Reisebericht zum Salto Angel Wasserfall im Canaima Nationalpark

Expedition zum höchsten Wasserfall der Welt

Einer der unbestrittenen Höhepunkte einer Reise durch Venezuela ist die Erkundung der Region von Canaima im Südosten des Landes. Da keine vernünftige Verbindungsstrasse existiert, ist das Flugzeug die bevorzugte Transportmöglichkeit und erhöht den Reiz des Abenteuers ungemein. Rund um Canaima verführen zahlreiche Wasserfälle und die idyllische Lagune zum Baden und Verweilen. Auf einer Bootstour den Rio Carrao flussaufwärts, beeindruckt die einzigartige Szenerie mit Tafelbergen, welche aus dem üppigen Dschungel ragen. Der Star schlechthin ist der Salto Angel, der höchste Wasserfall der Welt, wie unser Reisebericht zu erzählen weiss...

Abenteuerliche Anreise

Das Unterfangen den Salto Angel, den höchsten Wasserfall der Welt zu besuchen, ist mit einer sehr abenteuerlichen Anreise verbunden. In Ciudad Bolivar konnten wir ein 6-Plätziges-Kleinflugzeug borden und segelten damit über den weitläufigen Dschungel in die Ortschaft Canaima, einer kleinen Siedlung des Pemón Stammes. Kaum waren wir auf der Schotterpiste gelandet, wurden uns unsere Rucksäcke gleich in die Hände gedrückt und wir zottelten damit von dannen, auf der Suche nach einer Unterkunft.

Expeditionsteam

Am nächsten Morgen waren wir mit unserem Tourguide verabredet. Südamerikanisch unpünktlich stellte sich Maury uns vor. Das 17 Jahre junge Mädchen machte ihren Job bravourös, alles klappte vorzüglich, trotz des jungen Alters. Sie führte uns an den Fluss runter, den Rio Carrao, wo ein längliches Einbaum-Kanu, von der lokalen Bevölkerung "Curare" genannt, bereits abfahrbereit war. Einige weitere Backpacker hatten bereits Platz genommen und das Abenteuer konnte beginnen.

Der Maschinist, wie der Mann am Motor frei übersetzt genannt wird, und der auf dem Bug sitzende Paddel- und Steuermann, wechselten während den ganzen drei Tagen kein Wort mit uns, weil sie gemäss Maury nur ihren indianischen Dialekt sprachen und nur sehr schlecht Spanisch konnten. Vielleicht auch deshalb akzeptierten die beiden Maury als verantwortliche Wortführerin, ein normaler venezolanischer Macho hätte sonst wohl kaum eine Frau als Hauptverantwortliche anerkannt.

Bootsfahrt zu den Tafelbergen

Wir deckten die Rucksäcke und den Proviant mit einem Plastik ab, somit wurden nur wir durch die dauernden Spritzer nass. In rasanter Fahrt kurvten wir den Rio Carrao hoch, mitten durch den üppigen Amazonas Regenwald und vorbei an den für die Region typischen Tepuis (Tafelberge), senkrecht aufsteigenden Sandsteinformationen mit einem flachen Deckel darüber. Das Wort kommt aus der Pemón Sprache und bedeutet nichts weiter als Berg. Durch die totale Isolation gedeihen angeblich über 1000 sonst vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten auf den Tepuis, ein Phänomen, welches auch vom Tafelberg bei Kapstadt in Afrika bekannt ist.

Der Kapitän bog nun in den deutlich weniger wasserreichen Rio Churrún. Mit viel Geschick musste er die Untiefen bei den Stromschnellen umgehen. Dabei beschleunigte er kurz vor der steinigen Passage, hob den Motor aus dem Wasser und sobald wir die Stromschnelle passiert hatten, senkte er ihn wieder und beschleunige sofort, um nicht von der Strömung heruntergerissen zu werden. In den trockenen Monaten November bis Mai ist es manchmal gar nicht möglich auf dem Rio Churrún zu navigieren.

Salto Angel - der höchste Wasserfall der Welt

Salto Angel, der höchste Wasserfall der Welt

Einer der mächtigsten Tafelberge ist der Auyantepui (Berg des Gottes des Bösen), von dessen Dach der Salto Angel (Engelsfall) in die Tiefe stürzt, der mit 979 m höchste Wasserfall der Welt. Der Wasserfall wurde gar nicht nach einer himmlischen Kreatur, einem Engel benannt, wie man vielleicht annehmen könnte. Er verdankt seinen Namen einem Buschpiloten aus Nordamerika, Jimmie Angel, welcher auf der Suche nach Gold auf der Oberfläche des Auyantepui landete. Dummerweise konnte er nicht mehr abheben und nur mit viel Glück schaffte er nach einer 11-tägigen Odysee die Rückkehr in die Zivilisation wieder.

Teufelsschlucht und Trekking

Langsam aber sicher drangen wir tiefer in den "Cañón del Diablo" (Teufelschlucht) ein und der gelblich-rote Fluss wurde immer enger. Schon bald konnte man den Fall des Salto Angel erkennen. Das Wasser wurde durch den Einfluss des Windes eher zu einem Sprühregen, sammelte sich aber am Fusse der Felswand wieder und meisterte einen weiteren kleinen Höhenunterschied, um in einer kleinen Lagune zu landen.

Genau dorthin wanderte unsere kleine Gruppe nun. Auf teilweise glitschigen Pfaden durchs Dickicht, mal mehr kletternd als gehend, erreichten wir die Laguna unter dem Wasserfall. Ein erfrischendes Bad im Engelswasser durfte natürlich nicht fehlen. Im Wasser auf dem Rücken liegend, den Blick gegen oben gerichtet, kam die Grösse des Naturphänomens und die Höhe des Angel Falls erst so richtig zur Geltung.

Nachtlager mit Yucca-Schnaps

Als wir uns auf den Weg ins Camp machten, hatte die Abenddämmerung bereits eingesetzt. Die Trekking-Route führte uns in einer guten Stunde zurück an den Fluss, an dessen Ufer unser Nachtquartier "Campamento Kavac" lag. Über dem Feuer brutzelten schon drei Tierkörper, welche gemäss dem Grill-Meister frisch von ihm gejagte Geier waren. Was zum Geier es auch immer gewesen sein mag, geschmeckt hat es ausgezeichnet.

Zum Nachtisch wurde ein Yoghurtbecher herumgereicht, mit einer mit Wasser verdünnten, fermentierten Masse aus der Yucca Pflanze. Die wahrscheinlich durch das alkoholhaltige Wundergetränk beeinflusste Maury erzählte uns bei Kerzenschein die Anekdote vom Riesenhamster namens Lapa, welchen sie als kleines Mädchen mit einem Stock erschlagen musste, weil ihr Vater das Tier mit seinem Schuss nur streifte. Oder die folgende Legende ihres Pemón Stammes:

Warum das Stinktier stinkt

Ein damals noch gar nicht stinkendes Tier wurde beim Überqueren eines Baches von einem Fisch verschlungen. Doch schaffte es der Fisch einfach nicht dieses Tier zu verdauen und es fing in seinem Magen an zu modern und stinken. Nach einigen Tagen wurde der Geruch so unerträglich, dass der Fisch es wieder ausspucken musste. Bis zum heutigen Tage leidet die neue Generation dieser Tiere wegen diesem Abenteuer ihres Vorfahren und nennt sich deshalb Stinktier!

Nun aber ab in die Hängematte und unter das Moskitonetz, die Mücken bestanden immer hartnäckiger auf ihr Abendessen und zudem fielen uns die Augen fast im Stehen zu!

Rückkehr nach Canaima

Beim ersten Morgenlicht kletterte ich aus der Hängematte und erfrischte mich unten am Fluss. Nach einem raschen Frühstück mit Arepas (Maisküchlein), Rührei und Kaffee, drängte uns die äusserst zeitbewusste Maury zum Aufbruch. Immerhin hatten wir eine fast vierstündige Bootsfahrt flussabwärts vor uns.

Frosch und Fröschchen

Zurück in Canaima quartierten wir uns wieder im gleichen Backpacker-Hostel ein. Wir beschlossen den heutigen Nachmittag für Ausflüge zu den umliegenden Wasserfällen zu nutzen. In der Nähe des Dörfchens kletterten wir auf einem glitschigen Pfad hinter die Kulissen des Salto Hacha (Beil) Wasserfalls. Über ein Plateau gelangten wir dann zu einer traumhaft schönen Lagune. Zwei Wasserfälle, Frosch und Fröschchen genannt, bilden die Wasserzufuhr. Hier kann man gar nicht anders, als die Hüllen fallen zu lassen und sich ins Wasser zu stürzen.

Globetrotter Festival

Waserfälle und Lagune von Canaima

Am späteren Abend setzten wir uns zu einer bunt zusammen gewürfelten Gruppe von Backpackern am weissen Sandstrand der Lagune von Canaima. Die drei im Wasser stehenden Palmen und die Wasserfälle Golondrina und Ucaima im Hintergrund, kombiniert mit einem von Sternen überzogenen Himmel, verliehen dem Ort eine magische Atmosphäre. Wir diskutierten über Gott und die Welt und das Reisen, mal auf Deutsch, Spanisch, Französisch oder Englisch, je nach dem wer gerade Wortführer war. Eine Flasche venezolanischen Cacique Rum belebte die Stimmung für eine tolle Fiesta. Bald gesellten sich auch Einheimische dazu, einige Reiseleiter und Bootsmänner, welche den Trip zum Salto Angel anbieten. Es war sehr interessant, mal die Sichtweise der lokalen Bevölkerung zum ganzen Rummel um den Salto Angel zu vernehmen. Viele schätzten die somit geschaffenen Arbeitsmöglichkeiten, andere waren der vielen Besucher überdrüssig. Sie gaben sogar an, ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft oft nur vorzutäuschen. Eines hatten hier alle gemeinsam, sie verprassten ihren hart erarbeiteten Lohn mit Rum und Bier und genossen die friedliche Fiesta.

Rettung aus dem Urwald

"Vamonos, vamonos!" Durch kräftiges Rufen und Klopfen weckte uns Jesus, der Hostel-Manager am folgenden Tag. Mir brummte kräftig der Schädel von der gestrigen Party, welche vor einigen Minuten immer noch in vollem Gang gewesen zu sein schien.

"Das Flugzeug fliegt in 10 Minuten ab", rief Jesus unruhig. Ich hüpfte sofort unters kalte Wasser der Dusche und packte meine sieben Sachen in Rekordtempo in meinen Rucksack. In einem Eilmarsch erreichten wir kurze Zeit später den Flugplatz, nur um zu erfahren, dass unser gebuchter Flieger mit zwei anderen Touristen abgeflogen sei. Als Trostpflaster diente die Information, in vier Stunden fliege der nächste Buschpilot los. Ganz so schlimm war es schlussendlich nicht. Es klappte ein wenig früher. Das Abenteuer Venezuela konnte weitergehen, die Reise führte uns schlussendlich nach Mérida, wo wir auf einem Trekking die Anden erkunden wollten.