zum anderen Busterminal. 10 Minuten später holperte ich im nächsten Minibus von dannen. Drei kleine Ventilatoren versuchten erfolglos die Schweiss Ströme zu lindern, aus dem Fernsehgerät dröhnten abwechselnd herzzerreissende Schnulzen im Karaoke Stil zum Mitsingen und billige Actionfilme made in Hongkong, wo hunderte in den Maschinengewehr Salven zu sterben schienen und der Held in der Luft schwebend etlichen Feinden vernichtende Fusstritte verabreichen konnte. Zudem klingelte all paar Minuten irgendwo ein Mobiltelefon. Es ist wirklich unglaublich, wie weit verbreitet das kleine Teil ist. Da kann jemand noch so ärmlich aussehen, mit selbst geflochtenen Sandalen und löchrigen Kleidern, ein Telefon haben immer alle dabei. Ausserdem lieben es die Chinesen laut zu sprechen, als möchten sie, dass alle Mitreisenden ihre Gespräche auch mitverfolgen können.

Der Bagger ist nicht nur zum Baggern da

Plötzlich kam der Bus zu einem abrupten Stopp. Einem Lastwagen war ein Rad abgekommen und mitten auf der Strasse wurden die Reparaturarbeiten angefangen. Eine Weiterfahrt war nicht möglich. Ich wollte mich soeben mit einem Buch auf eine längere Wartezeit einstellen, als ein mächtiger Bagger eine Geröllhalde meisternd die Kolonne umfuhr. Mit der riesigen Schaufel drückte er den Lastwagen an die Wand, damit die anderen Fahrzeuge passieren konnten. So einfach war das.

Der Fahrer des Reisebusses schien richtig aufzublühen, da die Strasse wieder frei war. Von den drei Pedalen war nur noch das Gaspedal gut genug. Das Bremspedal wurde durch Hupen ersetzt. Die Gegenfahrbahn wurde zur privaten Überholspur, alle kleineren und schwächeren Verkehrsteilnehmer wurden an den Strassenrand verdrängt. Das einzig Gute an diesem mörderischen Fahrstil war, dass wir bald schon in Congjiang ankamen.

Sprachprobleme in China

Die gelangweilt Trauben kauende Angestellte hinter dem Schalterfenster im Busterminal von Congjiang, schüttelte nur den Kopf, als ich den Namen der Provinzhauptstadt Rongjiang aussprach. Auch auf das Nennen der nächst grösseren Stadt gab es wieder das gleiche Kopfschütteln, samt einer handvoll Trauben in den Mund. Genau hinter mir, entlang der ganzen Breite der Schalterhalle, hockten sicher gegen 30 junge Männer herum und beobachteten interessiert, was der Ausländer jetzt wohl machen würde. Dieser schritt mit seinem hinten und vorne geschulterten Rucksäcken vorbei, nahm die Treppe zu den Bussen runter und fragte nun jeden, der wie ein Busfahrer aussah, nach Rongjiang. Jedes Mal sagte ich das Wort etwas anders, abwechselnd sagte ich: "Rongtschiang, Ronchiang, Roniang", mal mit Betonung auf der mittleren Silbe, mal auf der letzten.

Jiang irgendwas

Chinesische Schriftzeichen

Mein hingehaltener Papierfetzen mit den Namen in unserem Alphabet nützte erwartungsgemäss überhaupt nichts, die chinesischen Schriftzeichen des Namens waren mir unbekannt. "Rontschan? Ronschan? Rongtschan?" Die Leute schauten mich belustigt an. Ich versuchte verzweifelt den Ortsnamen richtig auszusprechen. Ein Missverständnis könnte gröbere Konsequenzen mit sich bringen. Die ganze Region war voller "jiangs" (Sangjiang, Congjiang, Rongjiang, Dongjiang, Fongjian, Gongjiang) und ein falscher Jiang-Bus würde mich wiederum einige Stunden tiefer ins Niemandsland von China bringen.

Rongjiang

Endlich fand ich einen Minibusfahrer, der behauptete in die besagte Stadt zu fahren. Stolz zeigte er mir die zwei chinesischen Zeichen auf der Frontscheibe seines Busses, was seinen Andeutungen an eben Rongjiang sei. Das Zeichen für Jiang kannte ich in der Zwischenzeit, es stand auf sicher der Hälfte der Busse, aber wie zum Teufel schreibt man Rong? Alles tönte viel zu ähnlich. In einem regelrechten Wortgefecht "rongjiangierten" wir das Wort etliche mal hin und her bis wir es ähnlich aussprachen und ich schlussendlich einstieg. Aber sicher und erleichtert war ich erst, als ich sechs Stunden später im Städtchen ankam und eines der zwei Hotels Rongjiang hiess. Ich würde also von diesem elenden Namen noch in den Träumen begleitet!

Parallelen zwischen einem Flughafen und einem Busterminal

Auf einem Flughafen lächelt einem immer modern uniformiertes Angestellte an, welche nicht nur wegen dem passenden Lebenslauf, sondern sicher auch wegen einem attraktiven Äusseren den Job erhalten haben. Beim Busterminal von Rongjiang lächelte mir ein Typ mit zwei fehlenden Zähnen und mit nacktem Oberkörper zu und fragte mich wahrscheinlich wohin ich wollte. Diesmal fand ich den Städtenamen zum Glück im Lonely Planet Reiseführer und konnte ihm die zwei Zeichen zeigen. Darauf führte er mich zu einem der drei bereitstehenden Bussen und tatsächlich waren die Zeichen auf der Windschutzscheibe identisch. Wie fragt man nun: "Um wie viel Uhr fährt der Bus ab?" Ganz einfach, man schreibt die jetzige Uhrzeit auf, deutend auf den Bus und zuckt mit den Schultern. Darauf hin schrieb er 9:30 nebenan, also in 20 Minuten. Zu meinem Erstaunen setzte er sich dann pünktlich gleich selbst ans Steuer, ich hatte also vom Busfahrer höchstpersönlich Auskunft erhalten. Sogar ein weisses T-Shirt hatte er nun angezogen, welches bis knapp über dem Bauchnabel hochgekrempelt war. Die Busreise durch China konnte weitergehen.

Multifunktionssäcke

Natürlich war auch er kein vernünftiger Fahrer, vielmehr von der Geschwindigkeit besessen und rücksichtslos. Die morgendliche Strecke war sehr gebirgig und somit äusserst kurvenreich. Nicht umsonst hing all paar Sitzreihen ein Bund schwarzer Plastiksäcke für den Notfall, wenn der Magen nicht mehr so richtig mitmachen sollte. Und die Säcke hatten reissenden Absatz. Leider wurden sie einige Male auch zu spät abgerissen und dementsprechend übel sah es schon bald aus und roch noch viel ekliger. Zudem spuckten die Chinesen fleissig herum, manche etwas zivilisierter eben in diese Multifunktionssäcke, andere zum Fenster raus, zwischen ihre Füsse oder sogar auf dem Korridor! Augen und Nase zu und auch dieses Bus-Abenteuer wurde zu einer amüsanten Anekdote.

Nie mehr bis zum nächsten Mal

Huangguoshu grösster Wasserfall in China

Genau zehn Stunden brauchten wir um aus den Bergen nach Guiyang, in die Hauptstadt der Provinz Guizhou zu gelangen. In Anshun besuchte ich den Huangguoshu Wasserfall, den grössten Wasserfall in China und ganz Asien. Und schon einige Tage später setzte ich die Reise im Bus nach Chongqing fort, wo ich auf einem Kreuzfahrtschiff den Yangtze-Fluss befahren wollte.

Reisebericht-Autor: Edith Manzoni