Reisebericht Bootsfahrt auf dem Li-Fluss

Reise von Guilin nach Yangshuo

Einer der Höhepunkte in der Provinz Guangxi und vielleicht sogar einer ganzen China-Reise, ist die Bootsfahrt auf dem Li-Fluss (Lijang oder Li Jang) von Guilin nach Yangshuo. Die Karstlandschaft mit den hoch aufragenden Bergkegeln ist schlicht faszinierend und hat schon manchen chinesischen Maler zu Höchstleistungen angeregt. Die Strecke ist ca. 80 km lang, wofür man etwa vier Stunden unterwegs ist. Je nach Wasserstand startet die Bootstour auch etwas südlich von Guilin.

Das passende Boot in Guilin

Nach der Besichtigung der diversen Sehenswürdigkeiten in Guilin, wollten wir die Reise auf dem Boot auf dem Li-Fluss fortsetzen. Anbieter für die Flussfahrt gab es im Überfluss, viele davon haben ihre Büros in der gleichen Strasse mitten in Guilin. Doch was nützen die riesigen Werbetafeln, weichen Sofas und verlockenden Poster, wenn die Angestellten drinnen gelangweilt auf den zusammen geschränkten Armen eingeschlafen sind? Lieber Reis konsumieren als Reisen verkaufen? Und wenn man durch das Betreten mal jemanden aufgeschreckt hat, verstehen sie keinen Piep von irgendeiner Fremdsprache. Alles erlebt, alles zaubert jeweils ein Lächeln hervor. Das gehört in China einfach dazu und nährt schlussendlich die erzählungswürdigen Anekdoten der Reise. Die Serviceleistung ist in China nicht so wichtig, meist reicht die Präsenz.

Somit erhielt Mike mit seiner Agentur den Zuspruch, da er wenigstens einigermassen verständlich Englisch sprach und jeden seiner Sätze mit mindestens einem "beautiful" schmückte. Die von ihm gebrauchte Verkaufsmasche, es habe nur noch wenige Plätze verfügbar, war zwar allzu durchschaubar, dafür nützte meine schauspielerisch aufgesetzte Miene der Unentschlossenheit und der Preis senkte sich für jede zusätzliche Denkrunzel die ich auf die Stirn simulierte.

Ausflug auf Umwegen

Am nächsten Morgen, als wir schon über eine Stunde in der Rezeption auf Action gewartet hatten, kam plötzlich ein Junge herein gekeucht, schaute sich kurz um und streckte mir denn sein Mobiltelefon entgegen. Jemand fing an auf mich einzureden. Erst nach einigen Sätzen erkannte ich das Geschwätz als nicht chinesisch und kurz vor dem Auflegen glaubte ich Mikes Englisch herausgehört zu haben. Was auch immer er gesagt haben mochte, ich schätzte mal wir sollten dem Handy-Besitzer folgen und das taten wir dann auch.

Mit einem Minibus ging es zuerst mal in die Gegenfahrtrichtung, so dass alle entgegen kommenden Fahrzeuge wenig erfreut kräftig auf die Hupen drückten. Nun dachte ich, wir würden noch die vielen anderen Reisenden in ihren Hotels abholen, da wir ja die letzten Plätze ergattert hatten. Somit fragte ich das den Fahrer mal auf Englisch. Er antwortete auf chinesisch, dass das nicht der Fall sei.

Obwohl der Li-Fluss mitten durch die Stadt Guilin fliesst, waren wir jetzt weit draussen im Grünen, auf einer Schnellstrasse. "Wohin gehen wir eigentlich?" fragte ich neugierig und etwas beunruhigt. "Beautiful, beautiful", gab der Junge mir bereitwillig Auskunft. Endlich kamen wir zu einem Stopp. Ich übersetzte das was der zu mir umgedrehte Fahrer sagte als "aussteigen".

Nun wurde ich erneut mit Mike am Handy verbunden und mitten in seinem Redeschwall verstand ich die Wörtchen "wait" und "eat". Alles klar, es geht nicht über einen gut organisierten Ausflug. Im Haus gleich nebenan wurde uns eine Schüssel Reis mit Fleisch für fünf Personen aufgetischt.

Reisestart

Karstlandschaft am Li-Fluss

Während wir höchst konzentriert mit den Stäbchen das Essen in den Mund schaufelten, hielt mir plötzlich jemand erneut ein Mobiltelefon ans Ohr. Wir sollten der Frau folgen, lauteten die Instruktionen und ich kam mir vor wie auf einer Geheimmission. Doch statt einer James Bond würdigen Schönheit, führte uns eine ältere Dame auf ein längliches, grünes Boot. Obwohl ich aus klischeehaften Gründen das Auftauchen eines graubärtigen Kapitäns mit weisser Mütze erwartete, hüpfte die angebliche Spionin selbst hinter den kleinen Kontrollpult und brachte den Motor zum Laufen. Die Flussfahrt auf dem Lijang konnte nach der Odysee endlich losgehen.

Flussfahrt durch die Karstlandschaft auf dem Li-Fluss

Die in diversen Reiselektüren und Reiseberichten erwähnte Massenabfertigung der Bootsfahrten blieb uns erspart, weit und breit war kein anderes Schiff in Sicht. Mit uns unterwegs waren nur zwei weitere Backpacker aus Frankreich und eine chinesische Familie. Das Boot tuckerte nun mitten durch die spektakuläre, viel gelobte Karstlandschaft. Anfänglich hüllte ein aufsteigender feuchter Nebel die malerische Kulisse ein, später drang die Sonne hervor und zauberte die Landschaft in ein leuchtendes Grün. Die Bäume ragten teils weit über das Wasser und ergaben wunderbare Spiegelbilder.

Motorpanne

Die chinesische Bootsführerin forderte dem alten Kahn einiges ab, der Motor schien auf Hochtouren zu laufen... und lief plötzlich überhaupt nicht mehr! Mit der Strömung legten wir am Ufer an. Während wir aufgefordert wurden die Umgebung zu Fuss etwas zu erkunden, legte sich die Dame bäuchlings auf den Boden im hinteren Bootsteil und fing mit einem Hammer an, den Motor zum Arbeiten zu bewegen. Wir hatten blindes Vertrauen in unseren Kapitän und genossen einige ruckelfreie Minuten auf dem Festland.

Ausschiffen in Yangshuo

Yangshuo am Li-Fluss

Alles halb so schlimm, bald wurden wir durch die wild gestikulierende Frau wieder an Bord gebeten und die Schifffahrt in Richtung Yangshuo konnte weiter gehen. Der Li-Fluss zog mit grossen Bogen zwischen den vielen, grün bewaldeten Karstbergen hindurch. Skurille Bergkegel in endloser Abfolge, die Erhabenheit der Berge und der Natur ist wirklich einmalig. Die Landschaft übertraf sich immer wieder selbst an Schönheit. Wir wurden schon fast melancholisch, als wir zur Anlegestelle in Yangshuo gelangten und die Flussfahrt somit beendeten. Erstaunlich natürlich auch, dass alles super geklappt hatte. Aber wie haben die Chinesen wohl solche Trips vor dem Zeitalter der Mobiltelefone organisiert? Jedenfalls freuten wir uns nun auf einige Tage in Yangshuo.