Reisebericht einer Rundreise durch die USA

Mc Connells Mill State Park

Grand Canyon, Yosemite, Yellowstone, Bryce Canyon, Arches oder Mc Connells Mill? Zugegeben Mc Connell's Mill State Park tönte nicht ganz so verlockend wie andere bekanntere Nationalparks und war auch nicht annähernd so attraktiv. Eine alte Mühle wurde aufgepeppt und einige Pfade dem Fluss Slippery Rock Creek entlang beschildert. Wie dem auch sei, als Naherholungsgebiet im Bundesstaat Pennsylvania, ca. 65 km nördlich von Pittsburgh, zog er doch etliche Amerikaner aus ihren heiss geliebten Autos raus in die Natur für einen kleinen Spaziergang.

 

Lebensrettung aus dem Wildbach

Natürlich ist der Besuch eines Waldes oder eben eines Nationalparks nicht ganz so unproblematisch für die Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika, es müssen eine Menge wichtiger Dinge beachtet werden. Auf einer nicht übersehbaren Holzplatte wurden die allerletzten kritischen Zweifler darauf aufmerksam gemacht, dass man sich tatsächlich in einem Naturpark befindet und darunter werden die äusserst strikten Regeln dargelegt. Sonst würde vielleicht noch einer auf die Idee kommen Schadenersatzforderungen zu erheben, weil er angeblich nicht gewusst hat, dass er beim Joggen einen Fuss verstauchen kann, keine Eichhörnchen grillen sollte, ein allfälliger Regen nass machen könnte und Tannenzapfen keine Souvenirs sind.

Angeblich aber fehlte ein alles entscheidendes Gebot: du sollst nicht auf nassen Steinen am Ufer des Flusses spazieren gehen! Und dies obwohl der Fluss ironischerweise Slipper Rock, also glitschiger Stein heisst. Als wir gerade den ersten Pfad unter die Füsse nahmen, hörte ich plötzlich einen grellen Schrei, wie ihn die menschliche Kehle wirklich nur in einem Notfall ausstossen kann. Sofort rannte ich in diese Richtung, runter zum Fluss. Mein Blick schweifte dem Ufer entlang - nichts!

Dann noch ein fast nicht hörbarer Aufschrei, mitten aus dem reissenden Fluss. Für einen Moment sah ich ein paar Arme frenetisch fuchteln, bis der nächste Stoss Wasser alles zudeckte. Als der Körper bei einer Stromschnelle nochmals kurz auftauchte, konnte ich eine vielleicht 16-jährige Teenagerin ausmachen, welche der absoluten Hilflosigkeit an bestimmt nicht schwimmen konnte und vom reissenden Wildbach unbarmherzig flussabwärts getrieben wurde.

Ich rannte ein Stück dem Uferweg entlang, bis ich auf gleicher Höhe wie das Mädchen war und sprang ins eiskalte Wasser. Sofort bereute ich meinen übereilten Tatendrang. Wegen den winterlichen Verhältnissen hatte ich dementsprechende Kleider an und die schweren Schuhe zogen mich fast ins Verderben runter. Ich hatte die grösste Mühe mich selbst über Wasser zu halten. Sobald ich mich dem Mädchen genähert hatte, griff sie sofort nach mir, kletterte an mir empor und stiess mich wild strampelnd unter Wasser. Jetzt klammerte sie sich verzweifelt an mir fest, ohne sich darum zu kümmern, dass der Retter unter ihr auch ganz gerne hie und da etwas Sauerstoff atmen würde. Ich musste sie regelrecht schlagend weg stossen, um nicht selbst in die ewigen Jagdgründe der Fische zu gelangen und schnappte an der Oberfläche gierig nach Luft.

Wir trieben noch über längere Distanz den Slippery Rock Fluss runter. Erst als sie vom dauernden Zappeln völlig erschöpft war, schaffte ich es, uns gegen das linke Ufer zu manövrieren. Gegen die starke Strömung ankämpfend, gelang es mir auf dem steinigen Grund Halt zu finden und im hüfttiefen Wasser aufzustehen. In kleinen Schritten den fast leblosen Körper mitzerrend, näherte ich mich langsam etwas seichterem Gewässer. Etliche Gaffer hatten sich schon versammelt und dachten vielleicht, das gehöre alles zum Animationsprogramm des Nationalparks. Erst als ich ein paar Mal mühsam nach Atem ringend und hustend "help" krächzte, schickte sich einer an mir zu helfen. Ich weiss gar nicht mehr ob da Mädchen bewusstlos war. Jedenfalls wurde sie hochgezogen und von in der Zwischenzeit eingetroffenen Sanitätern betreut.

Ich setzte mich erstmals erschöpft auf die Böschung und tropfte eine ganze Weile stillschweigend vor mich hin. Ich spürte immer noch den Hauch des Ertrinkens in meinem Nacken, zitterte und fröstelte am ganzen Leibe. Ich hatte ein Gefühl, als ob ich soeben selbst aus einem Alptraum gerettet worden wäre. Wie nahe sich doch die so gegensätzlichen Konzepte von Leben und Tod stehen können!

Plötzlich schreckte mich eine Beamtin aus meinen Gedankenfluten. Sie kam mit einer wärmenden Decke angesprungen und fragte mich ungläubig, ob ich wirklich das Mädchen allein aus dem Fluss gerettet hätte. Ich schilderte alles nochmals so gut ich konnte, während sich eine stattliche Menschenmenge um uns versammelte. Als dann auch noch ein Journalist mit Fotograf auftauchte, hatte ich den ganzen Rummel satt, bahnte mir einen Weg durch die Schaulustigen und steif wie ein Roboter von den nassen Kleidern machte ich mich davon.

Das Mädchen erholte sich auch bestens, so richtig dankbar schien sie trotzdem nicht zu sein, ich musste sie kontaktieren um nachzufragen. Sie hätte sich wohl nie gemeldet. Entweder war sie charakterlich so oder hatte ich gar einen todsicheren Selbstmordversuch vermiest? Jedenfalls wird auf der Webseite des Parks auf die Gefährlichkeit des Flusses aufmerksam gemacht, angeblich passieren immer wieder Unfälle und sogar Todesfälle.